Ebola in Nigeria Schon die Angst tötet viele Menschen

Von Johannes Dieterich 

Dem Ebola-Virus könnten noch in diesem Jahr 20 000 Menschen in Westafrika zum Opfer fallen, wenn nicht schnell geholfen wird. Das größte Problem: es fehlt nicht an Geld, sondern an Krankenpflegern. Hilfsorganisationen suchen händeringend Personal.

Eine Frau mit Ebola-Symptomen wird ins Krankenhaus gebracht. Sie hat noch Glück – viele Patienten werden vor den Toren abgewiesen. Foto: dpa
Eine Frau mit Ebola-Symptomen wird ins Krankenhaus gebracht. Sie hat noch Glück – viele Patienten werden vor den Toren abgewiesen. Foto: dpa

Monrovia - Ein junger Mann in blauen Jeans und grünem T-Shirt wälzt sich auf dem vom Regen nassen Lehmboden vor dem John-F-Kennedy-Hospital in der liberianischen Hauptstadt Monrovia und stöhnt: „Ich sterbe.“ Seine Mutter flößt ihm aus einer Plastikflasche Wasser in den Mund, der Vater ruft verzweifelt: „Was sollen wir nur tun?“ Das Eisentor zur größten Klinik des Landes will sich nicht öffnen: Mit 68 Patienten sei die für 38 Kranke ausgelegte Ebola-Station des Hospitals bereits hoffnungslos überfüllt, sagt Krankenpfleger Lavele Sumbo. Stunden später wird der inzwischen reglos auf dem Boden liegende Kranke von Männern in außerirdisch anmutenden Schutzanzügen in die Klinik getragen. „Just for Killing“, nennen die Bewohner Monrovias ihr mit den Buchstaben JFK abgekürztes Krankenhaus sarkastisch: ein Hospital, das höchstens zum Töten taugt.

Unter solchen Umständen müssen die Menschen auf ihre Behandlung warten. Foto: EPA

Liberia ist zum Inbegriff der Hölle auf Erden, zum Synonym einer der verheerendsten menschlichen Katastrophen der Gegenwart geworden: Weit über 1200 Liberianer – und ebenso viele Guineer und Sierra Leoner – sind der schlimmsten Ebola-Seuche der Geschichte zum Opfer gefallen. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO wird die Zahl der Toten in den nächsten drei bis sechs Monaten 20 000 erreichen: Manche US-Wissenschaftler gehen sogar von „Hunderttausenden“ von Toten in den nächsten eineinhalb Jahren aus. Die Epidemie breite sich „wie ein Flächenbrand“ aus und zerstöre „alles, was sich ihr in den Weg zu stellen sucht“, sagte der stellvertretende liberianische Verteidigungsminister Brownie Samukai vor den UN in New York: Die Existenz seines Landes sei in Gefahr.

„Erzähl mir dann, wie’s war, aber bitte nur am Telefon“, meint die Agentin im Reisebüro, als sie das Flugticket ausstellt, ohne zu scherzen. Die Nachbarin lässt sich versprechen, dass der Korrespondent nach seiner Rückkehr drei Wochen lang nicht in ihre Nähe kommt. Und ein Freund versucht ihn unter Hinweis auf die Verantwortung gegenüber seinen Kindern von dem offenbar nicht nur selbstmörderischen Vorhaben abzubringen. Die Angst vor dem Virus hat sich noch schneller als der Erreger selbst ausgebreitet – überall auf der Welt.

Airlines meiden die Krisenregion

Schon die Anreise ist kompliziert, weil die meisten Fluggesellschaften die Krisenregion inzwischen meiden – eine von den   betroffenen Staaten bitter beklagte Zwangsquarantäne. Deshalb geht es von Johannesburg aus über Dubai und Casablanca nach Liberia – einmal um den Kontinent, mehr als 15 000 Kilometer weit, fast 35 Stunden Reisezeit. Die Maschine der Royal Air Maroc, einer von noch fünf Flügen die Woche nach Monrovia, ist halb leer – mit ein paar europäischen Helfern, einigen wagemutigen liberianischen Rückkehrern und den in Westafrika allgegenwär­tigen libanesischen Geschäftsleuten. Dagegen wird der Rückflug ausgebucht sein.

Noch vor dem Flughafengebäude wartet der erste Eimer. Die mit Chlorwasser gefüllten Plastikkübel sind zu Liberias nationalen Insignien geworden: Vor jedem Hotel, jedem Haus und noch so kleinen Lädchen müssen Besucher ihre Hände waschen. Eine Flughafenangestellte mit Schutzbrille, Mundschutz und weißem Plastikoverall setzt allen Ankömmlingen eine Temperatur-Pistole an die Schläfe: ein makaber anmutendes Ritual, das sich in den folgenden Tagen unzählige Male wiederholen wird. Welcome in Liberia.

Das Schlimmste sei vorüber, sagt Fahrer König Foleli, der den imposanten Vornamen seinem von deutschen Missionaren ausgebildeten Vater verdankt. Habe die Bevölkerung der Regierung zunächst nicht geglaubt, als sie den Seuchenalarm schlug – die Liberianer haben es sich längst abgewöhnt, ihren Regierungen noch irgendetwas zu glauben –, so habe sich das Bewusstsein, dass die Epidemie tatsächlich existiert, inzwischen durchgesetzt, fährt der Fahrer fort: „Und weil wir das Virus jetzt ernst nehmen und die nötigen Vorkehrungen zu unserem Schutz befolgen, wird es jetzt besser werden.“ Monrovias Straßenbild scheint König Foleli recht zu geben. Nichts deutet auf den angeblich bevorstehenden Staatskollaps hin: Business as usual, mit Eimern.

Die Bilder der Leichentrupps haben viel Angst ausgelöst. Foto: AFP

Anderntags in West Point, dem größten Slum Monrovias, wo mehr als 70 000 Menschen auf engstem Raum zusammenleben. Als aus West Point Anfang August die ersten Ebola-Fälle gemeldet wurden, sperrte die Regierung den gesamten Slum ab: Die Bevölkerung, die hier ohnehin dem Oppositionspolitiker und einstigen Fußballstar George Weah nahesteht, ging auf die Barrikaden. Erschrocken hob Präsidentin Ellen Johnson Sirleaf die Blockade wieder auf: Heute laufen junge Menschen mit weißen Plastikwesten durch die engen Gassen, um die Slumbewohner über den richtigen Umgang mit dem Virus aufzuklären. Rachel Hoskin, eine der Freiwilligen, führt den Reporter zu einer Großmutter, die in der vergangenen Woche ihre halbe Familie verloren hat: Innerhalb von wenigen Tagen starben zwei ihrer Söhne, eine Tochter, zwei Enkel und der Schwiegersohn. Mittlerweile ist die 55-jährige Mema Sware selber krank: Sie sitzt zusammengefallen vor ihrem Haus, in dem der Rest der einst 18-köpfigen Großfamilie noch immer – jetzt mit der hochgradig ansteckenden Großmutter – lebt. „Wir haben versucht, einen Platz in einer Isolierstation für sie zu finden“, sagt Hoskin: „ Sie sind alle voll.“