Die Zeit wäre reif, das Werk des US-amerikanischen Malers Edward Hopper neu zu bewerten. Eine Ausstellung der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel bestätigt aber nur Bekanntes: kinematografische Qualitäten und psychovisuelle Tricks.

Stuttgart - Donald Trump hat ihn rausgeschmissen. Zwei Bilder von Edward Hopper schmückten bis 2017 das Oval Office im Weißen Haus. Aber der neu gewählte US-Präsident wollte die Landschaften nicht mehr in seinem Arbeitszimmer sehen. Der Mann, der auf allen medialen Kanälen „America first“ deklamiert, findet offenbar keine Freude an einer Malerei, die lauter Ikonen des amerikanischen Lebensgefühls auf die Leinwand gebracht hat: Motels und Highways, die Leuchttürme von Cape Cod oder die eiskalt beleuchtete Sandwichbar aus den berühmten „Nachtschwärmern“.

Was der präsidiale Prollmilliardär verschmäht, nehmen andere bereitwillig bei sich auf. Derzeit hängen die zwei geschassten Gemälde – Farmansichten aus Massachusetts – als Leihgaben bei der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel. Mit rund 60 weiteren Werken Hoppers – eine stolze Zahl bei einem Künstler, den man in europäischen Sammlungen nur selten antrifft. Dafür bis zum Abwinken auf Postern und Kalenderblättern.

Hopper hat Filmemacher inspiriert

Eigentlich ist über Hopper alles gesagt: 1882 in der Kleinstadt Nyack geboren und 1967 in New York gestorben, vermittelt ihm schon der Brotberuf als Illustrator das Knowhow, mit wenigen Strichen Atmosphärisches heraufzubeschwören. Seine sanftmütigen Großstadtmelancholiker gaben dem 20. Jahrhundert ein Gefühl für Langsamkeit zurück. Aus Hoppers Faible für Alltagsszenerien und Werbeschilder entwickelte sich die Pop Art, der formale Schematismus seiner Kompositionen machte bei Neuleipziger Realisten wie Tim Eitel Schule. Vollends zum Klischee geworden ist der Altmeister der US-Moderne über den Film. Dass er die Vorlage für das Horrorhaus aus Alfred Hitchcocks „Psycho“ lieferte, gehört zum kulturhistorischen Basiswissen. Auch David Lynch, Aki Kaurismäki und Ridley Scott in „Blade Runner“, borgten sich Elemente Hopperscher Stimmungskunst.

Allmählich wäre die Zeit reif für eine Neubewertung. Leider gelingt diese in Riehen nicht. Kurator Ulf Küster von der Fondation Beyeler findet nur scheinbar zu einer frischen Deutungsperspektive, wenn er den Fokus auf Hoppers Landschaftskunst richtet. Auch hier bleibt Hopper der altbekannte Maler des Kinos, wobei der Medientransfer in beide Richtungen läuft. Hollywood ließ sich ja besonders deswegen von dem Künstler inspirieren, weil der seinerseits die Ästhetik der Kamera für sich zu nutzen wusste.

Hinter jedem Hügel lauert die Katastrophe

Natur pur bieten die Landschaften selten, meist sorgen menschliche Staffagefiguren oder Architekturen für eine erzählerische Belebung. Dabei wird der Raum selbst zum Spannungsträger. So bekommt die Untersicht auf den Leuchtturm in „Lighthouse Hill“ (1927) etwas Bedrohliches, ganz zu schweigen von Hoppers Lieblingseffekt, den harten, langen Schlagschatten. Heimliche Hauptakteurin ist die Abwesenheit. Wen oder was die rot gekleidete Frau in „Cape Cod Morning“ derart gebannt anblickt, verschweigt der Bildausschnitt. Die Stille, die die Bilder heraufbeschwören, ist die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. In bester Thriller-Manier lauert hinter jedem Hügel, jeder Highwaykurve die Katastrophe. Der Maler weiß genau, in welches Fach der psychovisuellen Trickkiste er greifen muss, um bei Betrachtern erwartungsvollen Nervenkitzel zu erzeugen.

Da bräuchte es die Nachhilfe eines weiteren kinematografischen Hopper-Adepten nicht unbedingt. Wim Wenders ist trotzdem gekommen. Quasi als Bonusmaterial zur Schau präsentiert der Regisseur von „Paris, Texas“ in Riehen seinen 3D-Kurzfilm „Two or Three Things I Know about Edward Hopper“. Eine Art Fanfiction auf hohem Niveau, die versucht, einige der eingefrorenen Bildaugenblicke des Meisters erzählerisch weiterzuspinnen.

Ein Amerika, das an sich selbst zweifelt

Aber auch das bedient vor allem die Nostalgiker. Für eine umfassende Würdigung Hoppers im Jahr 2020 hätte man sich mehr Mut gewünscht. Warum nicht beispielsweise die Frage stellen, was dem US-Präsidenten derart an dem Künstler missfiel, dass er ihn aus seinem Büro verbannte? Den Biografen zufolge galt der Künstler eher als konservativer Geist. Der für amerikanische Verhältnisse linksliberale Franklin D. Roosevelt soll ihm angeblich verhasst gewesen sein. Warum also stießen die Gemälde nicht auf die Gegenliebe des Republikaners Trump? Vielleicht, weil Hopper am Ende doch jenem Amerika seine Stimme verleiht, das an sich selbst zweifelt. Von Fortschrittsoptimismus und unbegrenzten Möglichkeiten jedenfalls ist in dem klaustrophobischen Treppenhaus des Kleinformats „Stairway“ nichts zu spüren. Der finstergrüne Wald vor der geöffneten Haustüre signalisiert keinen Aufbruch in die Freiheit, sondern große Unsicherheit. Eine Seelenlandschaft, gewiss. Doch zugleich lauert in der dunklen Natur das politische Unterbewusstsein einer Nation, die Krankenversicherungen oder Kündigungsschutz traditionell für unnötig hält.

Das Paradestück der Schau schließlich, das Gemälde „Gas“ (deutsch „Benzin“), drückt mit der abendlich dahindämmernden Tankstelle sogar eine Vorahnung auf die Gegenwart aus. Der Tankwart kann einem fast schon leidtun. Weit und breit kein Auto, das die drei Zapfsäulen ansteuert! Ist das lakonische Idyll aus der nordamerikanischen Halbwildnis womöglich ein vorweggenommener Abgesang auf das Ende des Verbrennungsmotors? Hoppers Ambivalenz gegenüber einem heute überholten Verkehrsmittel dürfte Donald Trump und seiner betagteren Wählerschaft aus dem Mittleren Westen nicht behagen. Das Gemälde, das dem New Yorker Museum of Modern Art gehört, entstand 1940, also genau vor 80 Jahren. Doch es ist kein Bild für alte weiße Männer.

Ausstellung Bis 17. Mai, Baselstr. 101, Riehen. Mo–So 10–18, Mi 10–20 Uhr.