Herr Baumgartl, es ist bekannt, dass Sie nach der schlimmen Diagnose Hodenkrebs recht schnell eine Form des Humors wiedergefunden haben – mit einigen speziellen Witzen und Sprüchen. Welcher ist der beste?
Da gibt es einige, aber es gibt noch keine spezielle Rangfolge (schmunzelt). Ein Klassiker ist inzwischen, dass mir ja niemand mehr auf die Eier gehen kann. Sondern eben nur noch aufs Ei. Und beim Fahrradfahren – jeder Mann kennt das – gibt es nicht mehr so viele ungünstige Positionen, bei denen gewisse Dinge ohne Schutz und Polsterung ungünstig auf dem Sattel liegen könnten. Ich fahre so befreit wie nie zuvor.
Mal im Ernst – wie sehr hat Ihnen der Humor über die schwere Zeit geholfen, wann haben Sie diesen während der Tristesse zu sich ins Boot geholt?
Das ging zum Glück recht zügig und unbewusst. Ich habe es meinen Freunden schnell erlaubt, alle möglichen Witze zu machen, weil ich sie eben auch gemacht habe, mit meiner Freundin zum Beispiel. Schon als ich in der Chemotherapie meine Haare verloren habe, haben wir bei aller Trauer und dem Schmerz zusammen viel darüber gelacht.
Wie kamen die Zuversicht und sogar der Spaß zurück?
Drei bis vier Tage nach meiner Operation im Mai hat es noch ein paar Tage gedauert, bis ich allgemein einen Schalter umlegen konnte. Ich habe meine Erkrankung wie eine normale Verletzung als Leistungssportler angesehen, die ausheilen muss und nach der ich wieder einen Leistungsaufbau hin zur alten Stärke absolviere. Von da an wurde auch wieder vermehrt gelacht.
Am 18. September haben Sie dann Ihr Comeback für Union Berlin gefeiert – nach der Krebsdiagnose, die Sie im Mai öffentlich gemacht hatten, lagen allerdings schlimme Monate: Operation, Chemotherapie, lange Aufenthalte in der Onkologie der Berliner Charité. Sie haben sich rückblickend mal als „emotionales Wrack“ bezeichnet. Welche Gedanken haben Sie sich in der schweren Zeit über den Tod gemacht?
Die Gedanken hat man natürlich, aber ich habe mir eher überlegt, ob ich alle Momente des Lebens wirklich genossen habe, ob ich zu viel Zeit mit unnützen Dingen vergeudet habe, solche Sachen. Man schaut nach der Diagnose auch in die Augen seiner Freundin und in die der Familie und denkt sich, wen man im Falle des Todes alles zurücklassen würde. Das tut extrem weh. Und ich habe mir auch überlegt, was nach dem Tod mit mir passiert.
Mit welchem Ergebnis?
Ich glaube, da gibt es nicht diesen einen Weg und die eine Antwort. Ich weiß es nicht. Keiner weiß es.
Sie sind inzwischen zu einer Art Botschafter Ihrer Erkrankung geworden, Sie werben auf allen Kanälen für Vorsorgeuntersuchungen beim Urologen, bei der bei Ihnen der Krebs frühzeitig erkannt wurde, und sprechen anderen Patienten Mut zu. Woher kommt dieser Antrieb?
Ich will sensibilisieren und ein Vorbild sein. Als Profisportler habe ich eine gewisse Reichweite. Ich möchte den Menschen Mut geben, dafür zu kämpfen, dass man sein altes Leben zurückhaben kann. Jeder Mensch kann nach einer solchen Erkrankung wieder sein altes Leistungsniveau erreichen, das zeigt mein Beispiel. Und es ist schön zu sehen, dass Menschen mit verschiedenen Krebsarten nach Gesprächen oder Chats mit mir offenbar manchmal eine neue Motivation für sich entdecken. Es ist schön, ihnen Tipps zu geben, aber auch welche zu bekommen. Das sind immer kleine Therapiestunden.
Apropos Therapiestunden – Sie gehen nach Ihrer Erkrankung einmal in der Woche zum Psychologen. Mussten Sie den offenen Umgang mit Ihren Emotionen und Schwächen selbst erst lernen?
Ja, definitiv. Ich habe mit meiner Freundin und meiner Familie nach der Diagnose und in der Zeit während der Behandlungen oft stundenlang geweint, da habe ich gemerkt, wie sehr mir das geholfen hat – so, wie mir die Zeit beim Psychologen jetzt auch hilft. Es ist keine Schwäche, da hinzugehen, sondern eine Stärke. Leider sehen das zu viele Menschen immer noch andersherum.
Was besprechen Sie konkret mit Ihrem Psychologen?
Zum Beispiel meine Angst vor der nächsten Nachuntersuchung, die jetzt routinemäßig alle drei Monate gemacht wird. Im Moment ist alles gut – aber man hat zumindest immer großen Respekt vor der nächsten Kontrolle. Ich will meine Angst oder die düsteren Gedanken nicht verdrängen, sondern sie zulassen und sie verstehen. Es hilft mir, darüber zu sprechen.
Gehen Sie allgemein offener und vielleicht emotionaler durchs Leben nach Ihrer Erkrankung?
Ja. Wir Fußballprofis haben uns doch irgendwann alle einen dicken Schutzpanzer zugelegt, weshalb es uns oft besonders schwerfällt, mit Emotionen umzugehen.
Aber genau das wünscht sich jeder Fan: Emotionen, klare Ansagen und keine Phrasen.
Genau. Ich habe für mich den Schluss gezogen, dass ich meine Gefühle einfach offenbare. Man muss ja nicht über die Stränge schlagen, es gibt Grenzen. Aber wenn meine Aussagen aus der Emotion herauskommen, ist das völlig okay.
Emotional ist sicher auch Ihr Austausch mit Sébastien Haller von Borussia Dortmund, der ein paar Monate nach Ihnen die gleiche schlimme Diagnose bekommen hat. Wie können Sie ihm helfen?
Wir haben uns oft unterhalten und geschrieben, was man während der Chemo tun kann. Er weiß, dass ich ihm immer helfe und da bin, wenn er irgendetwas braucht. Allein schon das ist wichtig für den Hinterkopf, das war bei mir auch so. Ich hoffe sehr, dass wir uns dann in der Rückrunde beim Spiel zwischen dem BVB und Union auf dem Platz als direkte Gegner gegenüberstehen. Das wäre für uns beide ein wunderschöner Moment.
Wenn Sie noch ein bisschen weiter in die Zukunft schauen und Ihre Gedanken vielleicht weg vom grünen Rasen schweifen lassen: Wo sehen Sie sich in ein paar Jahren, was planen Sie – oder ist es so, dass Sie inzwischen im besten Sinne in die Tage reinleben und schauen, was da so passiert?
Es ist eine Mischung aus beidem. Wenn ich aufwache, weiß ich es sehr zu schätzen, dass ich es nicht mehr im Krankenhaus tue und dass ich jeden Tag Fußball spielen kann, dafür bin ich jeden Morgen aufs Neue dankbar.
Und wo will Timo Baumgartl, sagen wir, in zehn Jahren nach der Karriere jeden Tag aufwachen?
Auf jeden Fall in der Region Stuttgart, in der Nähe meiner Familie und von meinen Freunden. Vielleicht mit zwei Kindern, wer weiß. Und freitagabends, da will ich dann so oft es geht bei meinen besten Kumpels beim „Junior-Wine-Club“ im Knausbira Stüble in Hedelfingen dabei sein. Das ist eine schöne Weinrunde, die ich hier oben in Berlin schon sehr vermisse.