Ehemalige Gestapo-Zentrale in Stuttgart Viel Zuspruch für das Hotel Silber

Von ury 

Vor einem Jahr wurde das „Hotel Silber“ eröffnet. Der Erinnerungsort in der ehemaligen Gestapo-Zentrale hat viel Zuspruch erfahren. Rund 40 000 Besucher hat man bisher gezählt. Der Eintritt soll weiter kostenlos sein.

Gedenkort an zentraler Stelle der Innenstadt: das Hotel Silber Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Gedenkort an zentraler Stelle der Innenstadt: das Hotel Silber Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Es war politisch keine leichte Geburt. Ein Jahrzehnt lang hat die Bürgerinitiative Hotel Silber dafür gekämpft, dass das historische Gebäude beim Karlsplatz, das in der NS-Zeit Zentrale der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) für Württemberg und Hohenzollern war, erhalten blieb. Anfangs sollte es für den Bau des Dorotheen-Quartiers fallen. Am 4. Dezember 2018 war es soweit: Die „Ausstellung zu Polizei und Verfolgung“ in der Zeit des Nationalsozialismus öffnete ihre Pforten. Auch mit diesem Tag war die Beteiligung der Bürgerinitiative an dem Projekt nicht beendet. Diese ist heute fester Bestandteil des Lern- und Gedenkorts, einer Außenstelle des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg.

„Es ist ein Ort, auf den die Menschen gewartet und den sie angenommen haben“, sagte Paula Lutum-Lenger, die Direktorin des Hauses der Geschichte, bei der Vorstellung des Programms zum einjährigen Bestehen. Mehr als 40 000 Besucher haben man im ersten Jahr gezählt, mehr als 50 Veranstaltungen hätten stattgefunden. „Die Reaktionen sind durchweg sehr, sehr positiv“, erklärt die Volkskundlerin und Soziologin.

Vorbildliche Bürgerbeteiligung

„Es hat sich gelohnt, für dieses Haus zu streiten“, sagte Harald Stingele, der Vorsitzende der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber. Entstanden sei ein „Ort gegen die Geschichtsvergessenheit“. Im einstmaligen Hotel Silber wurde seit 1937 an die Verfolgung und Tötung von Juden, Andersdenkender und anderer Minderheiten gesteuert. Anspielend auf die Äußerung des AfD-Bundesvorsitzenden Alexander Gauland, der die Zeit des Nationalsozialismus verharmlosend als „Vogelschiss der Geschichte“ bezeichnet hatte, erklärte Stingele: „Ich habe mir nicht träumen lassen, welche aktuelle Bedeutung das Haus bekommen würde.“

Zur Zusammenarbeit von Mitarbeitern des Hauses der Geschichte mit den Vertretern der Bürgerinitiative sagte der Vorsitzende der Initiative: „Die institutionell verankerte Bürgerbeteiligung ist ein Erfolgsmodell.“ Diese weit reichende Beteiligung ist eine bundesweit beachtete Besonderheit. Dadurch habe auch das Angebot des Gedenkorts „eine größere Vielfalt“, erklärte Paula Lutum-Lenger. Die Initiative will künftig ihre mehr als 20 Mitgliedsorganisationen „noch stärker einbeziehen“, sagte Elke Banabak, die die Initiative unter anderem im Programmbeirat vertritt. Mit dem Programmformat „Das offene Fenster“ will man den Erinnerungsort zu einem Forum entwickeln, „in dem geschichtsbewusst Fragen der Gegenwart diskutiert werden“. Anfang November etwa fand eine Veranstaltung zu rechten Netzwerken in der Polizei statt.

Schülerführungen sollen verstärkt werden

Weiter verstärkt werden sollen auch die Angebote für Schüler. So gibt es ein umfangreiches Lehr- und Lernheft für die Sekundarstufe I und II. Man hat schon viele Lehrerfortbildungen gemacht. Unter den rund 40 000 Besuchern waren etwa 4000 unter 18, an etwa 90 Schülerführungen nahmen rund 1700 Jugendliche Teil. Da gebe es „noch etwas Luft nach oben“, sagte die Direktorin des Hauses der Geschichte. „Aber die Schulen kommen jetzt, das braucht etwas Zeit, die haben eine längere Reaktionszeit.“

Auch Sonderausstellungen soll es künftig im Hotel Silber geben. Die erste zum Thema Gestapo vor Gericht soll möglichst noch im Lauf des nächsten Jahres realisiert werden. Dies hängt auch davon ab, ob man Sponsoren findet. Man sei mit Stiftungen im Gespräch, so Paula Lutum-Lenger.

Weiter kostenloser Eintritt

Der Eintritt in die Ausstellung soll mindestens ein weiteres Jahr kostenlos sein. Dank des freien Eintritts und der „großartigen Lage des Hauses“ gebe es viele „Mehrfachbesucher“, so Paula Lutum-Lenger. Harald Stingele erklärte: „Wir treten energisch für den freien Eintritt ein.“ Der Vorsitzende der Initiative hat für die Zukunft aber noch weiter reichende Vorstellungen. So wünscht sich Stingele, dass die Ausstellung bis in ein paar Jahren auch auf den dritten Stock des Hauses ausgeweitet wird, dass ein Museumscafé und ein Museumsshop eingerichtet werden. An der Stelle war die Direktorin des Hauses der Geschichte dann doch zurückhaltender, schließlich müsse das alles auch finanziert werden, sagte sie.

Das Programm zum einjährigen Bestehen

Speakers Corner Wie in London haben Besucher die Möglichkeit, öffentlich über brisante Themen zu sprechen. Am 4. Dezember, 18 Uhr: Vertrauen Sie der Polizei? 11. Dezember, 18 Uhr: Könnte in Deutschland wieder eine Diktatur entstehen?

Alte Kameraden Am 4. Dezember, 19 Uhr, geht es im Vortrag von Gerhard Sälter um „Alte Kameraden und alte Feindbilder. Ehemalige Mitarbeiter der Gestapo beim BND“ in den 1950er und 1960er Jahren. Einige hatten vor 1945 im Hotel Silber gearbeitet.

Lebensgeschichten In einem Workshop am 7. Dezember, 10.15 Uhr, können Rechercheergebnisse zu in der Ausstellung erwähnten Deportierten vorgestellt werden.

Familiengedächtnis Am 7. Dezember, 14 Uhr, können in einem Erzählcafé Erinnerungen ausgetauscht werden an die Spuren, die das Hotel Silber im Gedächtnis von Familien hinterlassen hat. Zu Beginn erzählen drei Nachkommen von Gestapo-Beamten.

Swingfest Am 7. Dezember, 19 Uhr, findet im Hotel Silber das zweite Swingfest statt. In der NS-Zeit wurden nicht nur Sinti verfolgt, es reichte, wenn man Swing hörte. Es spielt die Gipsy-Jazz-Band „Die Drahtzieher“.

NSU-Komplex „Warum ist der Mord an Michèle Kiesewetter nicht aufgeklärt?“ ist die Frage eines Podiumsgesprächs am 11. Dezember, 19 Uhr. Der Schriftsteller Wolfgang Schorlau, der Journalist Rainer Nübel und der Anwalt des Polizisten Martin Arnold, der von dem Mordanschlag auf die Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn betroffen war, diskutieren über neue Spuren im Fall der neonazistischen Terrorgruppe NSU.

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