Will die Stadt als Besitzerin aufwerten: Böblingens ältestes Wohnhaus (Mitte) und das ehemalige Gebäude von Schuh Kurz Foto:
Seit die Stadt drei Gebäude in der Unteren Poststraße in Böblingen gekauft hat, stellt sich die Frage, was sie damit vorhat. Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger wünscht sich eine klare Aufwertung der Uferpromenade. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg.
Nach Jahren des Dämmerzustands kommt Bewegung in ein Etablissement in der Böblinger Poststraße: Die Stad verkündete in diesem Jahr, die ehemalige Diskothek Seestudio erworben zu haben. Außerdem verkaufte die Familie Kurz ihre beiden benachbarten Gebäude an das Rathaus. Zu den weiteren Überlegungen stehen Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger und Stadtplaner Dietmar Weber im Interview mit unserer Zeitung Rede und Antwort.
Frau Kraayvanger und Herr Weber, als kürzlich bekannt wurde, dass die Stadt drei Häuser in der Unteren Poststraße gekauft hat, war das ein ziemlicher Paukenschlag. Wie kam es dazu?
Kraayvanger: Mit der Unteren Poststraße beschäftigen wir uns seit Jahren im Rahmen des Masterplans Schlossbergring. Uns war daher schon lange klar, dass gerade der rückseitige Bereich zur Uferstraße hin einer Aufwertung bedarf. Dieser ist noch immer von Zufahrten und Hinterhöfen geprägt. Mit den Grundstückskäufen konnten wir somit diese Handlungsstränge zusammenführen. Geholfen hat uns außerdem, dass wir als Stadt von den vorherigen Eigentümern als verlässlicher Partner wahrgenommen wurden.
Sie sagten, es soll eine verdichtete und zum See hin erweiterte Neubebauung geben. Was heißt das denn konkret?
Kraayvanger: Garagenhöfe sind jedenfalls nicht unser Ziel. Die Uferstraße ist seit der Landesgartenschau 1996 verkehrsberuhigt, eine weitere Bebauung soll und kann sich demnach Richtung Seeufer orientieren. Das spricht für eine Nachverdichtung. Die dafür notwendigen Parkplätze fänden am besten in einer Tiefgarage Platz, so unsere Überlegungen. Ob und was hier machbar ist, wollen wir in einem ersten Schritt untersuchen, um zu einer realistischen Einschätzung zu kommen.
Bisher ist die Seepromenade teilweise von Gastronomie bespielt – allerdings mit Unterbrechungen. Können Sie sich hier weitere Angebote vorstellen?
Weber: Die Umgestaltung zur Landesgartenschau hat die Uferstraße deutlich attraktiver gemacht, was sich vor allem rund um die Albabrücke zeigt. Das Interesse der Bevölkerung entspricht der Qualität dieser Lage am See. Gastronomisches Angebot an dieser Stelle wäre eine gute Möglichkeit, dies weiterzuführen. Dieser damals begonnene Prozess hat eine Zukunftsperspektive.
Wäre es hier nicht sinnvoll, einen attraktiveren Bezug zum Seerestaurant in der Kongresshalle zu schaffen? Ein Fußweg dorthin existiert ja, dieser wird im Moment aber kaum genutzt.
Kraayvanger: Die Kongresshalle wirkt aufgrund ihrer Lage fast wie eine Insel, weshalb ich sie immer als eigenständiges Objekt wahrnehme. Die Stegverbindung finde ich gut, da sie einen Rundlauf am Seeufer entlang über die Terrasse des Seerestaurants ermöglicht. Dieses hat aufgrund seiner hervorragenden Lage und Sicht auf die Stadt ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal in der Stadt. Diese Anbindung sollte man stärker sichtbar machen, eventuell über eine Beschilderung und Aufwertung des Wegs.
Der Glanz vergangener Jahre Foto: Archiv/STS
Das Seestudio ist angebaut an das älteste Wohnhaus Böblingens. Dazu sagten sie vor einiger Zeit einmal: Wenn die Stadt den Denkmalschutz ernst nimmt, dann muss das Haus erhalten werden. Nehmen Sie ihn ernst?
Kraayvanger: Ja, die Stadt nimmt den Denkmalschutz ernst. Um schützenswerte Gebäude muss man sich kümmern, andernfalls kann man ihren Erhalt auch in Frage stellen. Ich bin froh, dass die Verwaltung dieses Haus erhält und untersucht. In früheren Zeiten wurden solche Gebäude viel eher mal geopfert. In Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt geht es jetzt zunächst darum, das Gebäude freizuräumen, also die nicht schützenswerten Anbauten zu entfernen. In der Gebäudesubstanz haben wir Elemente des Jugendstils gefunden, ebenso ehemalige Stallungen. Ich bin gespannt, welche Form der Nutzung sich daraus ergibt.
Was könnte dort entstehen?
Kraayvanger: In einem weiteren Schritt werden wir klären, wie eine zukünftige Nutzung aussehen kann. Möglich ist, es an jemanden zu veräußern, der für eine denkmalgeschützte Sanierung offen ist – oder es selbst zu nutzen. Dadurch, dass uns jetzt auch die benachbarten Grundstücke gehören, eröffnen sich neue Chancen, hier einen städtebaulichen Mehrwert zu generieren.
Das Haus mit dem Gardinengeschäft unter der Nummer 20 befindet sich allerdings noch in Privatbesitz, eine komplette Neubebauung der Zeile wird dadurch nicht einfacher.
Kraayvanger: Die Stadt ist an einer sinnvollen Entwicklung des gesamten Quartiers interessiert. Wir haben in der Vergangenheit bereits gezeigt, dass wir ebenso mit Gebäuden gut umgehen können, die sich nicht in unserem Besitz befinden. Wir setzen dabei auf den guten Willen der Eigentümer, sich in die Entwicklung einzubringen. Das Gebiet ist nach wie vor Sanierungsgebiet – und wir planen, es um weitere zwei Jahre zu verlängern.
Noch mal konkret: Wie wollen Sie jetzt bei diesem Areal weiter vorgehen?
Kraayvanger: Die Stadtplanung agiert hier gemeinsam mit dem Amt für Liegenschaften in einem Projekt. Vor dem Erwerb gab es hier bereits eine Sammlung an Ideen, was man aus diesem Areal machen könnte. Diese überführen wir nun in vertiefte Überlegungen. Dabei prüfen wir etwa, wie die Grundstücksfläche optimal genutzt werden kann. Denkbar ist auch, die bestehenden Gebäude zu erhalten und weitere Bauten auf den Grundstücken zu errichten. Wie gesagt, zentral ist das Thema Parkierung und Tiefgarage. Dies spricht allerdings eher dagegen, den Bestand zu erhalten. Sobald ein tragfähiges Konzept steht, ist es auch möglich, dass wir das Projekt als Ganzes an einen Investor vergeben, der die Umsetzung übernimmt.
Vergangene Zeiten: Polarnacht im Seestudio Foto: Archiv/Volker Winkler
Städtische Bauprojekte nehmen von der Idee bis zur Eröffnung gern mal zehn Jahre Zeit in Anspruch. Ist das auch hier ein realistischer Zeitrahmen?
Kraayvanger: Tatsächlich sind wir in diesem konkreten Fall erst jetzt handlungsfähig, nachdem wir die Grundstücke erworben haben. Sobald uns die erforderlichen Kapazitäten zur Verfügung stehen, werden wir hier schnell die Planung vorantreiben. Bei dem ältesten Wohnhaus in der Poststraße 18 könnte es schon recht bald Neuigkeiten geben – hier wollen wir im ersten Halbjahr 2025 dem Gemeinderat Vorschläge präsentieren. Es wird sich zeigen, ob der Gemeinderat eine direkte Umsetzung anstrebt oder lieber wartet, bis ein Konzept für die umliegende Bebauung entwickelt wurde.
Vom Modehaus zur Disko Ursprünglich sollte aus dem Gebäude in der Poststraße 16 ein Modehaus werden. Als die Betreiberfamilie Doren in finanzielle Schieflage geriet, wurde 1967 das Tanzcafé Seestudio eröffnet, das mit der Filmklause Schönaich als eine der ältesten Discos des Landes galt.
Neustart in Leonberg Nach diversen Pächterwechseln eröffneten Ivana und Tobias Häcker 2019 den Seaside-Club. Die Geschäftsaufgabe erfolgte im Februar 2023. Daraufhin startet Ivana Häcker gemeinsam mit Adrian Saur im Juni die Eventlocation Shálu in Leonberg. Die Räume in der Robert-Bosch-Straße 7 sind für Firmenfeiern, Geburtstage, Hochzeiten und andere Veranstaltungen gedacht.
Erwerb durch die Stadt Im September dieses Jahres wurde öffentlich, dass die Stadt Böblingen sowohl das Gebäude des ehemaligen Seestudios samt Grundstück sowie die beiden Häuser der Familie Kurz erworben hat.