Eberdingen Eine Dorfchronik wird museumsreif

Von  

Das Kunstwerk Klein zeigt 135 historische Fotografien, die von Zerstörung und Wandel Nußdorfs künden. Zusammengestellt wurde sie von Zeitzeugen.

Die drei von der Bildstelle: Erwin Gayer, Peter Klein und Fritz Schurr (von links). Foto: factum
Die drei von der Bildstelle: Erwin Gayer, Peter Klein und Fritz Schurr (von links). Foto: factum

Eberdingen - April 1945: der kleine Fritz Schurr ist fünfeinhalb Jahre alt. Er sitzt im Schlosskeller des Örtchens Nußdorf und wartet, bis es losgeht. Eine SS-Einheit hat kurz vor Kriegsende ihre Kommandozentrale im Dorf eingerichtet. Der Ort liegt auf einer Anhöhe, strategisch bedeutend. Also auch umkämpft. Dann geht es los. Fritz hört, wie die Geschosse der Franzosen in einem Nachbarhaus einschlagen. Die Ziegel krachen vom Dach auf die Straße. „So ein Geräusch vergisst man nicht. Das höre ich heute noch“, sagt Fritz Schurr fast sieben Jahrzehnte später.

Der kleine Fritz hätte nicht im Traum daran gedacht, dass er viele Jahre später einen Teil dieser Erinnerungen in einem Nußdorfer Kunstmuseum betrachten wird – und dass er selbst Teil eines solchen Projekts werden würde. Für das Kunstwerk Klein hat er, zusammen mit dem zweiten Ortshistoriker Erwin Gayer, Fotografien ausgewählt, die den Werdegang des Örtchens Nußdorf vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre skizzieren.

Ratten-Karle und Seebär

Die 135 Bilder der Ausstellung im Obergeschoss des Kunstmuseums, Titel: „Und deine alten Bäume rauschen mir vergang’ne Tage zu“, zeigen den nach dem Krieg großteils zerstörten Dorfkern, aber auch die Normalität eines württembergischen Bauerndorfes. Und sie erzählen Geschichten von Nußdorfer Originalen – dem Seebär, Ratten-Karle oder Kernath –, die in teilweise erstaunlich eindrucksvollen Por­träts eingefangen sind. Was die Ausstellung auch für Nicht-Nußdorfer interessant macht: es geht hier nicht nur um Nußdorf, es geht auch um württembergische Dorfentwicklung. Und um die Menschen, die Charakterköpfe, die diese Zeit miterlebt und geprägt haben. Wer die Geschichten dahinter hören will, kann sich bei drei Sonderführungen mehr dazu berichten lassen.

Es hätte nicht viel gefehlt und Peter Klein, Jahrgang 1947, wäre selbst als Kind auf einer der Aufnahmen zu sehen gewesen. „Bin ich aber nicht“, beteuert der Museumsbesitzer und Impulsgeber für die Ausstellung. Klein kennt die porträtierten Charakterköpfe großteils aus seiner eigenen Kindheit und weiß, dass es vielen Mitbürgern ähnlich geht: „Die Nußdorfer werden ganz aus dem Häusle sein, wenn sie das sehen.“ Zwar passt die neueste Ausstellung so gar nicht zu den sonst dort gezeigten Werken – Klein zeigt dort ständig Kleinodien aus seiner privaten Kunstsammlung, in der sich zahlreiche große Namen finden –, aber die Fotografien passen zum Ziel, das sich Klein als ehemals größter Arbeitgeber Nußdorfs mit dem Museum und dem benachbarten Café immer gesetzt hat. Er wolle „etwas zurückgeben“, wiederholte er stets. Das will er jetzt ganz konkret tun: Das Museum hat außerplanmäßig noch an den kommenden beiden Samstagen von 15 bis 19 Uhr geöffnet. Alle Besucher erhalten dabei einen Gratis-Kaffee im Café K.