Startet in seiner ersten Saison als Chefcoach durch: Julian Schuster vom SC Freiburg. Foto: imago/Steinsiek.ch
Julian Schuster kann in seiner ersten Saison als Trainer des SC Freiburg in die Champions League einziehen – weil er entscheidende Änderungen zu Christian Streich vorgenommen hat.
Träumen ist erlaubt beim SC Freiburg, mehr denn je. „Liebe Ex-Kollegen“, schrieb der Rekordtorschütze des Sport-Clubs kürzlich in einer „Kicker“-Kolumne: „Kein Druck – aber ich sehe mich schon mit Schal als Fan im Bernabeu sitzen.“ Nils Petersen spricht also das aus, woran sie in diesen Tagen vor dem Saisonfinale alle denken beim SC: Champions League, zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte. Europa League, das kennen sie, zuletzt aus den Spielzeiten 2022/23 und 2023/24 – aber ein Spiel im Bernabeu, gegen Real Madrid, und/oder in anderen Fußballtempeln Europas: Das wär’s! An diesem Samstag könnte aus dem Traum mit Blick auf die nächste Runde Realität werden. Ein Heimsieg gegen Eintracht Frankfurt (15.30 Uhr) würde reichen.
Die Ausgangslage vor dem letzten Bundesliga-Spieltag ist so klar wie spannend: Der Tabellenfünfte Borussia Dortmund sitzt den Freiburgern (Rang vier) mit einem Punkt Rückstand im Nacken und spielt daheim gegen Absteiger Holstein Kiel. Die Eintracht steht mit drei Punkten Vorsprung auf den BVB auf Rang drei und wäre bei einer Niederlage wohl nur noch Fünfter am Ende. Dass der SC vor dem Duell mit den Frankfurtern die Dinge mit Blick auf die Champions-League-Teilnahme in der eigenen Hand hat – es ist der nächste Teil der speziellen Freiburger Geschichte, für die in dieser Saison ein Mann federführend zeichnet, der schon vorher bei etlichen Kapiteln eine der Hauptfiguren gewesen ist.
Die Kurzfassung der neuesten Episode geht so: Julian Schuster (40) übernimmt im vergangenen Sommer eine der schwierigsten Aufgaben im deutschen Fußball, zumindest von außen betrachtet: Er wird Nachfolger des legendären Trainers Christian Streich, der nach 30 Jahren im Verein – davon zwölf Jahre als Coach der Profis – abtritt. Der gebürtige Bietigheimer Schuster, aufgewachsen in Löchgau und später von 2005 bis 2008 beim VfB Stuttgart, ist beim Amtsantritt vor einem Jahr als Chefcoach schon seit 16 Jahren beim SC Freiburg. Zuerst als Mittelfeldspieler und Kapitän lange Jahre unter Streich. Dann für sechs Jahre als Verbindungstrainer, wieder unter Streich. In dieser Rolle ist Schuster für die Integration von Talenten bei den Profis zuständig.
Fritz Keller, der ehemalige Präsident des Sport-Clubs, sagt heute vor dem Saisonfinale gegen die Eintracht gegenüber dem „Südkurier“, dass Schuster damals als Profi „ein sehr kluger, fast ein weiser Spieler war, der mehr von seiner Intelligenz und seinem Fleiß gelebt hat als von seinem Talent.“ Und: „Wir haben damals schon geglaubt, dass er mal ein guter Trainer wird.“
Julian Schuster verkörpert den Freiburger Weg wie kein Zweiter
Noch nie hat Schuster eigenverantwortlich irgendeine Mannschaft trainiert, als er im Sommer 2024 als Chefcoach beim SC loslegt. Was von außen als Risiko angesehen wird, ist beim SC intern die Königslösung. Denn Schuster verkörpert den berühmten Freiburger Weg wie kein Zweiter. Der geht, komprimiert ausgedrückt, so: Talentierte Spieler kommen aus der Fußballschule hoch zu den Profis, die Durchlässigkeit wird gelebt. Und auch talentierte Trainer – wie etwa einst Streich und fast alle seiner Assistenten– kommen aus der Fußballschule hoch zu den Profis. Jetzt kommt das Trainertalent, das die Jugendspieler als Verbindungscoach sechs Jahre lang betreut hat, als Trainer hoch zu den Profis: Der Karriereschritt ist, zumindest beim Sport-Club: nur logisch.
Dass nun am Ende dieses ersten Kapitels mit Schuster als Chefcoach die Teilnahme an der Königsklasse stehen könnte, hat auch damit zu tun, dass sich Schuster von Streich zumindest in Teilen emanzipiert hat. Bei jeder Gelegenheit und Nachfrage dankt Schuster seinem Mentor und Vorgänger in diesen Tagen – unaufgeregt, fast heimlich, still und leise und doch konsequent aber hat er entscheidende spieltaktische Änderungen im Vergleich zum Vorgänger vorgenommen.
So steht der SC meist höher, tritt mutiger auf und, so muss man das sagen, auch spielstärker auf als unter Streich – ohne das klassische Freiburger Mantra (alle müssen arbeiten und schuften, der Stürmer ist der erste Verteidiger) zu vernachlässigen.
Obendrein bleibt die Freiburger Mannschaft wie vorher unter Streich ein integrer Haufen, in dem es vor starken, verantwortungsbewussten Charakteren nur so wimmelt. Sein Team, so sagt es Schuster selbst, sei ein Geschenk für jeden Trainer. Was er meint? „Die Jungs bringen sich konstruktiv ein, machen Vorschläge, zeigen im Alltag permanent Bereitschaft, Aufmerksamkeit, Wachheit, Interesse.“
Enger Austausch: Christian Günter (li.) und Julian Schuster. Foto: imago/Steinsiek.ch
Bestes Beispiel dafür ist Kapitän Christian Günter – und das, obwohl er seit Wochen nur noch Ersatz ist. Der Franzose Jordy Makengo (23) hat das SC-Urgestein auf der linken Abwehrseite verdrängt. Schuster hat seinen früheren Mitspieler Günter degradiert, doch der bleibt im besten Sinne Spielführer. Oder, wie es Sportvorstand Jochen Saier sagt: „Günni gibt Vollgas auf dem Trainingsplatz. Er ist unzufrieden, wenn er nicht spielt, aber er torpediert nicht das gemeinsame System, das ist die ideale Konstellation.“
Prominente Härtefälle nach innen und außen abmoderieren – auch das hat Julian Schuster in seinem ersten Jahr als Cheftrainer also offenbar schon geschafft.