– Eine Folge, die Arne Ollig nicht gesehen hat, gibt es nicht: Der Ludwigsburger verfolgt die „
“ vom ersten Tag an. Auf einer eigenen Homepage hat er ihren Kult mit gepflegt und schließlich auch gegen ihr Ende demonstriert. Vor der letzten Folge blickt der 52-Jährige zurück auf sein Arbeit, auch auf seinen Auftritt als Komparse. -
Herr Ollig, haben Sie vor der letzten Folge „Lindenstraße“ schon Taschentücher gehamstert?
Das wird glaube ich nicht nötig sein.
Aber Sie waren schon traurig, als Sie vom Ende der Serie erfahren haben, oder?
Ich war getroffen. Und ich konnte das erst mal nicht so richtig glauben. Nach so langer Zeit.
Sie sind ein Fan der ersten Stunde?
Ich bin ein Zuschauer, der seit 1985 jede Folge anschaut. Und ich veröffentliche seit 1990 die Vorschau auf die jeweils nächste Folge. Als es noch kein Internet gab, lief das über Newsgroups, später über meine Homepage www.18uhr40.de
Sie haben keine Folge verpasst?
Keine. Auch im Urlaub habe ich immer eine Wirtschaft gesucht, wo ich gucken konnte. Mittlerweile nehme ich die Sendung auf oder streame sie. Man darf mich sonntags jetzt auch anrufen. Das war auch mal anders, aber diese Zeiten sind vorbei.
Warum?
Man wird älter, und auch die „Lindenstraße“ hat sich verändert. Früher hat die „Lindenstraße“ Geschichten erzählt, bei denen konnte man mitleben. Heutzutage ist es so wie bei anderen Daily Soaps: Ein Thema wird aufgegriffen, nach zwei, drei Folgen ist es abgehakt, und dann spricht man nicht mehr drüber. Als damals in der Serie die Moschee gebaut wurde zum Beispiel. Das war ein Riesentheater. Einer wollte sogar eine Bombe legen - und dann plötzlich war das Thema erledigt. So etwas finde ich schade.
Haben Sie eine Lieblingsfolge?
Ich habe ein paar Szenen, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Ich werde nicht vergessen, wie Meike Schildknecht an Blutkrebs gestorben ist. Auch den Selbstmord von Amélie von Marwitz und ihrem Lebensgefährten Ernst-Hugo von Salen-Priesnitz fand ich sehr ergreifend.
Hatten Sie eine Lieblingsrolle?
Eigentlich fand ich alle gut – natürlich nicht alle gleichzeitig. Das kam auf die Storyline an, was die Rolle aktuell spielen musste. Das hat gewechselt.
Gab es eine Rolle, die Sie doof fanden?
Genervt haben mich eher Gastauftritte. Zuletzt war ja Christine Neubauer da. Sie hat eine Kommunalpolitikerin gespielt, die dafür gesorgt hat, dass die Linde stehen bleibt, an die sich Murat gekettet hatte. Diese Story fand ich echt doof.
In Folge 1214 hatten Sie einen Auftritt als Komparse. Wie war das?
Das war ein Erlebnis. Wir durften das Studio und die „Wohnungen“ sehen, die man bei normalen Führungen nicht sieht. Und es war natürlich spannend zu sehen, wie so ein Dreh abläuft. Meine Frau und ich mussten ins Reisebüro gehen, um bei Erich Schiller Prospekte für eine Kanadareise abzuholen. Die Szene wurde zehn Mal wiederholt, bis sie im Kasten war.
Im Januar 2019 haben Sie eine Demo in Köln gegen das Aus der „Lindenstraße“ mitorganisiert. Hatten Sie gehofft, das Ende abwenden zu können?
Ja, schon ein bisschen. Trotzdem war der Tag ein Highlight meiner „Lindenstraßen“-Zeit. Viele tolle Leute sind nach Köln gekommen. Und vor allem: Wir haben nicht nur gemeckert, wir haben versucht, etwas zu tun.
Wenn es nun bald keine „Lindenstraße“ mehr gibt, was machen sie mit der gewonnenen Zeit?
Das weiß ich noch nicht. Zuletzt habe ich die „Lindenstraße“ immer nach dem „Tatort“ geschaut - wahrscheinlich gehe ich künftig früher ins Bett.
Für die letzte Folge gibt es keine Textvorschau. Haben Sie eine Idee worum es gehen könnte?
Ich erwarte nichts Besonderes. Für einen Corona-Bezug ist es zu spät. Der letzte Drehtag war Mitte Dezember, seither sind die Schauspieler arbeitslos, eine große Aktualisierung fällt damit flach. Spannend ist die Frage, wer den Unternehmer Wolf Lohmaier vom Dach gestürzt hat. Ich gehe davon, dass auch die letzte Folge wieder ein offenes Ende haben wird.
Wo werden Sie diese Folge anschauen?
Ich war eingeladen nach Köln, zur großen Abschiedsparty eines Fanklubs. Aber das fällt nun wie alles andere flach. Ich werde also wohl daheim schauen. Aber dieses Mal darf mich niemand anrufen.
Der Zuschauer und die Serie
Person
Arne Ollig ist 52 Jahre, arbeitet als Prüfingenieur und lebt in Ludwigsburg. Auf der Homepage www.18uhr40.de – benannt nach der Uhrzeit, zu der die „Lindenstraße“ einst ausgestrahlt wurde – veröffentlicht er Bilder sowie Texte, die eine Vorschau auf die jeweils nächste Folge bieten. Das Material bekommt er von der ARD, die damit auch Redaktionen beliefert. Olligs Arbeit schätzt der Sender allerdings nicht: Olligs Angaben zufolge, weil damit das stets offene Ende jeder Serienfolge konterkariert werde. Der Zuschauer der ersten Stunde jedoch sieht sein Angebot als Appetitanreger.
Serie
Die erste Folge „Lindenstraße“ wurde am 8. Dezember 1985 ausgestrahlt, die Folge am kommenden Sonntag ist 1758. Das Aus begründete die ARD mit schwindendem Zuschauerinteresse und Sparzwang.