Ebersbach bereitet sich auf die 850-Jahr-Feier vor Mit Nadel und Faden ins Mittelalter

Von Philipp Braitinger 

Nächstes Jahr feiert Ebersbach sein 850-jähriges Bestehen. Für den authentischen Auftritt bei der Feier nähen Hobbyhistoriker Unterröcke, Hosen und Gewänder wie im Mittelalter. Ein Besuch in der Nähwerkstatt.

Bequemes Untendrunter fürs Stadtjubiläum: Stadtarchivar Uwe Geiger (links) und Christian Fingerle zeigen, wie Hosen  vor 850 Jahren ausgesehen haben. Foto:  
Bequemes Untendrunter fürs Stadtjubiläum: Stadtarchivar Uwe Geiger (links) und Christian Fingerle zeigen, wie Hosen vor 850 Jahren ausgesehen haben. Foto:  

Ebersbach - Die Unterhose ähnelt einem knielangen Sack mit Löchern für die Beine. Die Stoffe sind aus Wolle oder Leinen. Gummibänder gibt es nicht. Mit einem Gürtel wird die Unterhose an der Hüfte befestigt, anschließend mit Schnüren an dem Gürtel festgezurrt. Es vergehen einige Minuten, dann ist die mittelalterliche Unterhose fertig.

In etwa sechs Monaten feiert die Stadt Ebersbach ihr 850-jähriges Stadtjubiläum. Im Obergeschoss des Stadtmuseums nähen dafür zehn Mitglieder der Mittelaltergruppe Kleider. Zum Festauftakt am 14. Februar 2020 wollen sie das komplette Mittelalteroutfit fertiggenäht haben. Heute ist der Unterrock an der Reihe.

Szene der ersten schriftlichen Erwähnung soll nachgestellt werden

„Wir wollen eine Darstellung wie um 1170“, erklärt der Stadtarchivar Uwe Geiger, der beim Nähen dabei ist. Geplant ist, dass die Mittelalterdarsteller eine historische Szene zur ersten schriftlichen Erwähnung nachstellen. Vielleicht wird es auch einen Marsch zum ehemaligen Kloster Adelberg geben. Aber das kann Geiger noch nicht sagen.

Dabei ist überhaupt die Datierung der Stadt nicht so einfach. Die erste schriftliche Erwähnung Ebersbachs an der Fils hängt mit einer Schenkung zusammen. Der kaiserliche Ministerial „Arnolfus de Ebersbac“ übergab dem Kloster Ursberg sechs Höfe für seine drei Pflegetöchter. Die Höfe befanden sich im oberen Filstal. Erhalten hat sich diese kurze Notiz in einem Traditionsbuch des Klosters.

Besitz von Kleidung war einst mit großen Anstrengungen verbunden

Angelegt wurde das Verzeichnis jedoch erst im 14. Jahrhundert. Damals war wohl bereits die Originalurkunde verloren gegangen und stand nicht mehr zur Verfügung, um das genaue Datum der Schenkung einzutragen. Anhand der chronologisch aufgeführten Einträge datierte ein Autor im Jahr 1924 den Vorgang auf die „Zeit um 1170“.

Jasmin Berger arbeitet auf dem Boden des Stadtmuseums an ihrem Unterkleid aus Leinen. „Das Mittelalter fasziniert mich“, sagt die 36-Jährige. Die Menschen hätten ohne komplizierte Maschinen gelebt. Vieles, das heute selbstverständlich sei, wie der Besitz von Kleidung, sei im Mittelalter noch mit großen Anstrengungen verbunden gewesen. „Heute werden die Klamotten einfach gekauft und schnell wieder weggeworfen“, sagt Berger.

Christian Fingerle hat sich von Laien zum Fachmann entwickelt

Ebenfalls am Nähen sind Eva und Thomas Lanwer. „Selbst zu nähen finde ich superinteressant“, sagt die 49-Jährige. Als Kind sei sie immer beim Peter-und-Paul-Fest in Bretten (Landkreis Karlsruhe) dabei gewesen. Viele der Teilnehmer hätten dort historische Kostüme getragen. Als sie erfuhr, dass in Ebersbach eine Mittelaltergruppe gegründet werde, wollte sie mitmachen. Für Thomas Lanwer (48) ist vor allem der historische Hintergrund spannend, über den er bei der Arbeit in der Mittelaltergruppe allerhand lernt.

Als Experten für das Nähen der Kleider ist Christian Fingerle aus Köngen dabei. Seit einigen Jahren sei „Living History“, also Rollenspiele von historischen Szenen mit originalgetreuer Kleidung, sein Hobby, sagt der 39-Jährige. Des Öfteren schaltet er in seiner Freizeit dafür das Handy aus und zieht sich das Gewand eines Deutschritters über. Er habe sich in das Thema „reingefuchst“, entwickelte sich vom Laien zum Fachmann. Durch Bücher und archäologische Funde wisse man heute viel über die Kleidung und das Leben im Mittelalter, erzählt Fingerle. „Mich interessiert die Kultur“, sagt er.

Uwe Geiger: Der Spaß ist die Hauptantriebsfeder

An ihre handwerklichen Grenzen kommt die Nähgruppe, wenn es um die Schuhe geht. Diese werden dann einfach gekauft, das geben die Teilnehmer freimütig zu. Wichtig sei, dass die Schuhe originalgetreu seien und niemand seine neuen Turnschuhe unter dem Mittelaltergewand trage, sagt der Archivar Geiger. Bei den Brillen sind die Hobbyhistoriker wiederum großzügig. Die Teilnehmer dürfen ihre Brillen beim Historienspiel und beim Marsch aufbehalten, auch wenn es im Mittelalter so moderne Sehhilfen noch nicht gab.

„Der Spaß ist die Hauptantriebsfeder und ein bisschen Abenteuerlust“, erklärt Geiger die Motivation der Teilnehmer. Zudem wachse der Respekt vor den Menschen, die im Mittelalter ihren Alltag meistern mussten. Im Gegensatz zu heute hätten sie fast alles was sie brauchten selbst hergestellt.

Wie viel Arbeit und manchmal sogar Leid bereits das Nähen eines einfachen Unterkleides bereitet, hat Geiger persönlich erfahren. „Ich habe mich schon unheimlich oft in den Finger gestochen“.