Ihr Mann Helmut hilft Gerlinde Schumm wo er nur kann. Doch es gestaltet sich schwierig mit der Mobilität. Foto: Stoppel
Gerlinde Schumm fällt 15 Meter tief und ist seither pflegebedürftig. Der Schwerbehindertenausweis braucht lange. Das Paar fragt sich warum und erzählt seine Geschichte.
Es sollte ein toller Wanderurlaub werden – genauso toll, wie die vielen davor, denn Helmut und Gerlinde Schumm sind gerne aktiv. Doch die Reise, die das Fellbacher Ehepaar im August 2024 nach Berchtesgaden unternahm, sollte sich zum Albtraum entwickeln – ein Albtraum, der dazu führte, dass die 72-Jährige nach 220 Tagen Klinikaufenthalt nun in einem Rollstuhl sitzt und sich nichts sehnlicher wünscht, als wieder mobiler zu werden. „Ich mache täglich Übungen, bin bei Therapien und kann in der Wohnung auch mal auf den Rollator umsteigen“, sagt Gerlinde Schumm, die ihren Mann entlasten will. „Er macht im Moment alles und hat starke Rückenbeschwerden. Wenn er mir helfen und den Rollstuhl schieben muss, belastet ihn das sehr.“
Aus dem Grund hat das Ehepaar einen Schwerbehindertenausweis beantragt. Mit ihm wollen sie einen Parkausweis beantragen, damit sie bei den nahezu täglichen Fahrten zu Therapien möglichst nah parken können und Helmut Schumm seine Frau nicht allzu weit schieben muss. Mittlerweile ist der Ausweis da. Das Ehepaar konnte sein Glück kaum fassen, als er jüngst im Briefkasten lag. Doch bis es soweit war, vergingen kräftezehrende Wochen. Ihre Geschichte wollen Helmut und Gerlinde Schumm deshalb gleich aus zwei Gründen erzählen. Zum einen, weil sie sich in der langen Zeit des Wartens ziemlich hilflos und allein gelassen gefühlt haben; zum anderen, um zu zeigen, dass man auch große Katastrophe überleben und neuen Mut fassen kann.
Mit dem Rettungshubschrauber wird Gerlinde Schumm in die Klinik geflogen – schwer verletzt, aber ansprechbar . Foto: Daniel Karmann/dpa
Gerlinde Schumm ist beim Wandern 15 Meter in die Tiefe gefallen
Nach dem Unglückstag im August 2024 sah das ganz anders aus. Es war nicht klar, ob und wie es weitergehen würde. Fast ein Jahr später sitzt Gerlinde Schumm – zwar gezeichnet, aber eigentlich ganz guter Dinge – in ihrem Wohnzimmer mit der Plüschtiersammlung und erzählt relativ gefasst und – soweit sie sich erinnern kann – was passiert ist. Und das klingt unfassbar. Die damals noch 71 Jahre alte Frau ist beim Wandern ungebremst 15 Meter tief in eine Schlucht gestürzt.
Aber der Reihe nach: Der Aufenthalt in Berchtesgaden begann vielversprechend. Das Hotel war wunderbar, das Wetter perfekt. Gerlinde und Helmut Schumm waren viel unterwegs. Dann entdeckte Gerlinde Schumm eine leichte Rundwanderung. „Die klang richtig gut und wir machten uns direkt am nächsten Tag auf den Weg.“ Hintereinander marschierten sie auf etwa 750 Metern. Links hübsche Alpenveilchen, rechts ging es runter in eine Schlucht. Ein nahezu perfekter Ausflugstag, bis Helmut Schumm plötzlich einen Schrei hörte und seine Frau 15 Meter tief liegen sah. „Sie bewegte sich, deshalb wusste ich, dass sie noch lebt. Ich war alleine und hab einen Notruf abgesetzt.“
Nach dem Unglückstag war nicht klar, ob Gerlinde Schumm überlebt
Wenig später wird seine Frau an einer Trage hängend aus der Schlucht gezogen und in den Rettungshubschrauber verladen. Gerlinde Schumm ist zwar ansprechbar, aber richtige Erinnerungen hat sie erst an die Intensivstation – mit Schädelfraktur, Schlüsselbeinbruch, Blutergüssen, Verletzungen und Brüchen im linken Unterschenkel, Knie und Sprunggelenk sowie einer gestauchten Wirbelsäule liegt sie da und versteht die Welt nicht mehr. „Die Halswirbelsäule wurde als erstes operiert und ist der Grund für die Nervenschmerzen und dafür, dass ich quasi nicht mehr laufen kann. Dann wurde noch ein Infarkt im Kleinhirn diagnostiziert. Vielleicht kam der Sturz dadurch.“
All das, die Unfallberichte aus den Kliniken, die Berichte der Operationen, die Bluttransfusionen und psychischen Beeinträchtigungen, die Befunde und Maßnahmen aus der Rehaklinik reichte Helmut Schumm für den Antrag beim Landratsamt Rems-Murr-Kreis ein. Vorbildlich, sollte man meinen, denn in der Erklärung des Amts für Soziales und Teilhabe heißt es: „Wenn ärztliche Unterlagen oder Nachweise nicht bereits vorgelegt wurden, müssen sie angefordert werden. Diese Befundberichte sind unverzichtbar. Leider erreichen sie uns nicht immer zeitnah.“
Mit dem Hubschrauber kommt Gerlinde Schumm mit Polytrauma in die Klink
Der Antrag der Fellbacher war vollständig und hätte gleich geprüft werden können, denn weiter heißt es von Seiten der Behörde: „Sobald alle notwendigen Unterlagen vorliegen, erfolgt die medizinische Bewertung durch den ärztlichen Dienst unseres Gesundheitsamts. Dabei steht im Vordergrund, wie stark die gesundheitlichen Einschränkungen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben beeinträchtigen.“
Nach sechs Wochen ruft Helmut Schumm an und fragt nach. „Ich wollte eine Einschätzung, weil wir uns so schwer taten ohne Parkausweis. Die Frau lachte und meinte, es dauere oft mehrere Monate.“ Umsonst war der Anruf wohl trotzdem nicht, denn kurze Zeit später war ein Aktenzeichen im Briefkasten. Doch vom Ausweis weiterhin keine Spur. Aber warum? Auf Nachfrage kommt über die Pressestelle des Landratsamts folgende Stellungnahme des Amts für Soziales und Teilhabe: „Es ist uns ein Anliegen, die Anträge so zügig wie möglich zu bearbeiten und dabei dennoch die erforderliche Sorgfalt und Genauigkeit zu wahren. Wir verstehen, dass die Wartezeit belastend sein kann. Aufgrund des aufwendigen Verfahrens beträgt die durchschnittliche Bearbeitungsdauer aktuell mindestens drei Monate.“ Einige Städte und Gemeinden stellten auf Antrag bereits vorläufige Parkausweise aus, wenn eine Entscheidung über den Schwerbehindertenausweis noch ausstehe.
Das Paar ist glücklich, dass der Schwerbehindertenausweis da ist
Weder dieser Tipp, noch die Info, dass die Wartezeit so lange ist, wurden dem Paar im Vorfeld mitgeteilt. Doch die 72-Jährige und ihr 80-jähriger Mann sind jetzt einfach nur froh, dass sie den Ausweis endlich haben. „ Wir werden jetzt den Parkausweis beantragen und wollen auch ein neues Auto anschaffen.“ Mit dem Ausweis gebe es darauf Prozente, was sehr helfe. „Wir mussten seit dem Unfall viele Kosten tragen. Aber ich habe überlebt. Nur das zählt. Jetzt schaue ich nach vorne, nehme den Ausweis als Motivation und möchte auch eines Tages wieder in Urlaub fahren“, sagt Gerlinde Schumm.