Die Zahl der Betroffenen steigt fast stündlich. Noch am Donnerstagnachmittag spricht das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden gegenüber unserer Zeitung von einer „mittleren zweistelligen Zahl an bekannt gewordenen Sachverhalten“. Gemeint sind damit die Fälle, in denen bisher in den vergangenen Tagen bundesweit per E-Mail Bombendrohungen an verschiedene Einrichtungen verschickt worden sind. Am Freitagmorgen ist diese Zahl schon wieder Makulatur. Von überall fluten neue Meldungen, vor allem aus Baden-Württemberg, wo mehrere Schulen nach Drohungen geräumt werden. Die Gesamtzahl der Vorfälle dürfte inzwischen im dreistelligen Bereich liegen.
Betroffen sind vor allem Schulen und Bildungseinrichtungen, aber nicht nur. Auch Gebäude des Jobcenters, Medienhäuser oder sogar Polizeireviere stehen auf der Liste der Empfänger. Jeweils nachts oder am frühen Morgen erhalten sie eine E-Mail mit bedrohlichem Inhalt. Meist ist die Rede von einer Bombe. In jedem Fall entscheiden bisher Polizei und Staatsanwaltschaft vor Ort, wie sie reagieren. Mal wird evakuiert, mal nicht.
Immerhin: Eine Bombe gefunden worden ist bisher nirgendwo. „Bislang ist kein Sachverhalt bekannt geworden, bei dem im Nachgang der Bombendrohung und Räumung verdachtserhärtende Erkenntnisse erlangt werden konnten“, heißt es beim BKA. Oft gehen die Ermittler vor Ort nicht von einer konkreten Bedrohung aus – aber gerade bei Schulen gehen sie meist auf Nummer sicher.
Keine zentralen Ermittlungen
Zentral ermittelt wird bisher nicht. „Die Sachverhalte sind dem Bundeskriminalamt bekannt. Im Rahmen der Zentralstellenfunktion werden diese bewertet und in die Lageeinschätzung eingebracht sowie Maßnahmen abgestimmt. Diesbezügliche Aufklärungen und Ermittlungen werden durch die zuständigen Behörden der Bundesländer betrieben“, sagt ein BKA-Sprecher in Wiesbaden.
Es stellt sich dabei die Frage, ob es sich um verschiedene Täter handelt, um Trittbrettfahrer – oder ob es einen Zusammenhang gibt. Was die Taten am Freitag betrifft, steht noch nicht abschließend fest, ob alle in die bundesweite Reihe passen – es sieht aber in den meisten Fällen danach aus. Beim für den Rems-Murr-Kreis zuständigen Polizeipräsidium Aalen beispielsweise sagte ein Sprecher bereits am Freitagvormittag: „Die Drohungen sind mit großer Wahrscheinlichkeit Teil einer ganzen Serie, die derzeit landes- sowie bundesweit auftritt.“
Mails in Arabisch und Englisch
Gemein haben die Drohungen dabei, dass sie per E-Mail kommen und direkt bei den bedrohten Einrichtungen eingehen. Und noch etwas ähnelt sich auffällig: Die Botschaften sind in einer Mischung aus Arabisch und Englisch verfasst. Manchmal tragen sie den Zusatz „Hamas“, manchmal gibt es direkte Hinweise auf den Krieg zwischen Israel und der Terrororganisation oder die Lage der Palästinenser. Es sind allerdings auch schon Schreiben aufgetaucht, die einen Bezug zum Krieg zwischen Russland und der Ukraine aufweisen.
Die Ermittler versuchen über die Absenderadressen, an die Verfasser heranzukommen. Das gestaltet sich offenbar nicht ganz einfach. Aus Polizeikreisen ist zu hören, dass das Ziel einer bundesweit gesteuerten Aktion schlicht sein könnte, Verunsicherung zu streuen – von wem auch immer. Und zu welchem Zweck.