Ebola & Co. Ein Labor für die gefährlichsten Viren

Von Torsten Harmsen 

Auch Berlin hat nun ein Labor der höchsten Sicherheitsstufe für die Arbeit mit tödlichen Erregern. Es ist das dritte seiner Art in Deutschland. Bei der Eröffnung erläutert der Laborleiter die strengen Schutzvorkehrungen.

Wie auf einer Raumstation: Mitarbeiterinnen üben in zehn Kilogramm schweren Schutzanzügen die Laborarbeit. Foto: dpa
Wie auf einer Raumstation: Mitarbeiterinnen üben in zehn Kilogramm schweren Schutzanzügen die Laborarbeit. Foto: dpa

Berlin - Das Labor liegt mitten in Berlin in einem hellgrauen Kubus. Das vierstöckige Gebäude ragt aus dem rot verklinkerten Neubau des Robert-Koch-Instituts (RKI) im Wedding empor. Das diese Woche im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eingeweihte Gebäude beherbergt das neueste deutsche Hochsicherheitslabor zur Erforschung besonders gefährlicher Erreger wie der Ebola-, Lassa- und Marburgviren.

Bis jetzt darf in Deutschland mit diesen Krankheitserregern nur in drei Hochsicherheitslabors der Sicherheitsstufe 4 (S4) gearbeitet werden: in Marburg, Hamburg und auf der Insel Riems im Greifswalder Bodden. In Letzterem arbeiten Forscher mit Tierseuchenerregern, die aber unter Umständen auch für den Menschen gefährlich werden könnten. Mit der Einrichtung in Berlin erhält nun das RKI als erstes Bundesinstitut im humanmedizinischen Bereich ein S4-Hochsicherheitslabor.

Seine Aufgabe ist, gefährliche Krankheiten möglichst schnell zu diagnostizieren. Wird etwa in einer Berliner Klinik ein Patient mit Verdacht auf Ebola, Lassa- oder Marburgfieber eingeliefert, dann können Forscher im Hochsicherheitslabor in kürzester Zeit feststellen, ob ein betreffender Erreger im Blut nachzuweisen ist. Solche Fälle kommen immer wieder vor. 1999 wurde etwa in Berlin ein Patient mit Verdacht auf Lassafieber eingeliefert. Auch Ebola-Alarm gab es mehrfach, zuletzt vor wenigen Tagen. Der Verdacht bei einem 40-Jährigen stellte sich als Malaria-Infektion heraus.

Die nötigen Tests können Jahre dauern

Das RKI ist die zentrale Einrichtung für den Infektionsschutz in Deutschland. Sein Neubau im Wedding wurde seit Herbst 2010 mit etwa 170 Millionen Euro Bundesmitteln errichtet. Den Kubus des Hochsicherheitslabors nennt der RKI-Präsident Reinhard Burger „ein Haus im Haus“. Das Labor soll nicht nur aktuelle Verdachtsfälle abklären und Viren erforschen, sondern auch Therapien und Impfstoffe entwickeln.

„Die Ebola-Epidemie in Westafrika hat uns vor Augen geführt, welche Folgen unkontrollierte Ausbrüche von Infektionskrankheiten haben können“, sagte Angela Merkel bei der Eröffnung. Doch gerade bei der aktuellen Ebola-Epidemie wird das neue Berliner S4-Labor noch nicht in Erscheinung treten. Zunächst wird die gesamte Technik monatelang auf den Prüfstand gestellt. Der technische Testbetrieb werde „wohl mindestens bis Ende 2015 dauern“, sagt der Leiter des RKI-Labors, Andreas Kurth, der zuvor am Hochsicherheitslabor in Hamburg und in den USA arbeitete. Während der Ebola-Epidemie baute er im westafrikanischen Guinea das Diagnoselabor der EU mit auf.

Wenn die Technik läuft, soll im neuen Berliner S4-Labor zunächst ein Probebetrieb mit weniger gefährlichen Krankheitserregern beginnen. Erst wenn dieser erfolgreich abgeschlossen ist, können sich die Mitarbeiter an hochgefährliche Viren machen. Bis dahin könnten Jahre vergehen. Doch die Zeit ist offenbar notwendig. Laut Infektionsschutzgesetz sind bestimmte Maßnahmen einzuhalten. Das Labor muss räumlich und technisch völlig abgeschottet arbeiten. Es wurde bereits als U-Boot mitten in der Stadt beschrieben. Man könnte auch Raumschiff sagen, denn die zehn Kilogramm schweren Schutzanzüge der Mitarbeiter sehen ein bisschen aus wie jene, die Astronauten bei Außeneinsätzen auf der ISS-Raumstation tragen. Auch die Räume selbst wirken wie das Innere eines Raumschiffs. Überall Edelstahl und Kunststoff, leicht steril zu halten. Unter der Decke hängen Belüftungsrohre. An blaue spiralförmige Schläuche stöpseln die Mitarbeiter ihre Anzüge an, um Atemluft zu zapfen. Bloß kein Kontakt mit der möglicherweise kontaminierten Luft.

Gearbeitet wird nur unter Aufsicht

Zunächst sollen es zehn Mitarbeiter sein, später einmal dreißig. Sie werden geschult und müssen sich auf Strapazen einstellen. „Die eigentliche Arbeit ist ähnlich wie in jedem anderen Labor“, sagt der Laborleiter Andreas Kurth. Aber mit drei Handschuhen übereinander und eingeschränktem Blickfeld müsse man sie erst einmal üben. Nach jeder Arbeitseinheit, die höchstens vier Stunden dauern darf, müssen die Mitarbeiter sechs Minuten lang mit dem Anzug unter die Chemikaliendusche. Und nach dem Ausziehen wird noch einmal geduscht. Falls sich jemand sticht oder schneidet, tritt ein Notfallplan in Kraft. Der Verletzte wird nach gründlicher Dekontamination an der Außenschleuse von Spezialkräften in Empfang genommen.

Der Berliner Labor-Kubus besitzt allein drei Etagen dafür, eine völlig autarke Versorgung mit Luft, Strom, und Wasser zu gewährleisten. Mehrere Schleusen sollen sicherstellen, dass keine Luft nach außen dringt. Abfälle oder gebrauchte Geräte werden hocherhitzt, um sämtliche Erreger absterben zu lassen. Damit Mitarbeiter möglichst keine Fehler machen, gilt das Vier-Augen-Prinzip. Jeder arbeitet immer unter der Aufsicht eines anderen. Die Viren lagern unter Verschluss und werden in flüssigem Stickstoff gekühlt. Hinzu kommt, dass das Labor „spiegelbildlich und redundant aufgebaut“ ist, wie Andreas Kurth sagt. Alles ist doppelt vorhanden, so dass man auch dann weiterarbeiten kann, wenn in einem Teil des Labors eine Wartung stattfindet.

Dennoch stellen sich Fragen, etwa die, ob nicht Terroristen Zugang zu den gefährlichen Krankheitserregern finden könnten? „Das Labor ist mehrfach gesichert und wird rund um die Uhr bewacht“, heißt es aus dem RKI. Die Infektionserreger, um die es gehe, seien nur in geringsten Mengen im Labor vorhanden. Dagegen seien sie in bestimmten Regionen der Erde in der Natur viel leichter zu beschaffen. Bei Bränden wiederum würden die hitzeempfindlichen Viren schnell zerstört werden.

Es tauchen immer wieder neue Erreger auf

„Wir müssen auch Sorge tragen, dass wir immer weiter wachsam sind“, sagte Angela Merkel bei der Labor-Einweihung, „denn manche Krankheiten, die als nicht mehr existent angesehen wurden, breiten sich wieder aus anderen Regionen der Welt aus.“ Jähe Überraschungen sind möglich. „In den vergangenen Jahrzehnten ist nahezu jedes Jahr ein neuer Erreger entdeckt worden, der klinisch relevante Erkrankungen des Menschen hervorrufen kann“, erklärt das RKI. Unter den neuen Erregern waren auch Viren der höchsten Risikostufe, etwa das Lujo-Virus 2009 oder das Nipah-Virus in den 90er Jahren. Auch bei dem Verdacht auf einen bioterroristischen Anschlag sei eine schnelle Diagnostik nötig.

So gelten zum Beispiel die Pocken seit 1977 als weltweit besiegt. Dennoch lagern noch Viren an zwei Orten der Welt, im US-amerikanischen Atlanta und im russischen Kolzowo in der Nähe von Nowosibirsk. Sie könnten im schlimmsten Fall Terroristen in die Hände fallen. Beim Verdacht auf eine Freisetzung von Pockenerregern würde die Untersuchung auch in einem S4-Labor durchgeführt werden.

Hinzu kommt: eine Milliarde Menschen leidet an sogenannten „vernachlässigten Tropenkrankheiten“, die nicht so hoch ansteckend sind, dass sie die Industrieländer erreichen. Deshalb werden sie auch nicht intensiv erforscht. Merkel sagte: „Hier ist ein Umdenken dringend erforderlich!“ Für die Erforschung dieser Krankheiten stehen im Neubau des RKI Labors geringerer Sicherheitsstufe zur Verfügung.