E-Mobilität Ein Professor revolutioniert den E-Auto-Markt

Von Imelda Flaig 

Ein Professor aus Aachen sorgt als Start-up-Unternehmer und mit Elektrofahrzeugen für Furore. Die Zulieferer Bosch und ZF sind Kooperationspartner bei den Projekten. Was den Professor antreibt.

Professor Günther Schuh von der RWTH Aachen präsentiert als Start-up-Unternehmer das Elektro-Stadtmobil E-Go Life, das noch in diesem Jahr in Serie geht. Foto: E-Go Mobile AG
Professor Günther Schuh von der RWTH Aachen präsentiert als Start-up-Unternehmer das Elektro-Stadtmobil E-Go Life, das noch in diesem Jahr in Serie geht. Foto: E-Go Mobile AG

Aachen - Günther Schuh, Universitätsprofessor in Aachen und Chef des Elektroauto-Start-ups E-Go Mobile AG, ist ein Exot, denn ihm gelingt etwas, das die deutsche Automobilindustrie in den letzten Jahren versäumt hat: Er produziert Elektroautos, die vergleichsweise preisgünstig sind und sich deshalb auch gut verkaufen. Am Freitag eröffnet Schuh in Aachen eine Fabrik, in der das Elektro-Stadtmobil E-Go Life gefertigt wird. Noch im Herbst soll die Serienproduktion starten. Über 3000 Vorbestellungen sind bereits eingegangen. Im nächsten Jahr sollen rund 10 000 Fahrzeuge gebaut werden, im Jahr darauf noch mehr.

Einst belächelt, hat der 59-jährige „Jungunternehmer“ die Branche längst aufgeschreckt. Dabei will er gar nicht „der Schreck der Autobranche“ oder der „Rebell“ sein, wie Schuh mitunter tituliert wird. Eigentlich wollte der Professor für Produktionssystematik an der RWTH Aachen, einer der renommiertesten Hochschulen für Ingenieure in Europa, nur beweisen, dass es in Deutschland möglich ist, günstige Elektroautos zu bauen, für die es auch eine Nachfrage gibt. Keiner der großen Autohersteller habe an sein Konzept glauben wollen, sagt Schuh, man habe es abgetan nach dem Motto „Jugend forscht“. Aus Ehrgeiz und Beleidigung, ja fast Zorn, sei er dann mit seinem Team einen Schritt weitergegangen. Will heißen: Er hat Gelder aufgetrieben, um Prototypen und Testflotten zu bauen.

Elektrobus mit Platz für 15 Leute

Wenn Schuh, gebürtiger Kölner, mit rheinländischem Tonfall erzählt, wie er zum Unternehmer und Fahrzeughersteller geworden ist und wie er sich die Zukunft der Mobilität vorstellt, klingt das leidenschaftlich und erfrischend. Dabei leuchten die Augen des Zwei-Meter-Mannes geradezu spitzbübisch durch seine randlose Brille. Im Übrigen ist er genau 2,03 Meter groß. Deshalb wollte er ein Auto beziehungsweise einen Bus bauen, in dem auch er bequem Platz findet. In dem geplanten Elektrobus E-Go Mover etwa könne er gut stehen, sagt er, denn „die Kiste ist innen größer, als sie außen scheint“. Mit 4,50 Meter ist das würfelähnliche Gefährt nicht viel länger als ein SUV, allerdings sollen in dem Elek­trobus 15 Personen Platz finden. Die Basisversion ist 2,50 Meter hoch und wird noch von einem Busfahrer gefahren – das ist die sogenannte Level 0 Automatisierung. Eine 1,95 Meter hohe Version für Privatkunden, Handwerker und Einzelhändler ist ab 2019 geplant. Bereits ab Herbst 2018 stehen Städten und Mobilitätsanbietern hochautomatisierte Testfahrzeuge zur Verfügung, die auf ausgewählten Strecken das autonome Fahren trainieren – Level 4 Automatisierung – und dabei auch das Verhalten und die Akzeptanz der Nutzer herausfinden sollen.

Elektrofahrzeuge seien wegen der geringeren Emissionen geradezu prädestiniert für die Innenstädte, schwärmt Schuh. Ohne E-Autos würden die großen Hersteller den CO2-Ausstoß ihrer Fahrzeugflotten gar nicht schaffen können. Bis zum Jahr 2020 fordert der Gesetzgeber eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes auf 95 Gramm pro Kilometer.

Mit der Branche hat Schuh keine Berührungsängste. Beim Stadtflitzer E-Go Life etwa ist Bosch mit einem Hochvolt-Elektromotor mit an Bord. Bei seinem jüngsten „Baby“, einem Roboterbus namens E-Go Mover, hat er ein Gemeinschaftsunternehmen mit ZF Friedrichshafen gegründet, an dem der Zulieferer 40 Prozent hält und das 2019 die Serienfertigung aufnehmen soll.

Der Erfinder des Streetscooters

ZF steuert zentrale Teile bei – Bremsen, Lenkung und Achsen, zudem die Software zur Steuerung der autonomen Fahrfunktionen. In nur 15 Monaten soll das Produktionswerk dafür in Aachen errichtet werden, die Produktion soll dort bis zum Jahr 2021 auf rund 15 000 Kleinbusse pro Jahr hochgefahren werden. Anfragen gibt es zuhauf, schon von mehr als 70 Städten.

Schuh hat bereits vor E-Go unternehmerische Erfahrungen gesammelt. Als Erfinder des Streetscooters machte er schon Furore. Den batteriebetriebenen Kleintransporter produziert die Post mittlerweile in Eigenregie, nachdem sie das Unternehmen 2014 von dem Professor übernommen hat.

Sein Erfolg gibt Schuh recht. Der 59-jährige zweifache Vater, der sich den Spagat zwischen Hochschultätigkeit und Jungunternehmersein antut, ist ein richtiges Energiebündel. Als er kürzlich beim Technologietag von ZF in Friedrichshafen über den E-Go Mover und seine Vorstellungen von der Mobilität der Zukunft in den Städten plauderte, stand er regelrecht unter Strom. Seinen Vorstellungen zufolge werden die großen Einfallstraßen der Städte in Zukunft weitgehend autofrei sein. Menschen fahren nicht mehr allein oder im Taxi, sondern nutzen automatisierte Großraumfahrzeuge, also Roboterbusse, die sie zu Umsteigestationen bringen, wo sie dann wieder auf andere Verkehrsmittel wechseln können. „Ähnlich wie bei U-Bahnstationen“, zieht er den Vergleich.

Stadtflitzer als „Mama-Taxi“

Schuh ist ein gefragter Mann – als Wissenschaftler und Unternehmer, als Teilnehmer auf Podien und Redner bei Tagungen und mittlerweile auch bei den Chefs der großen Autokonzerne. Man habe in Deutschland inzwischen sehr gute E-Autos, sagt er. Dass die E-Mobilität nur schleppend vorankommt, liegt seiner Meinung nach an den Kosten. Ein Kleinwagen wie beispielsweise der E-Up von VW kostet knapp 27 000 Euro – ohne E-Prämie. Autokäufer würden eher eine eingeschränkte Reichweite akzeptieren als einen hohen Preis, ist er sich sicher.

E-Autos sieht Schuh als Stadtflitzer für kurze Strecken geeignet. Dabei denkt er etwa an den Pizzaservice oder „Mama-Taxis“, die mitunter drei-, vier- oder fünfmal am Tag Kinder zu Terminen fahren. E-Autos sind für ihn eine Ergänzung zum Verbrenner. Dabei ist für ihn der Diesel Teil der Lösung und nicht nur das Problem. Den Antrieb der Zukunft, sieht der Autofan, der selbst am liebsten Porsche fährt, im Plug-in-Hybrid – und wer weiß, am Ende könnte gar die Brennstoffzelle stehen, meint er. Solange das E-Auto noch eine Feststoffbatterie habe, komme man an konventionellen Antrieben nicht vorbei.