Eberhardstraße in Stuttgart Neue Formel: Weniger Autos, mehr Passanten

Von Martin Haar 

In der Eberhardstraße setzten Gastronomen und Händler Hoffnungen auf das städtische Konzept „Lebenswerte Innenstadt“, das die Straße mittelfristig zu einer Flaniermeile machen soll.

So wie hier vor dem    Colvino entstehen entlang    der Eberhardstraße Flächen für die Außengastronomie. Foto: Martin Haar
So wie hier vor dem Colvino entstehen entlang der Eberhardstraße Flächen für die Außengastronomie. Foto: Martin Haar

Stuttgart - Derzeit wird in der Eberhardstraße die erste Stufe aus dem Konzept „Lebenswerte Innenstadt“ umgesetzt. Am Ende sollen Autos komplett aus der Eberhardstraße verbannt werden. Doch schon jetzt sind die Einschnitte groß. Für die autofreie Eberhardstraße werden Parkflächen auf das umliegende Gehwegniveau angehoben. Insgesamt geht es um vier solcher Flächen, zwei wurden bereits umgesetzt. Auf diesen Flächen soll nicht nur Platz für Außengastronomie entstehen. Auch Radbügel und Sitzpoller werden Anfang September eingerichtet werden.

Händler und Gastronomen reagieren unterschiedlich auf die Maßnahmen. Während die Gastronomen durchweg Hurra rufen, blicken Händler mit gemischten Gefühlen auf die Veränderungen. „Wir finden es natürlich gut, dass wir mehr Fläche für die Außenbewirtschaftung haben“, sagt eine Angestellte des Restaurants Block House, obwohl sie einen vergleichsweise kleinen Flächenzuwachs hat. Nur zwei Tische mehr, werden vor dem Lokal an der Straße Platz finden.

Ganz anders die Situation vor der benachbarten Kaffeebar Harry’s. Dort gewinnt man sechs Tische und ist „sehr froh darüber“. Allerdings habe man schon gehört, dass sich die Begeisterung beim gegenüberliegenden Bäcker Hafendörfer in Grenzen halte: „Viele halten dort vor der Bäckerei mit ihrem Auto in der zweiten Reihe, um Brötchen zu kaufen. Das wird in Zukunft nicht mehr gehen.“

Für Odlo, den Händler funktioneller Sportbekleidung, sind die Kurzzeit oder –Zweitereiheparker nicht wichtig. Dort verfolgt man die Entwicklung der Eberhardstraße seit 15 Jahren und weiß, dass der autofahrende Kunde nicht unbedingt entscheidend ist: „Wir haben die Anbindung zur U-Bahn, das ist okay.“ Gleichwohl wolle man abwarten, wie sich die Lage weiterentwickelt: „Aber wenn es gut gemacht wird, kann dieses Konzept eine Aufwertung bedeuten.“

Der Charme der Flaniermeile

Händler wissen: Wenn die Straße als Fußgängerzone wahr- und angenommen wird, bedeutet das auch mehr Frequenz. Genau das ist nach schweren Jahren auch die Hoffnung von Antonio Zambito, dem Inhaber von Foto Bergmeister. Seit 2016 sei die Passanten-Frequenz extrem zurückgegangen. Als Grund nennt er zwei Faktoren: „Die Umleitung der Stadtbahnlinien, die zur Folge hatte, dass die Haltestelle Rathaus nicht mehr angefahren wurde. Und die Reihe von Baustellen in der Straße.“ Eine dieser Baustelle hatte er genau vor seinem Laden, den er 2015 übernommen hatte. Früher, erzählt er, habe das 1964 gegründete Unternehmen einmal 13 Filialen in Stuttgart gehabt: „Jetzt gibt es nur noch die eine in der Eberhardstraße.“ Und auch dort kämpft Zambito mit den Folgen der Digitalisierung in der Fotobranche und dem generellen Strukturwandel im Handel. Dass in Zukunft in der Eberhardstraße keine Autos mehr fahren sollen, betreffe auch seine Kunden. Etwa diejenigen, „die einen großen Fotorahmen kaufen wollen“.

Aber grundsätzlich freut sich Antonio Zambito darauf, dass die Eberhardstraße zu einer Flaniermeile werde. „So könnte nach der Durststrecke wieder ein Normalzustand eintreten, von dem aus auch wieder an Wachstum zu denken ist.“

Das Colvino expandiert

Wachstum ist auch das Stichwort für Angelo Colacicco, der aus zwei Perspektiven über die Eberhardstraße sprechen kann. Einerseits als Textilhändler und als Gastronom. Seit drei Jahren versucht er sich mit seinem Klamotten-Laden an der Eberhardstraße über Wasser zu halten. Sein Resümee: Miethöhe und Kundenfrequenz stehen sich diametral gegenüber. „Vielleicht wäre der Laden in einer günstigeren Lage profitabel, aber nicht in der Stadtmitte.“ Da zieht er im September einen Schlussstrich. Im Laden, der einen Durchgang zum Restaurant Colvino hat, wird dann italienische Feinkost und Weine feilbieten. Die Gastro-Fläche, die gerade vor seinem Laden entsteht, will er dann freilich auch bespielen und die Öffnungszeiten erweitern.

Für Angelo Colacicco kommt die erste Stufe aus dem Konzept „Lebenswerte Innenstadt“ zur rechten Zeit. Verbunden mit seiner konzeptionellen Anpassung erhofft er sich eine größere Wahrnehmung und insgesamt mehr Gäste. „Ich glaube, wir werden davon profitieren.“

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