Ehemalige US-Atomraketenbasis Waldheide Die Heilbronner hängen an Hangar

Susanne und Alfred Huber passieren den alten Hangar. Heute gehen sie gerne dort spazieren, wo früher die Atomraketen stationiert waren. Foto: factum/Granville 6 Bilder
Susanne und Alfred Huber passieren den alten Hangar. Heute gehen sie gerne dort spazieren, wo früher die Atomraketen stationiert waren. Foto: factum/Granville

Nur eine alte Halle daran, dass auf der Waldheide atomare Pershing-Raketen lagerten. Die Stadt will den Bau abreißen. Aber dagegen regt sich Protest – just von jenen, die damals gegen die Massenvernichtungswaffen protestierten.

Politik/ Baden-Württemberg: Carola Fuchs (cls)
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Heilbronn - Eine Schönheit ist er ja nicht gerade, der Bau Nummer 901 auf der Heilbronner Waldheide. Das Dach ist kaputt, die Wände sind feucht, der Putz bröckelt. Der alte Hangar, in dem einst US-Soldaten ihre Kampfhubschrauber warteten, ist das letzte Relikt aus einer Zeit, in der die ganze Republik auf das Waldstück in Heilbronn schaute. Günter Grass, Peter Härtling, Luise Rinser, Guntram Vesper, Robert Jungk, sie alle demonstrierten vor dem Militärgelände gegen den Nato-Doppelbeschluss und die dort stationierten atomaren Pershing-Raketen.

Das ist Geschichte. Heute weiden Schafe dort, wo sich am 11. Januar 1985 eine – Gottlob noch nicht atomar bestückte – Pershing-II-Rakete entzündete. Drei US-Soldaten starben, viele wurden verletzt. Dieser Tag hat sich tief in das Heilbronner Gedächtnis eingegraben. Noch immer wird jährlich eine kleine Gedenkfeier abgehalten. Inzwischen feiert man im Grünen. Das Gelände, das seit dem 19. Jahrhundert militärisch genutzt wurde, ist renaturiert. Heute ist die Waldheide ein beliebtes Naherholungsgebiet, in dem Heidekraut und Blutwurz wachsen.

Der Hangar diente zuletzt der dort weidenden Herde eines der letzten Wanderschäfer in der Region als Unterschlupf. Bis das Veterinäramt einschritt. Die Halle sei als Schafunterstand nicht geeignet, so die Tierärzte. Daran ändere auch eine einfache Sanierung nichts. Teile des Hangars, die ehemaligen Sanitärräume etwa, ließen sich gar nicht für Schafe nutzen. Übrig blieben lediglich 300 Quadratmeter. Damit sei der Bau zu klein für die 500 Muttertiere und ebensoviele Lämmer umfassende Herde.

Als Schafstall ist der Bau ungeeignet

Die Stadtverwaltung will den Hangar abreißen und durch einen neuen Schafstall ersetzen. Unter Denkmalschutz steht die Hubschrauberhalle nicht. Eine Renovierung, hat das Rathaus errechnet, würde 370 000 Euro kosten. Ein neuer Schafunterstand käme dieser Schätzung nach um 120 000 Euro günstiger. Und damit die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät, will das Stadtarchiv an mehreren Plätzen auf dem 52 Hektar großen Gelände auf die Vergangenheit als Exerzierplatz des württembergischen Infanterieregiments 122 bis hin zum Pershing-II-Standort erinnern.

Nur der Hangar erinnert an die Bedrohung von damals

Doch just jene, die erbittert gegen die Waffen auf der Waldheide gekämpft haben, wehren sich nun gegen den Abriss des markanten Baus am Eingang des Naherholungsgebiets. Alfred und Susanne Huber etwa, die damals wie heute noch dem Heilbronner Friedensrat angehören und den Protest einst mit organisiert haben. „Der Hangar ist das einzige Gebäude, das an diese Bedrohung erinnert, die wir damals empfunden haben“, sagt Alfred Huber. Gerade heute hält es der Heilbronner wichtig zu mahnen, dass Friedenszeiten nicht selbstverständlich sind. Gegen ein dezentrales Gedenkkonzept für die Waldheide, wie es das Stadtarchiv vorschlägt, hat Huber nichts einzuwenden. Aber „der Hangar muss bleiben“.

So schnell schießen die Preußen nicht, das findet man auch im Gemeinderat. Schon im Sommer hatte der Erste Bürgermeister Martin Diepgen (CDU) das Thema aufs Tapet gebracht und damit Protest geerntet. Nun hätte der Verwaltungsausschuss den Abriss besiegeln sollen. Doch das Gremium setzte den Tagesordnungspunkt auf Antrag der SPD ab und verwies das Thema an den Gesamtgemeinderat. „Das ist ein sehr emotionales Thema für uns Heilbronner“, sagt Rainer Hinderer, der SPD-Fraktionschef und Landtagsabgeordnete. „Das kann nicht einfach ein Ausschuss entscheiden.“ Außerdem müsse man „erst einmal überlegen, was man macht“, denn die Vorstellungen der Stadt zum dezentralen Gedenken seien noch reichlich vage.

Das Stadtarchiv, sagt der Rathaussprecher Christian Britzke, werde seine Vorschläge konkretisieren und dann erneut im Ausschuss vorberaten lassen. Hinderer kann sich auch vorstellen, den Hangar nur in Teilen zu erhalten. Einig ist man sich aber soweit: „Es muss etwas gemacht werden“, sagt der Sozialdemokrat. „Sonst stürzt der Hangar ein.“

Die Stadt muss das Konzept konkretisieren

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