Edeka übernimmt Tengelmann Zu viele Verlierer

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Sigmar Gabriel hat den Weg für die Supermarktehe gegen den Rat seiner eigenen Experten freigemacht. Ein Kompromiss im Übernahmepoker wäre die bessere Alternative gewesen, findet StZ-Redakteur Thomas Thieme.

Edeka gegenüber von Tengelmann: dieses Bild wird es bald nicht mehr geben. Foto: dpa
Edeka gegenüber von Tengelmann: dieses Bild wird es bald nicht mehr geben. Foto: dpa

Stuttgart - Der Minister hat sein Machtwort gesprochen. Edeka darf die Kaiser’s Tengelmann-Filialen in den Ballungsräumen Berlin, München und Düsseldorf übernehmen. Der Marktführer hat sich dazu verpflichtet, die scharfen Auflagen, die Sigmar Gabriel zur Bedingung für seine Zustimmung gemacht hatte, zu akzeptieren. Der lange Streit über den Deal ist damit (vorerst) zu Ende. Edekas Hauptkonkurrent Rewe hat bereits angekündigt, dass er gegen die Ministererlaubnis klagen will.

Doch auch ohne diese neuerliche Pirouette hat das Ringen um die 451 Tengelmann-Läden, die gemessen an ihrem bundesweiten Marktanteil kaum ins Gewicht fallen, bereits eine Reihe von Verlierern hervorgebracht. Doch zunächst zum großen Gewinner: Karl-Erivan Haub. Der Familienunternehmer hat sich eines Mühlsteins entledigt, der seit vielen Jahren nur rote Zahlen schreibt. Es ist ihm erspart geblieben, womöglich Hunderte Filialschließungen und Tausende Entlassungen verkünden zu müssen. Haub darf sich stattdessen lukrativeren Geschäftsfeldern zuwenden, wie dem Bekleidungsdiscounter Kik und der Baumarktkette Obi sowie den eigenen Immobilien-, Energie- und Versicherungstöchtern. Statt weiter Millionenverluste im stationären Lebensmittelgeschäft einzufahren, kann er nun noch mehr Geld in aufstrebende Internet-Start-ups à la Zalando investieren.

Edeka wollte wahrscheinlich nie das Komplettpaket

Edeka mag auf den ersten Blick auch wie ein Sieger aussehen. Doch waren die Hamburger wahrscheinlich zu keinem Zeitpunkt daran interessiert, das Tengelmann-Komplettpaket zu übernehmen und weiterzubetreiben. Sie selbst waren es, die dem Bundeskartellamt in einem frühen Stadium der Auseinandersetzung angeboten hatten, 100 Läden an Dritte zu verkaufen. Das Kartellamt lehnte den Deal ab und verlangte stattdessen, den Verkauf an Edeka auf 170 Läden zu beschränken.

Nun gibt es keinen Kompromiss. Stattdessen hat sich Edeka alle Tengelmann-Märkte samt Beschäftigten ans Bein gebunden und verpflichtet, diese für mindestens fünf Jahre weiterzubetreiben. Das kann nichts Gutes für die bestehenden Edeka-Standorte und Mitarbeiter bedeuten. Es wird in vielen Fällen wohl kaum dauerhaft zwei Supermärkte in unmittelbarer Nachbarschaft geben. Auch der Wettbewerb in betroffenen Regionen wird unter der Fusion leiden; noch härtere Konditionen für die Lieferanten sowie weniger Auswahl und höhere Preise für die Kunden inklusive.

Die Konzentration im Markt schreitet weiter voran

Nicht zuletzt hat das Kartellamt einige Schrammen davongetragen. Gabriel hat es barsch in die Schranken gewiesen und dabei alle Warnungen – selbst die seiner eigenen Experten – in den Wind geschlagen. Er stellt das Wohl der 16 000 Tengelmann-Beschäftigten über alles, auch über das Wettbewerbsrecht. Damit erhöht er den Druck in einem ohnehin angespannten Markt, den vier Großkonzerne dominieren, allen voran Edeka. Man muss leider befürchten, dass angesichts der hohen Konzentration im Lebensmittelbereich weitere kleinere Mitbewerber straucheln werden.

Gabriel hat das Gerangel um Tengelmann zwar beendet, aber nur mit der zweitbesten Lösung. Besser es wären mehrere Konkurrenten zum Zug gekommen. An alternativen Bewerbern für einzelne Tengelmann-Pakete hat es nicht gefehlt. Gerade weil es Interessenten wie Rewe, Kaufland, Migros, Coop oder Norma gegeben hat, ist höchst fraglich, ob tatsächlich so viele Jobs bedroht gewesen wären, wie Tengelmann-Besitzer Haub stets beklagt hat. Klar ist: der Fall Tengelmann ist kein zweiter Fall Schlecker. Der Minister sollte sich deshalb nicht als Retter feiern lassen. Der Kreis der Verlierer ist einfach zu groß.

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