So, jetzt reicht’s mir: Beim Aufstehen tut alles weh, unter dem Hemd spannt der Bauch und die Kondition reicht auch gerade noch so vom Büro zum Bäcker und zurück. Mit 50 Jahren leide ich offenbar an einem Zustand, den ein amerikanischer Freund von mir „OMS“ nennt: „Old Man Syndrome“. „Höchste Zeit, etwas für meine Fitness zu tun“, denke ich – und setze mich vor den Computer, um nach einem Fahrrad zu suchen.
Prompt stellt sich ein akutes Gefühl von Überforderung ein: Es ist Jahre her, seit ich das letzte Mal auf meinem klapprigen Secondhand-Mountainbike saß. Seitdem hat sich auf dem Fahrradmarkt offenbar viel getan. Irgendwo zwischen Gravelbike, Cyclocross, Full Suspension Bike, Hardtail, City Bike, Urban Bike, Trekkingrad und Fatbike verliere ich komplett die Orientierung und bleibe erst einmal rat- und radlos zurück.
„Bio-Bikes“ sind Mangelware
Was für ein Irrsinn. Dabei will ich doch nur ein stinknormales, verkehrssicher Fahrrad, mit dem ich regelmäßig von zu Hause in die Redaktion pendeln kann – und zwar eines ohne Elektromotor, weil ich aus einem vielleicht schrulligen Stolz heraus noch immer mit eigener Muskelkraft unterwegs sein will.
Also gehe ich zu meinem örtlichen Radhändler in Grafenau, wo man mich mit einer Mischung aus Neugier und Verwunderung anschaut, als ich nach einem Rad ohne Elektroantrieb frage. „Sie suchen ein Bio-Bike?“, fragt der Verkäufer ungläubig und führt mich von dem mit Pedelecs vollgestellten Erdgeschoss in einen Verkaufsraum im oberen Stockwerk. Auch hier steht alles voll mit E-Bikes, nur in einer Ecke reihen sich ein paar Mountainbikes aneinander.
„Das sind aber alles Kinder- und Jugendräder“, sagt der Mitarbeiter. Anscheinend strampeln sich heutzutage nur noch die Kleinen ab, während die Großen allesamt elektrisch unterwegs sind. „Das sind alles Job-Räder“, verweist der Mann auf das offenbar boomende Dienstradleasing-Geschäft. „Aber viele stehen dann nur in der Garage herum“, berichtet er von Kunden, die nach einem Jahr noch keine 150 Kilometer auf dem Fahrradtacho hätten.
Nach ein bisschen Beratung und Herumprobieren werden wir doch noch fündig und handelseinig. Ich entschließe mich für ein straßenverkehrstaugliches Mountainbike – ohne Motor, aber dafür mit schicken zwölf Gängen. Timo Tiarks, dessen Familie den Bikeshop 2000 im Döffinger Industriegebiet „In der Röte“ betreibt, erzählt mir, dass ich in diesem Jahr erst der zweite Kunde überhaupt sei, der hier ein sogenanntes „Bio-Bike“ kauft.
Elektrofahrräder liegen bei den Verkaufszahlen vorn
Diese Aussage lässt mich nicht mehr los. Also höre ich mich ein bisschen um. Einer, der es wissen muss, ist Pablo Ziller. Der Mann ist Pressesprecher beim Zweirad-Industrie-Verband. Nach seiner Aussage haben Elektrofahrräder im vergangenen Jahr tatsächlich erstmals die Fahrräder ohne Motor bei den Verkäufen überholt.
„Allgemein sehen wir vor allem Vorteile bei Pedelecs“, sagt mir Roland Schmitt vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) in Baden-Württemberg. Für Pendler, für Bewohner in hügeligen Regionen, für Familien, die mit Kinderanhänger oder Lastenrad unterwegs sind, oder für Menschen, die alters- oder gesundheitsbedingt keine konventionellen Fahrräder mehr nutzen können, biete die motorisierte Unterstützung einen Anreiz, aufs Rad zu steigen. Besagte Motorunterstützung ist übrigens auch gemeint, wenn umgangssprachlich von E-Bikes die Rede ist. Korrekt heißt es Pedelecs, weil mit E-Bikes Kraftfahrzeuge gemeint sind, die auch ohne Treten bis zu 25 km/h schnell fahren. Allerdings gibt es laut ADFC-Pressereferent Tobias Husung auch Nachteile – vor allem bei Billigmodellen. „Da kommen teilweise Räder auf den Markt, die den Mindestanforderungen nicht entsprechen.“
E-Bikes sind für Fahrradhändler Fluch und Segen zugleich
Ganz verallgemeinern lässt sich der Elektro-Trend aber auch nicht. „Wir haben dieses Jahr mehr Kinderräder und Bio-Bikes verkauft als in den letzten drei Jahren zusammen“, sagt der Schönaicher Fahrradhändler Dirk Albrecht. Man brauche immer eine Auswahl, findet der Chef von Dirks Fahrräder & Mehr. Grundsätzlich seien E-Bike und Leasinggeschäft für seine Branche Segen und Fluch zugleich, weil zwar der Umsatz gestiegen sei, man dafür aber auch mehr Manpower für deutlich aufwendigere Inspektionen brauche. Nicht umsonst hießen Fahrradmonteure heute Zweiradmechatroniker. Dass damit Arbeitsstundenlöhne im Bereich von Kfz-Werkstätten einhergehen, sei den Kunden nicht immer so leicht zu vermitteln, berichtet Timo Tiarks in Grafenau. Und da so ein Pedelec deutlich komplizierter sei, als eines ohne Motorunterstützung, sei es mit einer Werkstattstunde oft nicht getan.
Da lobe ich mir doch mein Bio-Bike, denke ich – und lächle freundlich, wenn wieder so ein E-Bike surrend an mir vorbeizischt, während ich mich auf dem Heimweg schwitzend und mit brennenden Oberschenkeln die letzten Höhenmeter hinaufquäle.
Elektrofahrräder überholen Biobikes bei den Verkaufszahlen
Wachstumskurs
Der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) veröffentlicht jährlich die Marktdaten aus dem Vorjahr. Demnach haben Elektrofahrräder im Jahr 2023 erstmals die Räder ohne Motorantrieb bei den Verkaufszahlen überholt. Mit 1,9 Millionen verkauften „Bio-Bikes“ lag der Anteil bei 47 Prozent. E-Bikes kamen mit 2,1 Millionen Stück auf 53 Prozent. Nach Einschätzung des Verbands wird sich dieser Trend fortsetzen.
Radfahrerland
Laut ZIV ist der Bestand an Fahrrädern in Deutschland seit 2013 insgesamt kräftig angestiegen – und zwar um 13 Millionen auf 84 Millionen, das ist ein Zuwachs von 18 Prozent. Den Hauptanteil macht mit elf Millionen das E-Bike aus – davon fahren fast sieben Mal mehr auf deutschen Straßen als noch vor zehn Jahren.
Jobrad-Trend
Seit dem Jahr 2012 sind Dienstfahrräder mit dem Dienstauto über das sogenannte Dienstwagenprivileg steuerlich gleichgestellt. Seitdem wird dieses Angebot stark nachgefragt. Laut ZIV-Schätzungen war 2023 rund jedes vierte Rad über ein Dienstradleasing-Modell finanziert.