Ehemaliger SPD-Politiker wechselt Kein Witz: Satirepartei sitzt im Bundestag

Der ehemalige SPD-Politiker Marco Bülow tritt in die Spaßpartei Die Partei ein. Foto: dpa/Christoph Soeder

Der frühere SPD-Abgeordnete Marco Bülow tritt in Die Partei von Martin Sonneborn ein. Damit ist die Truppe um den Politsatiriker nun im Bundestag vertreten und will von dort die „Lobbyrepublik“ bekämpfen.

Berlin - Im Nieselregen steht Martin Sonneborn vor dem Reichstagsgebäude in Berlin und hat Großes zu verkünden: „Die Partei zieht in den Bundestag ein“, sagt Sonneborn. „Das ist ein Meilenstein in unserer Parteigeschichte.“ Die Ankündigung ist keiner der üblichen Scherze des Politsatirikers, seine Spaßpartei Die Partei ist künftig tatsächlich mit einem Abgeordneten im Bundestag vertreten.

 

Bülow kehrte der SPD enttäuscht den Rücken

Möglich gemacht hat das knapp ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl Marco Bülow, 49 Jahre, aus Dortmund. Der 2002 erstmals direkt gewählte Bundestagsabgeordnete ist seit seinem Austritt aus der SPD vor zwei Jahren partei- und fraktionsloser Abgeordneter. Nun übergibt Parteichef Sonneborn ihm am Dienstagmittag einen übergroßen Mitgliedsausweis mit der Nummer 50 000 und freut sich, dass es ab sofort „eine unseriöse Opposition im Bundestag gibt, die man auch wählen kann“.

Bülow gehörte zum linken Flügel der SPD, er engagierte sich in der Sozial- und Umweltpolitik, war einer der Kritiker der großen Koalition. Als „ernüchtert und auch traurig“ beschrieb er sich bei seinem Abschied von den Genossen und gab sich als abgekämpfter Idealist. Den Parteiaustritt begründete Bülow unter anderem damit, dass die SPD sozialdemokratische Werte verrate. Und jetzt soll ausgerechnet die Truppe um Sonneborn seine neue politische Heimat sein?

Sonneborn erreicht im Netz großes Publikum

Die Partei fordert eine bundesweite Bierpreisbremse, die ärztliche Versorgung der Bevölkerung „im Güllegürtel“ Deutschlands durch Tierärzte, die Rechtfertigung „Es war Putin“ soll auch bei Mietrückständen und Auffahrunfällen vor Gerichten als schuldbefreiend anerkannt werden. Sonneborn ist seit 2014 Europaabgeordneter und stimmt dort immer abwechselnd mit Ja und Nein ab. Inhaltsleerer scheint es kaum zu gehen. Kritiker werfen ihm Demokratieverachtung vor.

Allerdings erhebt Sonneborn auch nicht den Anspruch, ein sachlicher Politiker zu sein. Mit seinem Humor, der eine breite Palette von messerscharf und ironisch bis zu albern und peinlich abdeckt, nimmt der frühere Chefredakteur des Satireblatts „Titanic“ die Absurditäten des EU-Alltags aufs Korn und prangert immer wieder den Einfluss von Lobbyisten in der europäischen Hauptstadt Brüssel an. Manche Videos seiner Reden im Europaparlament werden im Netz mehr als eine Million Mal abgerufen. Davon können die Abgeordneten von CDU, SPD oder Grünen nur träumen.

Bülow kritisiert Bundestagsabgeordnete

Bülow sieht hier die Verbindung zwischen ihm und der Satirepartei: Viele Menschen fühlten sich von der klassischen Politik und den Parteien im Bundestag nicht mehr angesprochen und repräsentiert, beschreibt er seine Motivation zum Parteieintritt. Über Satire, Zuspitzung und Spott sei es Sonneborn und seinen Mitstreitern aber gelungen, Aufmerksamkeit für Politik zu wecken.

Zudem wirft auch Bülow den meisten Abgeordneten im Bundestag vor, sich dem Diktat einer „Lobbyrepublik“ unterworfen zu haben, anstatt für Busfahrer oder Krankenpfleger da zu sein oder über Klimawandel und soziale Ungleichheit zu sprechen. „Das ist demokratieverachtend“, findet Bülow. „Das muss man ernsthaft aufbrechen“ – und dabei auch die Mittel von Spott und Satire nutzen.

„Sind mit der SPD an der Fünfprozenthürde verabredet“

Den Parteichef Sonneborn will Bülow bei seinen künftigen Reden im Bundestag aber nicht kopieren: „Ich werde keinen Satirepreis gewinnen.“ Alles andere sei unglaubwürdig. „Irgendjemand muss eben auch den langweiligen Scheiß machen.“ Auch Sonneborn versichert: „Wir erwarten nicht, dass Marco Bülow jetzt anfängt, lustige Sachen zu machen.“ Außerdem könnte Bülow dafür im Falle seines Wiedereinzugs in den Bundestag nächstes Jahr Verstärkung von Sonneborn höchstpersönlich bekommen.

Der Parteichef spielt im Moment mit dem Gedanken, in Berlin-Kreuzberg für den Bundestag anzutreten. Die Chancen für einen Wahlerfolg seiner Partei schätzt er als gut ein: „Wir sind mit der SPD an der Fünfprozenthürde verabredet.“

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