Egon Madsen zum 80. Der Tanzkönig von Stuttgart

In „Egon King Madsen Lear“ durchsucht Egon Madsen den Scherbenhaufen eines Lebens – und beeindruckte als große Bühnenpersönlichkeit in diesem Solo Mauro Bigonzettis. Foto: Regina Brocke/RB

80 Jahre und kein bisschen eingerostet: Egon Madsen gelang mit dem Stuttgarter Ballett eine glanzvolle Karriere. Als Tanzsenior beeindruckt der Däne bis heute.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Ob als eleganter Prinz, trauriger Clown oder auftrumpfender Joker: Egon Madsen hat so strahlenden Anteil an der Wunderwerdung des Stuttgarter Balletts, dass man sich an die nicht so goldene Zeit in der Beziehung des Tänzers zur Kompanie seiner größten Erfolge kaum noch erinnert. Der Däne, der als junger Künstler am Pantomimentheater im Kopenhagener Tivoli engagiert war, ist aber ein Meister darin, auf der Bühne selbst im größten Glück die feine Melancholie menschlichen Daseins durchscheinen zu lassen.

 

Bei der Verbeugung vor dem „bedeutendsten Tanzschauspieler“ seiner Zeit, wie der Kritiker Bernd Krause einmal Madsen nannte, muss deshalb auch der kurze Blick hoch zur Wolke sein, die 1997 den Himmel über dem Glückskind verfinsterte: Als Coach wollte und sollte Madsen, der am 24. August seinen 80. Geburtstag feiert, auch unter dem neuen Intendanten Reid Anderson mitarbeiten an der Zukunft des Stuttgarter Balletts, „das Gute aus der Vergangenheit in die Gegenwart retten“, wie der Tänzer selbst sagte. Doch daraus wurde nichts, gekündigt und verbittert verließ Madsen Stuttgart und ging als Ballettmeister zu Uwe Scholz nach Leipzig.

Zweite Karriere bei den Senioren des NDT

Zwei Jahre später war er dort zurück, wo einer wie er hingehört: auf der Bühne. 1999 stieg er bei den Senioren des Nederlands Theaters ein – und als Tänzer seither nicht mehr aus. Neben achtzig Lebensjahren kann der 1942 auf der Insel Fünen Geborene deshalb nun auch siebzig Bühnenjahre feiern: Schon als Zehnjähriger trat er im Kinderballett Aarhus auf, dem er bis zu seinem 15. Lebensjahr angehörte und mit dem er auch Tourneen in die Bundesrepublik unternahm. Selbstverständlich für einen wie ihn, dass er am 28. September bei der Gala zu seinem Geburtstag selbst mitwirkt: Als alter Mann in Hans van Manens Duett „The Old Man and Me“ sowie in Mauro Bigonzettis Folklore-Tanzfest „Cantata“, für dessen Stuttgarter Version der italienische Choreograf dem Senior eine eigene Rolle als furioser Dorfschalk einbaute.

Das Fest für Egon Madsen steigt im Stuttgarter Theaterhaus, wo der Däne seit nunmehr 15 Jahren als Company-Coach Eric Gauthier zur Seite steht. Dass sich da was anbahnt, konnten Feinnervige vielleicht bereits ahnen, als die beiden sich als Crankos Fools und Madsen zudem als versöhnter Heimkehrer zum 40. Geburtstag des Stuttgarter Balletts verbeugten. In Christian Spucks getanzter Revue „Don Q.“ 2007 nahm diese Beziehung dann so viel Fahrt auf, dass die Gründung von Gauthier Dance eine stimmige Konsequenz war und Madsen Pate der neuen Theaterhaus-Kompanie wurde. Nach der Station in Den Haag, wo er 2006 als künstlerischer Leiter das Wegsparen der NDT-Senior-Kompanie miterleben musste, hatte Madsen am Theaterhaus eine neue künstlerische Heimat gefunden: Hier wechselte er 2014 mit der Schauspielerin Gitte Haenning „Love Letters“, hier stand er 2015 beim Comeback seinen jüngeren Kollegen Julia Krämer und Thomas Lempertz in „Egon Madsens Greyhounds“ zur Seite.

Eine besonders gelungene Theaterstunde mit King Egon Lear

Hier wollte er es 2020 als „Egon King Madsen Lear“ noch einmal wissen. Und rührte zu Tränen mit dem Solo, das Mauro Bigonzetti, in Madsens italienischer Wahlheimat Pesaro auch Nachbar des Dänen, mit ihm gestaltet hatte: Es erzählt von der persönlichen Tragödie, zu der das Alter werden kann, wenn einer zu sehr an der Pracht von einst, an zu groß gewordenen Rollen hängt. Wenn Madsen als Greis den Scherbenhaufen eines Lebens durchsucht, dann huscht ungläubiges Erschrecken wie ein letzter Sonnenstrahl über sein Gesicht, bevor die Wut der Erkenntnis als dunkle Gewitterwolke aufzieht.

Besonders gelungen war diese Theaterstunde, weil der Künstler Egon Madsen selbst genau das Gegenteil der Bühnenfigur ist, die er für uns unter die Lupe nimmt. Der Tänzer mit der auch im Alter noch wallenden, inzwischen ergrauten Mähne ist ein in Würde gereifter Charakterdarsteller, der mit Partnern wie Meryl Tankard den richtigen Ton trifft. „Merryland“ hieß das Stück der australischen Choreografin, eine grandiose Slapstick-Nummer fasste darin all die Tode zusammen, die Madsen auf der Bühne durchlitten hatte. Er starb als Lenski, Mercutio, Romeo und erklärte uns Siegfrieds Todeskampf im Schwanensee: „Und immer, wenn die Wellen unten waren, war ich oben; und immer, wenn die Wellen oben waren, war ich unten.“

Als Ballettdirektor in Frankfurt, Stockholm und Florenz

Heute schwimmt Egon Madsen oben auf der Glückswelle – und weiß, dass die eigene Zufriedenheit die Summe vieler Erfahrungen ist, auch der weniger glücklichen, die er als Ballettdirektor in Frankfurt, Stockholm und Florenz machte. Wer ihm begegnet, spürt sofort: Da lebt einer in Übereinstimmung mit dem, was er ist, wie er ist. Einer, der auf der Bühne alles erreicht hat – und trotzdem überaus neugierig nach vorn schaut.

Ein Leben für den Tanz

Anfänge
Egon Madsen, 1942 in Ringe geboren, begann seine Tanzausbildung als Neunjähriger. Das Kinderballett in Aarhus und das Tivoli-Pantomimen-Theater waren erste Stationen. 1961 kam der Däne, vom Königlichen Ballett in Kopenhagen abgelehnt, nach Stuttgart.

Erfolge
Mit Marcia Haydée, Richard Cragun und Birgit Keil wurde Madsen zu einem der Grundpfeiler für den Erfolg des Stuttgarter Balletts. John Cranko schuf Rollen wie Lenski, Gremio, Prinz Siegfried oder den Joker in „Jeu de cartes“ für den Tänzer, der mit lyrischer Eleganz und feinem Humor auffiel.

Comeback
Von 1981 bis 1987 war Madsen als Ballettdirektor erst in Frankfurt, dann in Stockholm, später in Florenz tätig. 1999 feierte er seine Rückkehr auf die Bühne mit der Seniorkompanie des Nederlands Dans Theaters.

Gala
Am 28. September gibt es im Theaterhaus eine Gala zu Ehren von Egon Madsen. Neben dem Dänen selbst tanzen Gauthier Dance, das Stuttgarter Ballett und die Cranko-Schule.

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