Ehemalige Olympia-Teilnehmer von den Fildern Soldaten, Doping und der „Wunderheiler“

Verstanden sich  sehr gut:  Margot Bayer (rechts) und ihre DDR-Kontrahentin Burglinde Pollak, hier bei einem Wettkampf im Vorfeld der Spiele 1976. Foto: privat/z
Verstanden sich sehr gut: Margot Bayer (rechts) und ihre DDR-Kontrahentin Burglinde Pollak, hier bei einem Wettkampf im Vorfeld der Spiele 1976. Foto: privat/z

Margot Bayer, geborene Eppinger, hat an Montreal 1976 wenig gute Erinnerungen. Seinerzeit zog die Fünfkämpferin ihre Konsequenzen – und gab sogar dem Kanzler einen Korb.

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Filder - Margot Bayer ist sich sicher: „1976 hat sich die Welt im Sport noch einmal komplett verändert.“ 1976, das ist das Jahr, in dem die einstige Fünfkämpferin der LG Filder zum zweiten Mal an Olympischen Spielen teilnahm. Die Veranstaltung in der kanadischen Metropole Montreal, das weiß man im Rückblick, war vor 45 Jahren der große Doping- und Boykott-Auftakt.

„Das Thema Doping hat mit damals den Schreck in die Glieder gejagt“, sagt Margot Bayer, die ihrer Sportkarriere noch den Mädchennamen Eppinger trug. Aus dem kleinen Städtchen Denkendorf kommend, sei sie diesbezüglich „süß-naiv“ gewesen – ganz nach dem Motto: Doping, was ist das? Auch habe sie den Freiburger Sportmediziner Armin Klümper, der in Übersee als Mannschaftsarzt dabei war, schlicht nicht mit einer derartigen Thematik in Verbindung gebracht. Klümper genoss seinerzeit den Ruf eines Wunderheilers. Jahrzehnte später wurde er in Fachgutachten „als der Sportmediziner in der Geschichte des Hochleistungssports der Bundesrepublik Deutschland“ eingestuft, „der wie kein anderer aktiv am Doping der Sportler und zum Teil auch der Sportlerinnen mitwirkte“.

„Ich wusste, dass die gedopt waren“

Nachdem sich Margot Bayer im Juni 1976 bei einem Wettkampf in Köln einen Bandscheibenvorfall zugezogen hatte und ihre Teilnahme in Montreal gefährdet war, begab sie sich drei Tage zur Behandlung zu Klümper nach Freiburg, den sie schon seit 1971 kannte. Genächtigt hat sie in dieser Zeit im Haus des Sportmediziners. Natürlich, sagt sie heute, habe man bei den Spielen manchen Frauen angesehen, dass sie unlautere Mittel genommen hätten. „Ich wusste, dass die Russinnen und DDR-Athletinnen gedopt waren“, sagt Bayer. Aber sie habe „damit kein Problem gehabt“. Fürs eigene Team habe sie Solches damals ausgeschlossen.

Aber nicht nur wegen der Doping-Problematik sind Bayer die 76er-Spiele in deutlich schlechterer Erinnerung geblieben als die vorangegangenen in München. So seien die Sicherheitsvorkehrungen in Montreal „abartig“ gewesen – eine Reaktion auf das blutigen Attentat 1972 in der bayerischen Landeshauptstadt, bei dem palästinensische Terroristen israelische Sportler in ihre Gewalt gebracht hatten und insgesamt 17 Menschen gestorben waren. „Ich glaube, dass wir Deutschen besonders stark bewacht wurden“, sagt Bayer. Es sei fast schon lästig und frustrierend gewesen. Kontrollen, überall nur Kontrollen. Schon auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel kreiste ein Hubschrauber über dem Bus und gab Geleitschutz, an den Straßen standen Soldaten mit Maschinengewehren. „Die Stimmungslage war eine ganz andere als in München“, sagt die einstige Filder-Athletin, die die Montreal-Spiele später als „einsame Spiele“ betitelte.

Startticket trotz verpasster Norm

Letzteres lag auch daran, dass Bayer die einzige nominierte Fünfkämpferin aus der Bundesrepublik war. In München waren sie noch zu dritt gewesen: Heide Rosendahl, Karen Mack und eben Margot Bayer. Nach Montreal durften nur noch Athletinnen mit, die nach Einschätzung der Verbandsverantwortlichen (DLV) Chancen auf den Endkampf hatten. Die Norm hatte Bayer, die sich 1975 den deutschen Meistertitel gesichert hatte, zwar um neun Punkte verfehlt. „Weil ich damals in der Weltbestenliste aber auf dem neunten Platz war, hat man mich dennoch mitgenommen“, erinnert sie sich. Allerdings wurde der damals 24-Jährigen kein eigener Fachtrainer zur Seite gestellt. „Mir war der Hochsprungtrainer der Männer zugeteilt worden, den ich gar nicht kannte“, sagt sie.

Enttäuschung über den Verband

Am Ende flog Bayers LG-Filder-Heimcoach Ewald Herrmann auf eigene Kosten mit. Ein Austausch zwischen Athletin und Trainer auf der Zuschauertribüne, wie er heute Usus ist, sei damals aber nicht möglich gewesen. Zum Glück habe sie sich mit den ostdeutschen Fünfkämpferinnen Siegrun Siegl (Gold), Christine Laser (Silber) und Burglinde Pollak (Bronze) gut verstanden. „Sie haben mich bei dem Wettkampf mitbetreut“, sagt Bayer, die schon im Vorfeld den Eindruck gewonnen hatte, dass man beim DLV nicht auf sie setzte. So habe sie kämpfen müssen, um bei einem letzten Vorbereitungstrainingslager in der Nähe von Montreal überhaupt dabei sein zu dürfen. „Ich habe dann im Zimmer der Sprinterinnen auf einer Couch geschlafen“, erzählt sie. Montreal sei zweifellos eine Zweiklassen-Gesellschaft gewesen.

Zudem hat die Gesundheit Bayer einen Strich durch die Rechnung gemacht – und ihr aufs Gemüt geschlagen. Gehandicapt durch erneute Rückenbeschwerden, konnte sie in keiner Disziplin richtig auftrumpfen und blieb schließlich mit 4352 Punkten rund 200 Zähler hinter ihrer Bestleistung zurück – Platz zehn. „Rang fünf oder sechs wäre eigentlich realistisch gewesen“, sagt sie. Wären es nicht die Olympischen Spiele gewesen, hätte sie den Wettkampf schon nach dem ersten Tag ab­gebrochen. „Ich war enttäuscht über mich selbst“, sagt Bayer. Auch ihre Eltern, mit denen sie täglich telefonierte, konnten am Gemütszustand ihrer Tochter nichts ­ändern.

Absage sogar für den Kanzler

Heute steht für Margot Bayer dennoch fest, dass die Olympiateilnahmen in München und Montreal das Nonplusultra ihrer Sportlerkarriere waren. Damals aber, anno 1976, hatte sie nach ihrem Auftritt die Schnauze gestrichen voll. „Die Motivation zum Weitermachen war weg“, sagt sie. Selbst die Einladung von Bundeskanzler Helmut Schmidt, der die deutschen Olympioniken im Oktober in Bonn empfing, ließ sie sausen.

Der Montreal-Frust war aber nicht der einzige Grund, warum Bayer ihre Karriere nicht fortsetzte. Die Gesundheit spielte eine Rolle, sie wollte ihr Studium beenden und außerdem die Umstellung vom Fünf- auf den Siebenkampf nicht mitmachen. Fortan kamen die Disziplinen Speerwerfen und 800-Meter-Lauf neu dazu. Eben das Speerwerfen und der Rücken hätten sich nicht vertragen. „Und ich hätte von meinem Sport damals ja auch nicht leben können“, sagt Margot Bayer, die von sich behauptet, niemals eine verbohrte Sportlerin gewesen zu sein.

Zur Person Margot Bayer

Margot Bayer wurde am 8. Januar 1952 als Margot Eppinger in Denkendorf geboren. Nach der Mittleren Reife besuchte sie das Wirtschaftsgymnasium in Esslingen, wo sie 1972 das Abitur machte. Später studierte sie an der Pädagogischen Hochschule in Esslingen Grund- und Hauptschullehramt (Mathe/Musik). Ihren ersten Schuldienst trat sie 1977 in Harthausen an. Von 1986 bis zum Ruhestand 2004 war sie Lehrerin an der Friedrich-Schiller-Schule in Neuhausen/Filder. Dort lebt sie auch seit ihrer Hochzeit 1979 mit Karl Bayer. Ihre Töchter Maren und Nadine wurden 1980 und 1983 geboren. Mittlerweile freut sich Magot Bayer über vier Enkel im Alter von zwei Monaten bis sechs Jahren. „Für sie lebe ich“, sagt sie.

Nachdem sich Margot Bayer fünf Jahre lang im Kunstturnen versucht hatte, legte ihr ihre damalige Übungsleiterin nahe, zur Leichtathletik zu wechseln. Der Grund: die 13-Jährige sei zu dürr und wisse nicht, wo sie ihre langen Beine unterbringen solle. Vom TSV Denkendorf ging es ein Jahr später ins Trikot des Dachvereins LG Filder. Dort wurde die Fünfkämpferin von Ewald Herrmann trainiert. Als 16-Jährige wurde sie Deutsche Meisterin in der B-Jugend, zwei Jahre später in der A-Jugend. 1973 und 1975 wiederholte sie diesen Erfolg bei den Frauen. Bei den Europameisterschaften 1971 in Helsinki belegte Bayer Rang zehn, ein Jahr später bei den Olympischen Spielen in München Platz zwölf. Nach Montreal 1976 beendete sie aus gesundheitlichen und beruflichen Gründen ihre Karriere. (sd)

Montreal 1976: Vom Planungsdesaster bis zum Turnküken

Wohl selten in der Olympia-Geschichte dürften einem Gastgeberland die Spiele in so schlechter Erinnerung geblieben sein wie in Kanada. Zum unliebsamen Symbol wird ein Bild der Eröffnungsfeier: Dort, wo eigentlich ein mächtiger Turm das Dach des Stadions tragen soll, ragt ein Baukran in den Himmel. Wegen Arbeiterstreiks im Vorfeld ist die Konstruktion nicht fertig geworden. Am Ende stehen für die Metropole Montreal ein Planungs- und Finanzdesaster. Statt der ursprünglich veranschlagten 310 Millionen belaufen sich die Gesamtkosten auf 1,4 Milliarden US-Dollar.

Auch sonst prägen eher düstere Schlagzeilen das Geschehen. Angefangen vom Boykott 22 afrikanischer Staaten, die damit gegen die Teilnahme Neuseelands protestieren, bis zum Thema Doping. Erwischt wird zwar nur ein Dutzend Täter, Experten gehen aber von „flächendeckenden Vergehen“ aus. Darüber hinaus erzeugt die Großpräsenz von Polizei und Militär eine beklemmende Stimmung. Es ist die Reaktion auf das Attentat vier Jahre zuvor in München.

Zum Star avanciert eine gerade mal 14-Jährige: Das rumänische Turnküken Nadia Comaneci gewinnt fünf Medaillen. In der Leichtathletik geht der Stern des Edwin Moses auf: Der US-Hürdenläufer startet in Weltrekordzeit seine Siegesserie, die sich danach über zehn Jahre erstreckt. Im bundesdeutschen Team ragt die Dortmunder Sprinterin Annegret Richter heraus. Ihre Bilanz: ebenfalls Weltrekord, einmal Gold, zweimal Silber. Und im Fechten beginnt die erfolgreiche Ära der Tauberbischofsheimer Kaderschmiede des Emil Beck. (frs)




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