E-Tretroller Die Zukunft gehört dem Elektro-Tretroller

Von , Caroline Becker, Florian Gann 

In vielen europäischen Metropolen flitzen viele junge Leute schon mit ihnen herum. Nun sollen Elektro-Tretroller – auch E-Treroller oder E-Scooter genannt – bald auch in Deutschland erlaubt sein. Es gibt aber klare Vorgaben. Und nicht alle sind begeistert.

Der Pressesprecher der Stadtwerke Bamberg, Jan Giersberg, fährt mit einem Elektro-Scooter des US-amerikanischen E-Scooter-Sharing Anbieters „Bird“ durch das Zentrum der bayerischen Stadt. Foto: dpa
Der Pressesprecher der Stadtwerke Bamberg, Jan Giersberg, fährt mit einem Elektro-Scooter des US-amerikanischen E-Scooter-Sharing Anbieters „Bird“ durch das Zentrum der bayerischen Stadt. Foto: dpa

Stuttgart - In diesem Sommer könnte es voller werden auf Rad- und Gehwegen vor allem in Großstädten. Denn die Zulassung kleiner Tretroller mit Elektromotor in Deutschland rückt näher. Das Kabinett beschloss am Mittwoch eine Verordnung mit Regeln für den Einsatz der Gefährte. Eine sensible Frage ist die Sicherheit. Dann muss noch der Bundesrat zustimmen, er entscheidet voraussichtlich am 17. Mai.

Besonders staugeplagte Großstädter sollen mit „E-Scootern“ eine neue Mobilitätsmöglichkeit bekommen. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) sieht sie als Ergänzung zum öffentlichen Nahverkehr und „echte zusätzliche Alternative zum Auto“. Per E-Tretroller könnte es zum Beispiel schneller von der U- und S-Bahn oder einer Bushaltestelle weiter nach Hause oder zur Arbeit gehen.

Was hat das Bundeskabinett beschlossen?

Die Zulassung von kleinen Tretrollern mit Elektromotor – auch E-Tretroller oder englisch E-Scooter genannt – in Deutschland rückt näher. Das Bundeskabinett beschloss am Mittwoch eine entsprechende Verordnung. Nun muss noch der Bundesrat zustimmen. Wann die Länderkammer darüber berät, ist offen. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hatte angekündigt, dass E-Tretroller noch im Frühjahr auf deutschen Straßen unterwegs sein können.

Was sind E-Tretroller?

Weil sie einen elektrischen Antriebsmotor haben, gelten die kleinen Flitzer als Kfz. Das erfordert eine Reihe von Vorschriften. In der Verordnung geht es konkret um „Elektrokleinstfahrzeuge“. Sie dürfen bis zu 20 Kilometer pro Stunde (km/h) schnell sein. Das bedeutet im Umkehrschluss: Noch schnellere E-Tretroller sind laut Ministerium weiter nicht im Straßenverkehr zugelassen.

Gefährte mit „bauartbedingter Höchstgeschwindigkeit“ bis 20 km/h, die zugelassen werden sollen, müssen eine Lenk- oder Haltestange haben. Die Roller, die oft einige hundert Euro oder mehr kosten, dürfen höchstens 70 Zentimeter breit sein, 1,40 Meter hoch und zwei Meter lang. Maximalgewicht ohne Fahrer: 55 Kilogramm. Die Preisspanne beträgt zwischen 400 und 1400 Euro.

Wie groß ist der potenzielle Markt für E-Tretroller in Deutschland?

Der Tübinger Hersteller von E-Scootern BrakeForceOne rechnet damit, dass in den nächsten Jahren bis zu fünf Millionen E-Tretroller hierzulande fahren könnten. Die Firma steht mit seinem Modell „Flynn“ (Preis: 1399 Euro) bereits in den Startlöchern. „Wir gehen davon aus, dass die Verordnung zu E-Scootern zeitgleich – also im Juni oder Juli – in Kraft treten wird“, sagt Produktmanager Marc Zimmermann.

Wird das Leihen von Elektro-Tretrollern – das sogenannte Roller-Sharing – eine Alternative sein?

Auf jeden Fall. Anbieter von Roller-Sharing, so nennt sich das Verleihmodell, stehen schon in den Startlöchern. Die Daimler-Tochter Mytaxi, der US-Vorreiter Bird und das Berliner Start-up Tier, sie alle lassen auf Anfragen hin durchblicken, dass sie Angebote in deutschen Städten planen. Stuttgart nennen sie nicht namentlich, und doch wird klar, dass sie auch hier ausrollen wollen – bei der Stadt gingen dazu mehrere Anfragen ein. In Bamberg startete bereits Ende November eine Testphase mit Sondergenehmigung, bis zum Frühjahr sollen dort 100 Fahrzeuge rollen.

Warum ist das Geschäft mit den E-Scootern so interessant?

Wer das verstehen will, muss in die USA schauen. Im September 2017, ein halbes Jahr vor der Roller-Apokalypse, hat Bird die ersten E-Tretroller in Los Angeles auf die Straßen gebracht. Etwas mehr als ein Jahr später rollen Tausende Roller des Unternehmens in mehr als 70 Städten in den USA und sieben in Europa, der Hauptkonkurrent Lime deckt sogar knapp 100 US-amerikanische und 13 europäische Städte ab. Und ständig kommen neue dazu.

Wir groß ist das Potenziel für Investoren und die Mobilität?

Das Roller-Sharing ist sehr interessant für potenzielle Geldgeber: In den Vorreiter Bird wurden laut der Technik-Plattform Crunchbase etwas mehr als 360 Millionen Euro investiert, dessen Hauptkonkurrent Lime bekam 410 Millionen Euro. Geldgeber pumpten zudem 25 Millionen Euro in das Berliner Start-up Tier. „Das Potenzial der Roller ist sehr hoch, weil es kaum Lösungen für Mikro­mobilität gibt“, sagt der Mobilitäts­forscher Fabian Edel vom Fraunhofer-Institut in Garmisch-Partenkirchen. Mikromobilität, das meint zum Beispiel den Weg zwischen ÖPNV-Haltestellen bis zur Haustür – die sogenannte letzte Meile.

Wie beurteilt die Politik den E-Roller-Boom?

Der stellvertretenden Vorsitzenden des Verkehrsausschusses Daniela Kluckert (FDP) geht der Zulassungsprozess zu langsam. „Das Verkehrsministerium ist da zu schwerfällig.“ Die Regelung sei immer noch unvollständig, denn alles ohne Längsstange, zum Beispiel Hoverboards und E-Skateboards, seien in der E-Tretroller-Verordnung noch nicht enthalten. Ihr Vorschlag wäre es gewesen, Elektrokleinfahrzeuge in Klassen zu unterteilen und E-Scooter wie Fahrräder, Hoverboards wie Inlineskates und S-Pedelecs, also sehr schnelle E-Bikes, wie Mofas zu behandeln. Das hätte man dann in die bestehende Verkehrsordnung eingliedern können.

Sind E-Tretroller eine Konkurrenz zu Fahrrädern und E-Bikes im Verkehr?

Gudrun Zühlke, Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Baden-Württemberg erwartet, dass es durch die Verordnung zu mehr Verkehr auf Rad- und Gehwegen kommen wird. Die ohnehin „unterdimensionierten Fahrradstreifen“ würden durch die E-Scooter noch mehr überlastet werden. „Es wird massiv zu Verkehrsunfällen kommen“, warnt sie. Die Regelung, wer wann wo fahren dürfte, sei so kompliziert, dass die Nutzer gar keine Chance hätten, sich regelkonform zu verhalten.