E-Sports in Vereinen Ist kicken gut und ballern schlecht?

Von Artur Lebedew 

Die Gamerszene will sich vom Image der Kellerkinder befreien und organisiert sich zunehmend in Vereinen. Ihr Ziel: Der Staat soll für das Zocken bezahlen. Die Sportvereine haben etwas dagegen.

Claudio Stanullo ist seit etwa einem Jahr Mitglied des E-Sport-Vereins Engines in Stuttgart. Foto: factum/Jürgen Bach
Claudio Stanullo ist seit etwa einem Jahr Mitglied des E-Sport-Vereins Engines in Stuttgart. Foto: factum/Jürgen Bach

Sindelfingen - Mit einer Invasion-Strategie greift das Team Engines an. Eine Herde Krieger, darunter Zauberer, Berserker, Unterseekämpfer, stürmen den Gegner. Wuchtige Schläge prallen auf einen Elf ein. Blitze zucken, Axthiebe und Feuerbälle bringen die Erde zum Beben. In wenigen Sekunden ist das Wesen zerstört, ein Geist verlässt seinen Körper. „Sauber, gute Arbeit“, sagt Claudio Stanullo mit ruhiger Stimme in ein Mikrofon, ein Lächeln huscht über sein Gesicht. In seinem Zimmer in Sindelfingen hört man draußen Vögel zwitschern, drinnen sitzt Stanullo vor einem Computerbildschirm und spielt das Rollenspiel „League of Legends“ oder „Lol“, wie Insider sagen.

Der 24-jährige Informatikstudent ist Mitglied des E-Sport-Vereins Engines Stuttgart und seit der Gründung vor einem Jahr dabei. Er findet es gut, sein Hobby mit anderen zu teilen. Im Grunde sei das wie in jedem anderen Sportverein auch, sagt er. Es gibt Trainingseinheiten und Wettkämpfe, zu denen sich die knapp 200 Mitglieder treffen, meist online, manchmal auch in einer Bar.

Die Politik hatte es eigentlich versprochen

Längst sind Computerspiele ein Massenphänomen. Mehr als 34 Millionen Deutsche zocken regelmäßig. Weil viele von ihnen nicht alleine in ihren Buden sitzen wollen und die Gemeinschaft suchen, organisieren sich die Spieler zunehmend in Vereinen. Doch um Zuschüsse und Steuerprivilegien zu bekommen, müssen diese Vereine als gemeinnützig anerkannt werden. Dann könnten sie Räume günstig beziehen und auf teure Infrastrukturen zurückgreifen. Die große Koalition in Berlin hatte das den Spielern versprochen. E-Sport solle als „eigene Sportart mit Vereins und Verbandsrecht“ anerkannt werden, heißt es im Koalitionsvertrag. Doch längst geht es dabei nicht mehr darum, ob E-Sports eine Sportart ist oder nicht. Die Frage ist jetzt vielmehr, warum die Allgemeinheit für das Zocken bezahlen sollte.

Für die Engines läuft an diesem Tag das fünfte Spiel der Liga, in der sie mit anderen Mannschaften im Land um die Meisterschaft kämpfen. Vor dem Spiel hatten Stanullo und die anderen darüber diskutiert, wie sie den Gegner in die Knie zwingen könnten. Sie sprachen über Schwachstellen, verglichen Statistiken, klügelten Spielzüge aus. Jetzt scheint die Strategie aufzugehen: Mit jedem Angriff dringen ihre Champions, wie die Figuren heißen, immer weiter in die gegnerische Spielhälfte vor. Ihre Waffen werden stärker, die Zermürbungstaktik macht sich bezahlt.

„E-Sports ist wie Turnen“, sagt Stanullo. Sehr gute Spieler beherrschten die Körper-Kopf-Koordination nahezu perfekt. Dazu müsse man Situationen richtig einschätzen können: Wann greift man an, wann zieht man sich zurück? Das sei selbst bei Egoshootern wie Counterstrike das Wichtigste. „Niemand spielt, weil es gewalttätig ist“, sagt Stanullo.

In Herrenberg gibt es bereits ein Team

Wie andere E-Sports-Vereinigungen auch, hat sich Engines auf die Fahne geschrieben, das Computerspielen in die breite Gesellschaft zu tragen, um so auch Druck auf die Politik zu erhöhen. Verband und Vereine bemühen sich um ein neues Image. Vergessen machen wollen sie das Bild von pickeligen Kapuzenträgern, die in Kellern hocken. Stattdessen stärken Vereinsvertreter wie Claudio Stanullo Aspekte des E-Sports, um die es seiner Meinung nach beim Zocken wirklich geht: Gemeinschaft, Spaß, Emotionen. Dinge, die auch im gewöhnlichen Vereinsleben wichtig sind. Die Engines organisieren regelmäßig Mitglieder-Stammtische. Auf ihrem Instagram-Account sieht man Bilder von jungen Menschen, die in einer Bar Brettspiele spielen und witzig vor der Kamera posieren. „Klar sprechen wir dann über E-Sports, aber auch über den VfB oder Autos“, sagt Claudio Stanullo. Das sehen mittlerweile auch Sportvereine so und fragen sich, ob sie die Computerspieler oder E-Sports-Vereine als Ganzes bei sich aufnehmen sollen.

Der VfL Herrenberg war einer der ersten regionalen Sportvereine in Baden-Württemberg, die E-Sports unterstützten. Seit einigen Monaten bietet er Räume und Konsolen an, an denen vier feste Spieler trainieren und Turniere spielen. „Wir wollen den Spielern den Geist eines Vereines näherbringen und gleichzeitig etwas anbieten, das die Jungen machen wollen“, sagt Sebastian Pleier, der Leiter des Projekts E-Sports beim VfL. Ob aus dem Pilotprojekt in Zukunft eine eigene Sparte werde wie der Fußball oder das Tennis, sei aber unklar.

Für den Sportverband passt E-Sport nicht zum Vereinssport

Umstritten ist nicht nur unter Sportvereinen, in welcher Form E-Sports in organisierte Klubs integriert oder als gemeinnützig anerkannt werden könnte. Besonders die Art der Spiele ist ein Reizthema. Sportverbände argumentieren, dass E-Sports als Ganzes nicht unter das Dach des gemeinnützigen Sports passe. In einem Gutachten, das der baden-württembergische Landessportverband im vergangenen Herbst erstellt hat, werden vor allem die kommerziellen Ziele der Spielehersteller kritisiert. Diese würden nicht mit den „demokratischen“ Verbandsregeln des Sports zusammen passen. Auch eine „explizite Darstellung des Tötens“ sei mit den „ethischen Werten“ des Sports nicht vereinbar. Lediglich virtuelle Sportarten wie Fifa seien an die organisierten Vereine anschlussfähig, so das Urteil.

Auch beim VfL Herrenberg können Spieler nur mit Sportsimulationen zocken. Shooter oder Rollenspiele wie Lol seien dagegen tabu, sagt der Projektleiter Pleier. Claudio Stanullo von den Engines schüttelt über solche Entscheidungen nur den Kopf. „Es wird wohl noch einige Zeit vergehen, bis sich die Mentalitäten ändern“, sagt er.




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