E-Learning-Plattformen Sind die Lernsysteme außer Kontrolle geraten?

Von Christiane Schulzki-Haddouti 

Das Bildungssystem des südos­t­asiatischen Stadtstaats Singapur gilt als ­besonders fortgeschritten. Dort wird ­derzeit eine „Total Online Learning ­Solution“ entwickelt, die bereits ab dem Kinder­garten jedem Lernenden einen eigenen „Learning Record Store“ zuweist, der alle Lerndaten erfasst. Die Lerndaten werden auch mit Aus- und Weiterbildungsdaten kombiniert.

Ähnlich ist das in einigen US-Staaten, wo bereits Daten aus dem Kindergarten und der Schule mit Arbeitnehmerdaten verknüpft werden. Manche Systeme reichern diese Daten inzwischen sogar mit Interaktionsdaten aus Online-Spielen oder Social Media an. Die Tageszeitung „New York Times“ ­beklagte daher, die Lernsysteme seien längst „außer Kontrolle“ geraten. Denn ausgewertet werden diese Daten nach ­Bewertungskriterien, über die Bildungseinrichtungen keinerlei Kontrolle mehr verfügen. So kann auch die Interaktion der Lernenden untereinander sowie mit den ­Lehrern ausgewertet werden. Daraus könnten nicht leistungsbezogene Bewertungen, etwa zur „Geselligkeit“ oder über den „Enthusiasmus“, erfolgen.

Die Berlin Group, eine internationale Arbeitsgruppe von Datenschutzaufsichtsbehörden, hat sich mit der neuesten­ ­Generation von E-Learning-Plattformen befasst und daraus Empfehlungen abge­leitet. Sie befürchten einen hohen An­passungsdruck: „Die Lernenden fühlen sich unter Umständen gezwungen, traditionelle Normen zu befolgen.“ Sie könnten davor zurückschrecken, innovative Ideen zu entwickeln, da sie befürchten müssten, „ihre unkonventionelle Herangehensweise könnte dokumentiert und ihnen dann ­später irgendwann vorgehalten werden“.

Wie sicher sind die Daten?

Den Lernenden, den Eltern und den Lehrkräften ist aber meist nicht bekannt, wer die Daten verarbeitet. Die Berlin Group weist darauf hin, dass selbst die Bildungsein­richtungen darüber, wie die Daten aus­gewertet werden, oftmals keine Kontrolle haben. Die Schlussfolgerungen der Online-Portale beruhten auf proprietären Algorithmen, „deren Methodik undurchschaubar ist“. Bei selbstlernenden Systemen können selbst die Entwickler möglicherweise nicht mehr nachvollziehen, wie ­genau bestimmte Beurteilungen zustande kommen.

Ob der Einsatz von Online-Lernplattformen derzeit rechtlich einwandfrei erfolgt, ist zu bezweifeln. Kaum eine Schule informiert die Schüler und Eltern derart umfassend, dass diesen „alle Verarbeitungsprozesse einschließlich der Bildung von Profilen mithilfe von Algorithmen“ bekannt sind. Das entspräche der Forderung von Datenschützer Lutz Hasse. Überdies müsste die Einwilligung in die Datenverarbeitung freiwillig erfolgen. Das bedeutet, dass die Schule immer auch alternative Lern- und Lehrformen vor­halten müsste.

Darüber hinaus stellt sich die Frage nach der Sicherheit der sensiblen Lerndaten: So werden die Daten meist nicht bei der Schulver­waltung, sondern bei einem externen Cloud-Anbieter oder der Cloud-gestützten Plattform gespeichert. Immer wieder sind Daten von Schülern und Studierenden von Datenlecks betroffen, etwa aufgrund unsicherer Anmeldeverfahren.

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