Eddy Freiberger ist DJ in der Rockfabrik Laute Nacht

Eddy verbringt die Nächte in einem Kabuff mit Mischpulten: werktags bis 3 Uhr, am Wochenende bis 5 Uhr. Foto: factum/Bach

Das Beste aus dem StZ-Plus-Archiv: Eddy Freiberger hat sein Leben der Rockfabrik in Ludwigsburg gewidmet. Der DJ ist dabei selbst zu einer Institution der Rockszene geworden.

Nachrichtenzentrale: Tim Höhn (tim)

Ludwigsburg - Stellt man sich Eddy vor, sein Äußeres, seine Erscheinung, dann: Klar, der hat lange Haare, ein bleiches Gesicht und trägt schwarze Klamotten, Jeans und ein T-Shirt wahrscheinlich. Wie jemand halt aussehen sollte, der seit 31 Jahren als Discjockey in einer der bekanntesten und größten Rock-Diskotheken Deutschlands arbeitet: in der Rockfabrik, der Rofa in Ludwigsburg. Zum Gespräch in einem Kellerraum der Rofa, denn überall sonst wäre es dort viel zu laut, erscheint tatsächlich ein Mann mit langen Haaren, bleichem Gesicht und schwarzen Klamotten, Jeans und Shirt. Bemerkenswert ist nicht, dass Eddy optisch voll ins Bild passt, sondern dass er trotzdem aus dem Rahmen fällt.

 

„Party till we puke and Hell Yeah“ – brav übersetzt: Feier, bis uns übel wird – hat Eddy „Godmaster“ als Motto über seinen Steckbrief auf der Rofa-Webseite geschrieben. Spätestens da geht mancher halt mit einem Vorurteil an die Sache ran: Sinnvolles Gespräch? Könnte schwierig werden. Wird es aber nicht. Mag sein, dass der Godmaster, der eigentlich Freiberger heißt, in seinem Leben gefeiert hat bis zum Erbrechen, aber in diesem schalen Keller ist er ein eher ruhig und nachdenklich wirkender Mann, der seine Worte mit Bedacht wählt und jünger wirkt als 51 Jahre. Und noch müde. Es ist erst kurz nach 21 Uhr. Eddys Tag fängt gerade an.

Vielleicht hat ihn in den Tausenden lauten Nächten frisch gehalten, dass er immer nur das gemacht hat, was er am liebsten macht. Er würde das auch tun, ohne dafür Geld zu bekommen. „Ich kann nichts anderes als Musik“, sagt er, aber präziser wäre wohl: Er will nichts anderes. Wenn Eddy mal freihat, besucht er Konzerte und Festivals, doch er hat selten frei. Ist er nicht gerade DJ, kümmert er sich um sein kleines Plattenlabel. „Ich kann auch mal die Seele baumeln lassen“, erzählt er, nur heißt das für ihn vermutlich: mit dem Kopfhörer auf der Couch, Heavy Metal mit 120 Dezibel oder so.

Die Jungs von Metallica torkelten über die Tanzfläche

Eddy weiß, dass er eine große Nummer ist – in der Rofa, die er „mein Zuhause“ nennt, und damit zwangsläufig in der deutschen Rockszene. Er hat in der Rofa mit Roger Taylor von Queen geplaudert und war dabei, als Metallica sich so übel betranken, dass sie nur noch über die Tanzfläche torkelten. „Nette Jungs“, sagt Eddy lapidar. Lemmy von Motörhead? Auch so ein netter Junge, leider mittlerweile tot. „Sehr lustig war der. Kam nach einem Konzert in Stuttgart zu uns und stand den ganzen Abend am Spielautomaten.“ Selbst die Scorpions, damals Weltstars, hätten in der Rofa gefeiert, ohne Security. „Keine Spur von Allüren.“

Früher war harte Gitarrenmusik mit all ihren Genres – Metal, Hardrock, Punk, später Grunge – allgegenwärtig. Auf den Schulhöfen trugen picklige Teenager ihre Lieblingsband auf dem Sweatshirt, und mit dem Erfolg von Metallica oder Nirvana gelangte die Subkultur an die Spitze der Charts. Den Platz hat längst Hip-Hop eingenommen. So zog sich die Hardrock-Szene an die Orte zurück, an denen sie unter sich ist. Ein solcher Ort ist das Wacken-Open-Air in Schleswig-Holstein mit mehr als 80 000 Besuchern. Ein anderer ist die Rockfabrik. 1500 Menschen passen in den Klotz mit den drei Etagen, und an Wochenenden wird es meist voll. Ein Jugendlicher aus Zürich, Köln oder Berlin kennt Ludwigsburg nicht wegen des hübschen Residenzschlosses. Wenn er Gitarrenmusik mag, kennt er Ludwigsburg, weil dort, in einem hässlichen Industriegebiet in der Weststadt, die Rofa steht. 35 Jahre alt und damit weit älter, als die meisten Clubs je werden. Ein Anachronismus.

Dunkle Wände, Schwarzlicht, Laser. An den Wänden riesige Fratzen und Monster mit verzerrten Grimassen, die ins Publikum schreien. Plakate von Szenegrößen, eine Ecke neben einer Bar ist mit Aufklebern dekoriert. „Halb besoffen ist rausgeschmissenes Geld“ steht da, oder: „Wer tanzt, hat bloß kein Geld zum Saufen.“ Party bis zum Erbrechen – kann das wirklich ein Lebensmotto sein, Eddy? Sei veraltet, antwortet er. Er sei ruhiger geworden, feiere lange nicht mehr so exzessiv wie früher. „Ich kann einen ganzen Abend Wasser trinken, während um mich herum alle betrunken sind.“ Sogar liiert ist er, nur Kinder hat er nicht. „Zumindest keine, von denen ich wüsste.“

In der Rockfabrik ist alles bombastisch

Die Rockfabrik ist nicht cool, sie ist Kult, und Eddy ist ihr Guru. Er wohnte um die Ecke und jobbte als Hilfsarbeiter, als vor 35 Jahren aus einer ehemaligen Kühlschrankfabrik die Rockfabrik wurde. Bei der Eröffnung war er ein Besucher unter vielen, er wurde Stammgast und dachte sich: „So ein Scheiß-DJ – das kann ich besser.“ Das heißt: Er dachte es nicht nur, er sagte es auch jedem. 1988 kam seine Chance. Ein Discjockey war krank, der andere im Urlaub. „Der Chef hat mich, das Großmaul, einfach gefragt, ob ich es probieren will“, erzählt Eddy. Beim ersten Mal sei er nervös gewesen, aus einem Abend wurden zwei, drei, ein Monat, ein Jahr, 31 Jahre. Heute ist Eddy der einzig verbliebene fest angestellte DJ des Hauses. Vier, manchmal fünf Nächte pro Woche steht er hinter der Scheibe, die ihn von der Tanzfläche im Erdgeschoss trennt. Die Gäste sehen meist nur seine Silhouette.

Die längste Zeit seines Lebens hat er hinter dieser Scheibe verbracht. In einem länglichen Kabuff mit Tausenden CDs an der Rückwand, Mischpulten und einem Laptop auf einem Tisch. In der Ecke ein Ventilator, Kabel, Mikros. Es ist jetzt 22 Uhr, und Eddy spielt ein Lied der deutschen Band Eisbrecher. „Wir müssen uns vermehren“, dröhnt es aus den Boxen, während fünf Teenager schüchtern erste Tanzversuche unternehmen. Die Bars und die Tische an den Rändern füllen sich, die Menschenschlange vor der Tür wird länger. „Die Rockfabrik ist mehr als eine Disco“, ruft Eddy durch den anschwellenden Lärm. „Für viele ist sie eine zweite Heimat, ein Zufluchtsort. Wie eine große Familie.“

Tatsächlich unterscheidet sich die Atmosphäre grundlegend von der in einem modernen Szeneclub. Wer zu elektronischer Musik tanzt, bleibt allein. Musik, Interieur und Interaktion, alles ist minimalistisch. In der Rockfabrik ist alles bombastisch, getanzt wird in der Gruppe, und jeder kennt die Rituale. Als Eddy um kurz nach halb elf „Warriors of the World“ von Manowar, der angeblich lautesten Band der Welt, durch die Boxen schickt, füllt sich die Tanzfläche wie auf Befehl. Wer lange Haare hat, lässt sie kreisen, Headbanging. Zu bestimmten Passagen im Lied reißen alle die Arme hoch, viele singen mit oder schreien sich die Texte gegenseitig ins Gesicht. Kurz nach halb elf ist bereits eine wilde Menschenmasse entstanden, und Eddy ist zufrieden. Der Abend kann jetzt richtig losgehen.

Keine extremen Brüche, keine abrupten Stilwechsel

Rund 5000 Schallplatten besitzt Eddy, vielleicht mehr, so genau weiß er das nicht. Er mag das alte Vinyl, aber in der Rofa kommt die Musik aus dem Laptop. Nicht alles ist Hardrock oder Heavy Metal. Montags spielt Eddy radiotaugliche Musik, auch Pop, Ed Sheeran, „solche Sachen“. Dienstags Oldies von The Police oder Judas Priest, freitags und samstags das harte Zeug. Er lege Wert auf ein „harmonisches Musikprogramm“, sagt er. Keine extremen Brüche, keine abrupten Stilwechsel. „Bei mir weiß man, was man kriegt.“ Die Herausforderung sei, den Leuten trotzdem regelmäßig Neuheiten vorzustellen und sie damit auch mal zu überraschen. Das sei schwerer geworden, seit Musik im Internet sofort und für jeden verfügbar sei. Er selbst sei immer noch auf der Suche nach dem perfekten Song. „Existiert vermutlich noch nicht.“ Am nächsten herangekommen seien Deep Purple mit „Child in Time“. Keine ganz überraschende Wahl: Der Protestsong gegen den Vietnamkrieg gilt als Meilenstein der Rockgeschichte.

Eddy ist kein Arzt. Wenn er einen Fehler macht, sind die Konsequenzen überschaubar. Eine Verantwortung hat er dennoch. Von ihm hängt ab, ob Tausende Menschen einen guten oder schlechten Abend haben, und fast hat es den Anschein, er sei genau für diesen Job geboren worden. Weil er Musik liebt, natürlich, aber das ist nicht genug. DJs sehen oft tagelang kein natürliches Licht und leben in einem Rhythmus, der soziale Kontakte nahezu unmöglich macht. Nur wenige halten das lang durch. Werktags bis 3 Uhr, am Wochenende bis 5 Uhr – das sind Eddys Arbeitszeiten. „Mir macht das nichts aus“, sagt er. Er sei schon immer ein Nachtmensch gewesen, und seine Freunde habe er in der Rofa kennengelernt.

Viele Besucher sind jung, aber manche verbringen, wie Eddy, seit Jahrzehnten jedes Wochenende hier. „Eddy ist die gute böse Seele der Rofa“, erzählt ein Mittfünfziger. Gut – weil er zuhöre, loyal sei, unprätentiös (das Wort benutzt er wirklich). Und warum böse? „Ist ’ne Metal-Disco. Bisschen böse gehört dazu.“

Es ist düster, laut, fremd

Tattoos, Piercings, lange Haare – das schockiert heute niemanden mehr. Eine Band wie Manowar, die auf Plattenhüllen mit Schwertern und Lederhöschen posiert, wirkt befremdlich, aber nicht böse. Berufsprovokateure wie Rammstein können darauf zählen, dass ihre Texte über sexuelle Abgründe auch in seriösen Feuilletons seziert werden. Noch wesentlich härter ist die Industrial-Musik, die auf der dritten Etage der Rofa läuft. Menschen, die in langen Ledermänteln roboterartige Tänze aufführen. Es ist düster, laut, fremd. Kein Ort, den Eltern von Teenagern zwangsläufig mögen würden. Aber die Leute sind freundlich, höflich. „Natürlich gibt es Idioten, die zu viel trinken und sich danebenbenehmen“, sagt Eddy. „Aber die Atmosphäre in der Rofa ist harmonischer als in den meisten anderen Clubs. Die Leute gehen respektvoll miteinander um.“

Das martialische Äußere gehört dazu, Metal ist ebenso rebellisch wie konservativ. Wer in die Rofa geht, ist anders und will anders sein als die Altersgenossen, die alle gleich aussehen. Auch Eddy lebt nach dieser Attitüde: „Ich lasse mich nicht verbiegen“, sagt er. „Ich bin ein freier Mensch.“ Die Disco, ihr DJ und die Besucher folgen keinen Modetrends. Die Bandnamen auf den Shirts ändern sich, aber davon abgesehen sieht ein Rofa-Abend im Jahr 2019 sehr ähnlich aus wie in den 1980ern. „Das Feeling ist genauso wie früher“, sagt Eddy. Nicht nur er benutzt oft das Wort Familie, wenn er von der Rofa spricht. Die Gäste tun es auch. Deswegen kommen sie immer wieder. Eine Familie verlässt man nicht so einfach.

Das mag ein Grund sein, warum es den Laden so lange gibt. Gerüchte, die Rockfabrik müsse schließen, wabern seit den 1990er Jahren durchs Land. „Aber wir leben ganz gut in unserer Nische“, sagt Chris Albrecht, der Geschäftsführer. Vergleichbar in Konzept und Größe ist vielleicht nur das LKA in Stuttgart, ansonsten hat die Rofa kaum Konkurrenz. Einerseits. Andererseits können junge Leute heute aus einem nahezu unbegrenzten Freizeitangebot auswählen. Die Schlangen am Eingang seien kürzer geworden, erzählt Albrecht. Irgendwann, das weiß er, wird es vorbei sein.

Akut bedroht ist die Rofa aber aus einem anderen Grund. Der Mietvertrag läuft Ende 2019 aus. Vermieter des Gebäudes ist der Unternehmer Max Maier, der in der Weststadt zahlreiche Industriehallen aufgekauft hat. Seine Vision ist, das Gewerbegebiet umzuformen zu einem kleinen Silicon Valley, und momentan ist unklar, welche Pläne er für das Rofa-Areal hat. „Wir wissen es nicht“, sagt Albrecht. „Wir würden gerne weitermachen.“ Das gilt auch für Eddy. Wer verliert schon gerne seine Familie. „Solange ich darf, werde ich hier weitermachen.“ Einen Wechsel hinter eine andere Scheibe in einer anderen Disco kann er sich nur schwer vorstellen. „Das ist wie im Fußball“, sagt Eddy. „Wenn du bei Bayern München bist, wäre alles andere eine Verschlechterung.“

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