Knitze Kerle gedeihen ganz gut in Zuffenhausen. Ein im ganzen Stadtbezirk recht bekanntes Exemplar dieser Gattung heißt Herbert Schneider. Der langjährige Vorsitzende des Gebirgs- und Trachtenvereins Zuffenhausen feierte dieser Tage seinen 90. Geburtstag im rosenumrankten Grün des heimischen Gartens. „90 Jahre bist du heut, Herbert älles Gute, Gsondheit ond viel Freud“, sangen die Gratulanten im Kanon. Ein Schuhplattler, ein wenig Zitherspiel und ein Weißbier hätten perfekt dazu gepasst. Doch der 90-jährige Jubilar schnitt stattdessen auf Geheiß seiner besseren Hälfte Rita beim Gartenfest die verzierte Geburtstagstorte an. Zurückziehen vom Vereinsleben und aus der Öffentlichkeit will sich der fidele Jubilar und Kümmerer in Sachen Heimatpflege und Volksmusik noch nicht: „Es gibt Leut, die meinen, dass es ohne mich net geht“, sagt Schneider und fügt dann im Nachsatz auf schwäbisch noch hinzu: „Zu denen zähl ich mich selbst au.“
Heimat, Trachten, Tanz und Volksmusik
Mit Volkstanz, Schuhplatteln und Zitherspiel ist Schneider praktisch groß geworden. Er war im Landesmusikrat für die Volksmusik zuständig, engagierte sich im Trachtenverband. Er war auch im örtlichen katholischen Kirchengemeinderat aktiv und setzte sich tatkräftig für die Ökumene ein. Rund 30 Jahre lang war er Vorsitzender des Gebirgs- und Trachtenvereins Zuffenhausen. Zudem arbeitete er auch im heimatgeschichtlichen Kreis mit. Mit dem Mundartdichter Helmut Mattern, der vor etwa zwei Jahren verstarb, verband ihn eine enge Freundschaft. Sie traten etwa 400-mal gemeinsam auf. Es waren launige schwäbische Abende: Schneider spielte meist Zither, und Mattern trug Mundart-Gedichte und Geschichten vor. Er habe in Zuffenhausen schon einiges „angezettelt“, formuliert es Schneider eher spitzbübisch als ernst. Damit meint er aber nicht den einen oder anderen Lausbubenstreich aus seiner Kindheit oder Jugendzeit in Zuffenhausen. Stattdessen steht auf seiner „Angezettelt“-Liste ganz oben die Figur des „Zuffenhäuser Hirt“, die er Ende der 1960er Jahre neu zum Leben erweckt und von den örtlichen Fahnen herunter ins lokale Festleben Zuffenhausens geholt hat.
Dazu muss man vielleicht wissen: Der Hirte ziert neben Pflugschar und Mühlrad das Wappen des Stadtbezirks. Und er wird bereits in Ludwig Uhlands 1815 veröffentlichten Ballade „Die Döffinger Schlacht“ (1388) namentlich erwähnt. Der Zuffenhäuser Hirt fungiert als eine Art Symbol für die Widerstandskraft der Bauern, Schäfer und Hirten, die sich gegen die Raubritter und die gierigen Forderungen der Lehnsherren und Fürsten zur Wehr setzten: „Das gemeine Volk hat es schon damals gewagt, sich gegen die Obrigkeit aufzulehnen“, sagt Dietmar Schneider. Er ist der Sohn von Herbert und tritt inzwischen als Vorstand im Trachtenverein Zuffenhausen in die ehrenamtlichen Fußstapfen des Vaters und schlüpft regelmäßig ins Hirten-Gewand.
Schneider Senior berichtet wiederum, dass Willy Dutzi und danach viele Jahre Helmut Mattern die Figur schon vor seinem Sohn verkörpert habe. Schneider selbst hatte jedenfalls vor ziemlich genau 55 Jahren die Idee, die legendäre Gestalt des Schäfers aus vergilbten Geschichts- und alten Sagenbüchern zu befreien: „Ich habe den Zuffenhäuser Hirt von der Wappentafel auf die Straße geholt. Das war Ende der 1960er Jahre beim Roten Kinderfest. Damals war meine Tochter vier Jahre alt“, erinnert sich Schneider. Damals begleitete er selbst als Hirte verkleidet die Kindergruppe des Trachtenvereins beim Festumzug in Rot. Dieses erste Schäfer-Kostüm hatte noch sein Vater Alois aus dem Fundus des Staatstheaters mitgebracht: „Er war damals bei den Theater-Aufführungen für die Kostüme verantwortlich.“
Ein Sympathieträger für Zuffenhausen
Zu einer historischen Erfolgsfigur und einem Sympathieträger für Zuffenhausen wurde der Hirt dann endgültig bei den Feiern zu „100 Jahre Stadterhebung Zuffenhausen“ im Jahr 2007. Im Archiv der Schäferstadt Markgröningen wurde nachgeforscht. Denn das neue Hirten-Häs sollte sowohl historischen Ansprüchen genügen als auch einen gewissen Wiedererkennungswert haben. Pünktlich zu den Veranstaltungen und zum Festakt im Jahr 2007 war alles fertig „geschneidert“.
Großgeworden ist Herbert Schneider im Zweiten Weltkrieg. Als Kind musste er öfters beim Luftalarm seinen noch sehr kleinen Bruder in den Keller tragen: Einmal ging zehn Meter neben dem Elternhaus an der Hohenloher Straße eine Bombe nieder. Die Druckwelle und der Rumms der nahen Explosion beschädigte auch das Haus der Familie Schneider, sodass ein größerer Spalt in die vordere Hauswand gerissen wurde. „Ich konnte plötzlich mit meinem Vetter, der über mir wohnte, direkt durch einen Spalt in der Küchendecke reden. Richard, komm runter, dann gehen wir kicken, habe ich hochgerufen“, erinnert sich Schneider.
Mit Gottvertrauen und Geschick
„Ich bin sehr dankbar, dass es so engagierte Familien in Zuffenhausen gibt“, sagt auch Bezirksvorsteher Saliou Gueye. Er reihte sich beim Gartenfest in die Schar der Gratulanten ein und überreichte Herbert Schneider als Dank ein Fläschchen vom städtischen Weingut: „Als ich hier anfing, hat man mich gebrieft, welche Familien in Zuffenhausen sich besonders engagieren und da tauchte ganz vorne der Name Schneider auf.“ Für Gueye steht außer Frage, dass sich die Schneiders schon immer mit viel Herzblut fürs Gemeinwohl im Stadtbezirk eingesetzt haben: „Wenn wir die Dinge gemeinsam angehen wollen, dann brauchen wir genau dieses Wir-Gefühl. Ein Stadtbezirk Zuffenhausen lebt vom gemeinsamen Handeln“, betont der Zuffenhäuser Rathauschef.
Auch das Maibaumfest des Trachtenvereins gäbe es wohl ohne die Schneiders so nicht, sagt Gueye. Ein Team kräftiger Männer bringt den Maibaum jedes Jahr auf dem Zehnthof mit reiner Muskelkraft und mit Hilfe von Stützbalken und Seilen in die Senkrechte. Inzwischen organisiert dieses alljährliche Spektakel auch Herberts Sohn Dietmar: „Das ist ein Zuffenhäuser Gemeinschaftsprojekt. Da müssen viele Hände zusammenspielen“, betont Schneider Junior. Aber als Verantwortlicher habe er auch jedes Mal schlaflose Nächte, ob beim Aufstellen alles gut gehe: „Da muss man mit Gottvertrauen drangehen.“