Von Entspannung kann bei Corinna Fellner noch überhaupt keine Rede sein. Schon wieder hat sie mit einigen Unterstützern und ihrer Tochter zusammen bis nachts um zwei Briefe geöffnet und sortiert. „Aber immerhin ist mein Bügelzimmer, in dem wir die unterschriebenen Formblätter immer zwischengelagert haben, wieder ziemlich aufgeräumt“, erzählt sie gut gelaunt.
Die Wiederherstellung der Ordnung auf neuneinhalb Quadratmetern rund ums Bügelbrett ist ein kleiner praktischer Erfolg auf dem Weg zu ihrem großen politischen Ziel: Corinna Fellner und ihre Tandempartnerin Anja Plesch-Krubner kämpfen seit 2017 für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium in Baden-Württemberg. Dass die beiden Mütter vor zwei Wochen fast 78 000 Unterstützer-Unterschriften im Landtag abliefern konnten, markiert den – mutmaßlich vorläufigen – Höhepunkt einer ungewöhnlichen politischen Erfolgsgeschichte.
Aktuell spricht alles dafür, dass die beiden Frauen im Südwesten Schulgeschichte schreiben könnten. 27 Jahre nachdem die damals junge Kultusministerin Annette Schavan (CDU) vorpreschte und den Weg zum „Turbo-Abitur“ erst im Land und dann in ganz Westdeutschland frei boxte, beginnt Baden-Württemberg jetzt, sich doch auch für die Rückkehr zum neunjährigen Regelgymnasium zu öffnen – als letztes westliches Bundesland.
Wie haben die beiden Mütter das geschafft – im Alleingang, ohne unterstützende Organisation im Hintergrund und bei jeder Menge Gegenwind? Auch im grün-schwarz regierten Baden-Württemberg, wo der Ministerpräsident die „Politik des Gehörtwerdens“ zu einer Art Markenzeichen gemacht hat, ist das keine Selbstverständlichkeit, im Gegenteil. Winfried Kretschmann hat zwei Dinge stets klar gemacht: ge- und erhört werden sind in seinem Demokratieverständnis nicht das gleiche, und er selbst ist Anhänger des achtjährigen Gymnasiums.
Weitersammeln Ehrensache
Auch seit sie die Unterschriften im Landtag abgegeben haben, radelt Corinna Fellner jeden Tag zur Post. Hunderte weiterer Unterstützer-Briefe hat sie seither abgeholt. Das Unterschriften-Minimum ist zwar schon ums Doppelte erreicht. Aber erst am 12. November läuft die Frist zum Sammeln aus, und alles, was rechtzeitig in Amtzell eingeht, werden die beiden Frauen noch im Landtag abliefern.
Nötig wäre das nicht. Ein paar formale Prüfungen stehen zwar noch aus. Doch ernsthaft bezweifelt niemand auf dem politischen Parkett, dass die Initiative „G9 jetzt!“ schon viel mehr als die erste Etappe auf dem Weg zu einem möglichen Volksbegehren über die Zukunft des Gymnasiums im Südwesten erreicht hat. Für Corinna Fellner und Anja Plesch-Krubner ist das Weitersammeln trotzdem Ehrensache. Welches politische Kapital jede einzelne Unterschrift darstellt, haben sie schließlich gerade in den Wochen schätzen gelernt, als sie fürchteten, das Quorum zu verfehlen.
Konsequente Arbeitsteilung
Corinna Fellner – 52, Industriekauffrau aus Amtzell, ein Sohn, eine Tochter – ist in der Zwei-Frau-Initiative federführend für das praktische Sammeln, Sortieren und Abgleichen der Briefe zuständig. Anja Plesch-Krubner – 55, Ärztin aus Heidelberg, ebenfalls ein Sohn, eine Tochter – hat hauptsächlich das Recherchieren und die politische Kommunikation übernommen. Das Erfolgsgeheimnis der beiden Frauen ist neben einer klugen Arbeitsteilung und gegenseitigem Vertrauen vor allem ihr Durchhaltevermögen.
Dass sie mit dem Volksantrag ein dickes Brett bohren müssen, war den beiden Müttern nach zwei erfolgreichen, aber folgenlosen Petitionen für G9 klar. Wie schwer der Weg werden würde, war es nicht. Es sei „die Zeit unserer größten Ratlosigkeit“ gewesen, als sie merkten, dass Bürgerämter nicht wissen, wie sie die Unterschriften mit dem Wählerregister abgleichen müssen, dass Schulen Informationen über ihre Aktion unterbinden, obwohl das erlaubt ist, dass sie Lehrkräfte aufklären müssen, was diese im Blick auf G9 als Privatleute dürfen, als Beamte aber nicht. Großes Aufhebens machen Corinna Fellner und Anja Plesch-Krubner am Ende nicht davon. Wie viele Briefe mit unterschriebenen Formblättern wegen Behördenfehlern zurück geschickt, wie viele Beamte telefonisch über das korrekte Vorgehen aufgeklärt werden mussten, haben sie so wenig gezählt wie die Stunden, die sie für den Volksantrag insgesamt gearbeitet haben.
Politisiert hat die beiden die G8-Erfahrung ihrer eigenen Kinder. „Ich habe damals gedacht: Es ist Freitag, die Büros sind leer und unser Sohn ist immer noch in der Schule“, erzählt Anja Plesch-Krubner. „Irgendwann kollidierte der Nachmittagsunterricht meiner Tochter mit dem Training in der Auswahlmannschaft beim Fußball. Da war für mich klar, dass etwas schiefläuft im Gymnasium“, ergänzt Corinna Fellner. „Schüler dürfen nicht nur Schüler sein müssen.“
Kampf gegen Vorbehalte
Aktuell schwimmen die beiden auf einer Woge der Unterstützung. Doch das war nicht immer so. Anfangs rannten sie in der Politik und in der Bildungsforschung gegen Wände. Gerade Anja Plesch-Krubner hat als „Mutter aus Heidelberg“ und „Akademikerin mit Doppelnamen“ einiges an Vorbehalten zu spüren bekommen. Das sie sich unsozial und unsolidarisch nur für die Interessen von Bildungsbürgerkindern einsetzten, dass ihre Kinder wohl ein leichteres Abi bräuchten und sie die Gemeinschaftsschule torpedieren wollten, sei ihnen vorgeworfen worden. „Dabei wünschen wir uns ein Gymnasium, das für alle sozialen Schichten offen ist“, sagen beide. Ein Tiefpunkt war für sie erreicht, als der Bildungsforscher Olaf Köller, der in einer Studie weder einen Leistungsabfall, noch überhandnehmenden Stress oder gravierende Einbußen bei Freizeitaktivitäten von G8-Schülern festgestellt hatte, den Eltern „postfaktisches Verhalten“ vorwarf. Sich mit Donald Trump in eine Ecke gestellt zu sehen, hat Anja Plesch-Krubner empört. Ihre Reaktion: Gegenpositionen zur herrschenden Lehrmeinung über G8 zu recherchieren.
Eine Position der Stärke
Dass Corinna Fellner und Anja Plesch-Krubner einen so langen Atem hatten – mittlerweile haben ihre älteren Kinder das Abitur und die jüngeren sind nicht am G8 – hat Eindruck gemacht. In der Landespolitik hat der Wind fast komplett gedreht. Nicht nur FDP- und SPD-Fraktion im Landtag sind längst auf G9-Kurs, auch die Landes-CDU ist umgeschwenkt. Die Grünen sind zwar noch nicht ganz so weit. Aber seit Winfried Kretschmann im Frühsommer ein Bürgerforum über die Lerndauer am Gymnasium initiiert hat, zeichnet sich die Wende zum neunjährigen Lernen vor dem Abitur auch im Südwesten ab.
Mitte Dezember gibt das Bürgerforum sein Votum ab. Danach werde es Gespräche über die Zukunft des Gymnasiums geben, verlautet aus der Koalition. Dabei werden die beiden Gymnasialrebellinnen nicht am Katzentisch sitzen. Entsprechend selbstbewusst treten Corinna Fellner und Anja Plesch-Krubner jetzt auf. Gesprächsbereit sind sie natürlich, für faule Kompromisse aber auf keinen Fall zu haben. Dass sie ihren eigenen Gesetzentwurf durchsetzen können, ist zwar unwahrscheinlich. Aber natürlich denken sie nicht an vorauseilende Zugeständnisse, wo in den vergangenen drei Wochen allein an die 40 000 Unterschriften bei ihnen eingegangen sind und die Flut im Amtzeller Bügelzimmer noch nicht abebbt. „Wir scheuen auch ein Volksbegehren nicht“, sagt Anja Plesch-Krubner kühl. „Wir stehen ja nicht mehr am Nullpunkt, sondern konnten ein tolles Netz an Unterstützern aufbauen.“