E-Books Buchhandel mit Diebesgut

Von Holger Ehling 

Piraten entern den Buchmarkt. Der illegale Download von E-Books greift immer mehr um sich. Die Verlage suchen nach einer Antwort. Sind die deutschen Buchfreunde zu allem entschlossene Intensivleser mit Neigung zur Langfingerei?

Ganze Bibliotheken finden in einem E-Book-Reader Platz.  Die Frage ist nur,  woher stammen sie? Foto: dpa
Ganze Bibliotheken finden in einem E-Book-Reader Platz. Die Frage ist nur, woher stammen sie? Foto: dpa

Stuttgart - Man stelle sich vor, jemand räumt einen Juwelier aus, präsentiert die glitzernden Steinchen in seinem eigenen Laden und rühmt sich öffentlich damit, dass er sie spottbillig an jeden verkauft, der sich gerne mit schönen Sachen umgibt. Die Polizei würde der Sache ein schnelles Ende bereiten. Und jetzt ersetze man die Glitzersteinchen durch E-Books. Sie werden geklaut, verhökert, einer der erfolgreichsten Diebe brüstet sich damit in der Presse. Was geschieht? Nichts.

Zu beobachten ist das derzeit am Beispiel der Piratenplattform boox.to, die vor Kurzem Aufruhr in der Buchbranche verursachte, als sie ankündigte, zukünftig eine Pauschalgebühr für das Herunterladen gestohlener Texte verlangen zu wollen. Zehn Euro für drei Monate will man kassieren, mit den Einnahmen soll die Technik aufgerüstet und das Angebot erweitert werden. Begleitet wurde die Ankündigung mit der Bemerkung des Sprechers der Plattform, man werde den Lesern zu ihrem Recht auf E-Books verhelfen und die „Wunschwelt“ der Verlage abbrennen. Die Fixeren unter den Verlegern würden sich schon ins Sprungtuch retten können.

Die Piraten stoßen in eine Lücke des Buchmarkts

In einem Interview im Berliner „Tagesspiegel“ mit dem Sprecher kamen erstaunliche Zahlen ans Licht: Angeblich werden monatlich rund 1,5 Millionen geklaute E-Books allein bei dieser Plattform heruntergeladen, mit Zuwachsraten von 20 Prozent. Im Herbst nächsten Jahres erwarten die Betreiber zehn Millionen Downloads – monatlich. Ob das so stimmt, ist schwer zu beurteilen, der Börsenverein des Deutschen Buchhandels hält das Szenario allerdings nicht für unrealistisch.

Zwei Dinge ergeben sich hieraus: Zum einen sind die Deutschen wohl eine Ansammlung von zu allem entschlossenen Intensivlesern mit Neigung zur Langfingerei. Zum anderen stoßen die Buchpiraten in eine weit klaffende Lücke des Buchmarkts.Tatsächlich ist das Lesen seit Jahrzehnten eine der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen, das Statistische Bundesamt weist dies alljährlich mit trockenen Zahlen aus. Der deutsche Buchmarkt produziert jährlich an die 90 000 Neuerscheinungen, im Internet florieren „Social Reading“-Angebote, bei denen Hunderttausende Leser sich über ihre Lektüre austauschen. Alles gut also?

Die Zahl illegaler Downloads steigt drastisch

Nicht wirklich. Wirtschaftlich ist das alles recht überschaubar: Der gesamte deutsche Buchmarkt verzeichnete 2012 einen Umsatz von etwa 9,5 Milliarden Euro – zwei Drittel von Aldi Süd. Die Buchpreise hinken der Inflationsrate deutlich hinterher, seit Jahren beklagt der traditionelle Buchhandel bröckelnde Umsätze, die Großfilialisten wie Thalia und Hugendubel/Weltbild verkleinern ihre Ladenfläche, und es gibt kein Branchentreffen, bei dem nicht eine Welle des Buchhandelssterbens prognostiziert würde. E-Books, mit ihrem Marktanteil von etwa zwei Prozent, haben an der Krise des deutschen Buchhandels keinen Anteil, die Probleme verursacht vor allem der Online-Handel mit gedruckten Büchern, der sich inzwischen auf einen Marktanteil von 20 Prozent zubewegt.

Trotz des bescheidenen Anteils von E-Books haben die Piraten den Markt als lohnendes Ziel entdeckt. Von Massenware wie Krimis, Science-Fiction, Fantasy und Liebesromanen bis hin zu Sachbüchern und wissenschaftlichen Werken wird beinahe alles kopiert, was in elektronischer Form verfügbar ist. Die Geschäftsmodelle der Piraten sind unterschiedlich: Gratis-Plattformen, Billig-Downloads und Abonnements – alles ist dabei, und das schon seit Jahren. Die Angebote finden ihr Publikum: Besonders bei den Wissenschaften, wo Bücher teuer und die studentischen Budgets klein sind, ist die Zahl der illegalen Angebote und Downloads seit Anfang 2012 drastisch gestiegen. Die Verlage wehren sich mit dem untauglichsten aller Mittel, nämlich mit hartem Kopierschutz, der, wie die Musikindustrie schmerzhaft gelernt hat, legale Nutzer abschreckt, aber Piraten keinerlei Probleme bereitet.




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