Ehemaliger Zwangsarbeiter im Konzentrationslager Rückkehr in die Hölle von Tailfingen

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Der Grieche Nikos Skaltsas wurde im Zweiten Weltkrieg als Zwangsarbeiter in den Kreis Böblingen verschleppt. Jetzt, mehr als 70 Jahre später, kehrte er zum ersten Mal hierher zurück.

Nikos Skaltsas erinnert sich bis heute lebhaft an seine Zeit als Zwangsarbeiter in Tailfingen. Foto: factum/Weise 7 Bilder
Nikos Skaltsas erinnert sich bis heute lebhaft an seine Zeit als Zwangsarbeiter in Tailfingen. Foto: factum/Weise

Böblingen - Es gibt mehrere Momente in seinem Leben, an die erinnert sich Nikos Skaltsas ganz genau. Einer davon ist ein Tag im August 1944. Der damals 17-Jährige aus Athen hatte mit seinem Bruder am Strand übernachtet. Um 6.30 Uhr wurden sie durch eine Durchsage aufgeschreckt: Alle Männer im Alter zwischen 15 und 50 hatten sich auf dem Platz vor der armenisch-katholischen Kirche im Viertel Neos Kosmos einzufinden. Wer sich weigerte, würde erschossen werden. Mit einem schlechten Gefühl machte sich Skaltsas dorthin auf, sein Bruder war noch zu jung.

Auf dem Platz befanden sich mehrere Hundert Männer. Von den Nazis wurden sie dort dann stundenlang festgehalten. „Bis 13.30 Uhr wurden 120 Menschen erschossen­“, erinnert sich Skaltsas. Einer davon war sein Freund. Ein furchteinflößender Mann mit einer Maske habe ihn davon geschleift und getötet. „Ich höre immer noch seine Stimme, die gefleht hat: Bitte erschießt mich nicht.“

Endlose Zugfahrten und Gewaltmärsche

Mit diesem Tag begann ein Martyrium, das den heute 91 Jahre alten Griechen bis nach Gäufelden-Tailfingen führen sollte. Jetzt, mehr als 70 Jahre später, ist Nikos Skaltsas wieder hier – dieses Mal aber zu Besuch. Auf Einladung von Volker Mall und Harald Roth, die die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Tailfingen-Hailfingen aufgebaut haben, berichtet er, wie er seine Zeit als Zwangsarbeiter in Erinnerung hat.

Bis heute erinnert sich Skaltsas an zahllose Details, so sehr haben sich die Ereignisse in sein Gedächtnis eingegraben. Mit zwar vom Alter angekratzter, aber fester Stimme berichtet er in der Gedenkstätte von der Deportation in das KZ Chaidari, in dem die kräftigsten Männer für den Transport nach Deutschland ausgewählt wurden. In einem Viehwaggon wurden er und seine Leidensgenossen nach Deutschland transportiert. Unterwegs sei ihr Zug bombardiert worden, berichtet er. „Die Deutschen haben uns in den Waggons eingeschlossen und sind dann in den Wald geflüchtet.“ Zum Glück sei der Zug nicht getroffen worden.

Nach einer Zwischenstation in Zweibrücken, einem Gewaltmarsch von mehr als 100 Kilometern und einer erneuten Zugfahrt erreichte die verbliebene Gruppe, vermutlich mehrere Hundert Griechen, im September 1944 den Bahnhof von Nebringen. Sie wurden zunächst in einem Hangar bei Tailfingen untergebracht. In zerlumpter Sommerkleidung mussten sie nun zur Arbeit antreten.

Das Leben im Lager war die Hölle

Auch wenn Nikos Skaltsas hauptsächlich Griechisch spricht – einige deutsche Begriffe haben sich ihm eingeprägt. „Faulenzer“ zum Beispiel. So hatte ihn der Besitzer des Steinbruchs in Reusten genannt, wo er zeitweise arbeiten musste – und ihm dann einen Stein an den Kopf geworfen. Die Frau des Mannes hatte die Szene beobachtet. „Sie hat ihn vor uns zur Schnecke gemacht“, erinnert sich Skaltsas und schmunzelt. Sie nahm den Griechen mit in ihr Haus, verarztete ihn, gab ihm frische Kleidung und etwas zu essen. „Das werde ich ihr nie vergessen“, sagt der 91-Jährige mit brüchiger Stimme.

Das Leben im Lager entwickelte sich immer mehr zur Hölle. Die Gefangenen litten unter Hunger, Kälte und Ungezieferbefall. In Hailfingen bettelten sie um Essen oder stahlen es von den Feldern. Bei einem Fliegerangriff kam Skaltsas’ Mitgefangener Athanasios­ Zotas ums Leben. Er selbst hatte hinter einer Baumaschine Schutz gesucht.

„Es ist eine große Ehre, eingeladen worden zu sein“

Rund drei Monate blieben die Griechen im KZ, dann wurde sie in kleinere Gruppen eingeteilt und verlegt. Nikos Skaltsas kam nach Oberjesingen, wo er im heutigen Feuerwehrmagazin in der Calwer Straße untergebracht wurde. Dort musste er beim Deckenpfronner Flugplatz Unterstände errichten. Anfang April 1945 schickte man die Zwangsarbeiter nach Stetten bei Haigerloch (Zollernalbkreis), wo sie von den amerikanischen Truppen befreit wurden. Über Umwege kehrte Skaltsas schließlich nach Athen zurück, wo er später als Bus- und Taxifahrer arbeitete. Er heiratete seine Frau Paraskevi, die Tochter eines seiner Mitgefangenen. Mit ihr bekam er seine Söhne Giorgos und Christos. Im Jahr 1950 erhielt Skaltsas 5000 Mark Entschädigung von der Bundesrepublik.

Wie fühlt es sich nun an, nach so vielen Jahren wieder in Tailfingen zu sein? „Es ist eine große Ehre, eingeladen worden zu sein“, sagt der 91-Jährige. Und dass er sich freue, miterleben zu dürfen, dass sich eine so große Freundschaft zwischen den Deutschen und den Griechen entwickelt habe.

Konzentrationslager Hailfingen-Tailfingen

Zahlen:
Das Konzentrationslager bei Gäufelden-Tailfingen war eine Außenlage des KZ Natzweiler/Struthof im Elsass. Es bestand von November 1944 bis Februar 1945. Bis Kriegsende durchliefen es knapp 2000 Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und andere Häftlinge. Die Menschen stammten unter anderem aus der Sowjetunion, Griechenland und Indien. Von 601 dort festgehaltenen Juden starben bis zur Schließung des KZ mindestens 186.

Aufgabe:
Der Ausbau des Flughafens Tailfingen gehörte von Ende 1943 an zu den wichtigen Bauvorhaben in der Region. Geplant war, ihn für den Einsatz von Nachtjägern zu ertüchtigen. Dazu musste die Startbahn von 1200 auf 1600 Meter verlängert werden. Auch war der Bau mehrerer Flugzeughallen geplant, fertig gestellt wurde allerdings nur eine. Wegen des Mangels an deutschen Arbeitskräften mussten die Gefangenen all die Arbeiten übernehmen




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