Ehrenamtlicher Dienst In Böblingen beerdigt nun eine Katholikin

Marina Angladagis in der Katholischen St. Klemenskirche: Für die Gemeinde ist sie nun auch im Beerdigungsdienst engagiert. Foto: Eibner/Ulmer

Die Katholische St. Klemensgemeinde in Böblingen führt einen ehrenamtlichen Beerdigungsdienst ein. Besonders ist: Mit Marina Angladagis übernimmt eine Frau künftig Bestattungen.

Böblingen: Martin Dudenhöffer (dud)

Die Beerdigung eines geliebten Menschen – für die meisten ist der Tag des Abschieds einer der schwersten in ihrem Leben. Umso heilsamer für die Verarbeitung des Verlusts ist für Angehörige eine persönliche und einfühlsam gestaltete Bestattung. Marina Angladagis hat sich dies zur Aufgabe gemacht. Die Böblingerin ist ab August in der Katholischen Gesamtkirchengemeinde Böblingen als Ehrenamtliche bei Beerdigungen im Einsatz. Im Kreis stellt die 67-Jährige damit eine Ausnahme dar: Denn noch sind Frauen, die taufen oder beerdigen, in der katholischen Kirche eine absolute Minderheit.

 

Seit Jahrzehnten engagiert sich Marina Angladagis kirchlich. Ob als Kirchengemeinderätin oder Wort-Gottesdienstleiterin – die pensionierte Medizinisch-Technische Assistentin (MTA) hat einige Rollen eingenommen. Nun kommt mit Beerdigungen etwas Neues auf sie zu. Neun Monate durchlief die 67-Jährige eine Ausbildung in den Themen Trauer und Theologie. Auch wenn Angladagis formal eine Novizin in Sachen Beerdigungen ist, unbekannt sind ihr die Bereiche Tod und Trauer keineswegs. Im Gegenteil: Das Lebensende und das Abschiednehmen spielten bei Angladagis beruflich wie privat eine Rolle.

Negative wie positive eigene Erfahrungen gemacht

„Besonders auseinandergesetzt habe ich mich, als zuerst mein Vater, später meine Mutter verstarb. Während die Erfahrung bei meinem Vater eine schlechte war, wurde die Beisetzung meiner Mutter so gestaltet, wie man sich das wünscht“, erzählt die dreifache Mutter und neunfache Großmutter, deren Mann den litauischen Nachnamen in die Ehe brachte. Dass sie von der Trauerfeier ihrer Mutter ein positives Bild habe, liege daran, dass die Zeremonie nicht nur eine für sie wichtige christliche Botschaft hatte, sondern auch würdig und tröstlich ablief. „Ich nehme mir für ‚meine’ Beerdigungen vor, dass die Würde des Verstorbenen zum Tragen kommen soll.“

Berührungspunkte zum Tod hat die Böblingerin, die seit über 30 Jahren nur einen Katzensprung entfernt von der Katholischen St. Klemensgemeinde wohnt, auch im Beruflichen. „Ich war lange als MTA in der Pathologie tätig. Ich habe in meinem Leben also viele verstorbene Menschen vor mir liegen gehabt. Das erleichtert mir sicher auch nochmal den Zugang zum Thema Tod“, erklärt Marina Angladagis. Ohnehin habe sie als Katholikin, die an die Mut machende Botschaft des Auferstandenen glaubt, keine finstere Vorstellung vom Todsein, wie sie erläutert: „In mir wohnt die Vorstellung, dass meine verstorbene Oma im Himmel auf einer Wolke sitzt und mich von oben anschaut. Das hört sich vielleicht kindlich an, gefällt mir aber.“

Trauergespräche und Beerdigungen sind höchst unterschiedlich

Wie unterschiedlich Beerdigungen aussehen können, hat Angladagis in den vergangenen Monaten erfahren. Im Rahmen ihrer Ausbildung konnte sie bei Hospitationen Priestern über die Schulter schauen. Dabei wurde ihr klar: „Trauerfeiern können so verschieden sein. Während der eine nur Instrumentalmusik möchte, läuft beim nächsten Hardrock oder Schlager.“ Auch die Art und Weise, wie Menschen trauern, variiere stark, weiß Angladagis: „Wenn die Beziehungen nicht harmonisch waren, kommt es vor, wie ich es auch mal erlebt habe. Da sagte mir eine Familie unmittelbar vor einem Trauergespräch: ‚Kommen Sie rein, glauben Sie aber nicht, dass hier jemand traurig ist!’“

Mit Ambivalenzen müsse man umgehen können, ebenso mit schwierigen Fällen, die auch für eine erfahrene Kirchenfrau herausfordernd sein könnten. Auf solche Fälle sei die 67-Jährige aber vorbereitet. „Wir haben eine Art Handbuch und natürlich unsere bewährten christlichen Rituale. Ich nenne es immer das Geländer, an dem ich mich festhalten kann“, sagt Angladagis.

Alleine seien sie und ihre acht in anderen Kirchengemeinden im Dekanat tätigen Ehrenamtlichen sowieso nicht. Mit Klaus Kempter, leitender Pfarrer der vier katholischen Kirchengemeinden in Böblingen, weiß sie einen seit gut 30 Jahren im Dienste Gottes tätigen Geistlichen an ihrer Seite. Kempter dient ihr als Mentor.

Ist der Beerdigungsdienst nur der Anfang?

Rund 30 Beerdigungen im Jahr führt Kempter jährlich durch. Ihm sind ehrenamtliche Kräfte eine große Hilfe. Zwar beruht die Einführung des Beerdigungsdienstes, der nun auch Frauen anspricht, auch auf der personellen Not in der Kirche. Klaus Kempter betont aber auch: „Über die praktischen Gründe hinaus gibt es in den Gemeinden Menschen mit Charisma und Erfahrung. Es gibt auch schon Frauen, die als Gemeinde- oder Pastoralreferenten liturgische Aufgaben wahrnehmen.“

Klaus Kempter jedenfalls hofft, dass der Weg, Frauen mehr und mehr auch in klassische Priestertätigkeiten einzuführen, Schule macht und Böblingen Teil einer Entwicklung ist, die die katholische Kirche in die Zukunft führt.

Katholische Kirche im Umbruch

Strukturen
Die vier Kirchengemeinden in Böblingen zählen etwa 9000 Mitglieder: Davon fallen rund 2000 auf St. Klemens, 2100 auf St. Bonifatius, 2700 auf St. Maria und 2200 auf die Vater-unser-Gemeinde auf der Diezenhalde.

Reparatur
Seit Dezember 2024 steht die St. Klemenskirche leer. Grund sind Baumängel des Daches. Im Sommer soll entschieden werden, wie es mit dem Gotteshaus in der Feldbergstraße weitergehen soll.

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