Ehrenamtlicher Heimatforscher Geschätzt wie gefürchtet – Schorndorfer bekommt Preis für mutige Exkursionen

, aktualisiert am 16.01.2025 - 15:37 Uhr
Roland Buggle an einem Grenzstein mit dem von ihm untersuchten „Fliegenhof-Männle“ Foto: Frank Eppler

Seine Leidenschaft für die Heimatforschung hat Roland Buggle erst im Ruhestand entdeckt – und lebt sie dafür umso intensiver aus. In Schorndorf ist der geschichtsinteressierte Tüftler deshalb ebenso geschätzt wie gefürchtet.

Rems-Murr: Sascha Schmierer (sas)

Nur ein Brotberuf war die Arbeit bei einem Stuttgarter Autobauer für Roland Buggle sicher nicht. Doch seine wirkliche Bestimmung scheint der vier Jahrzehnte lang in der Versuchsabteilung beschäftigte Schorndorfer erst im Ruhestand gefunden zu haben. Denn mit dem Eintritt in die Rentenphase entwickelte der Tüftler aus dem Remstal einen solchen Ehrgeiz für die Erforschung der lokalen Historie, dass von einer schönen Freizeitbeschäftigung im Alter keine Rede mehr sein kann. Mit seinen mehr als 80 Jahren hat sich Roland Buggle ein so umfangreiches archäologisches Wissen angeeignet, dass der Begriff „Heimatforscher“ schon fast untertrieben ist.

 

Buggle hat Notgrabungen ausgelöst, Kleindenkmale erfasst und alten Sagen nachgespürt, er ist in Schorndorf in die Kanalisation gestiegen, um historische Schleimgräben zu untersuchen und hat die Wälder der Schurwaldhöhe durchstreift, um Grenzsteine zu vermessen. Dass in der Altstadt bei Baggerarbeiten für die neue Stadtbücherei auch das Fundament der Spitalscheuer freigelegt worden ist, zählt ebenso zu seinen Verdiensten wie die Entdeckung eines wohl mittelalterlichen Bohlenwegs im Teilort Oberberken.

Heimatforscher mit einem Seil um den Bauch in den Untergrund

Seit 2008 ist der Mann, der sich im Ruhestand eigentlich mit Radiotechnik beschäftigen wollte und eher durch Zufall auf die Heimatkunde stieß, offiziell als ehrenamtlicher Beauftragter in der Archäologischen Denkmalpflege für Schorndorf bestellt – von vielen geschätzt, von manchen aber auch gefürchtet. Denn wenn Roland Buggle bei der Beobachtung einer Baustelle auf Spuren der Vergangenheit stößt, kann es schon mal vorkommen, dass die Arbeiten vorübergehend eingestellt werden müssen.

Unvergessen, als der Schorndorfer vor Jahren mit einem Bauhelm auf dem Kopf und einem langen Seil um den Bauch in der Archivstraße sechs Meter tief in den Untergrund stieg, um einen in Vergessenheit geratenen gemauerten Schacht zu erforschen – wegen der kontinuierlichen Piepstöne des Gaswarngeräts schwitzte das an der Oberfläche verbliebene Begleitpersonal von der Stadtentwässerung während des Ausflugs buchstäblich Blut und Wasser.

Das Engagement für die Stadtgeschichte hat Roland Buggle jetzt den Archäologie-Preis des Landes Baden-Württemberg eingebracht. Im Weißen Saal des Neuen Schlosses in Stuttgart übergab die im Südwesten für Landesentwicklung und Wohnbau zuständige Ministerin Nicole Razavi am Dienstagabend die alle zwei Jahre vergebene Auszeichnung. „Die jahrelange Tätigkeit von Herrn Buggle entspricht in bester Art und Weise den Leitgedanken für die Ehrenamtlichen Beauftragten in der archäologischen Denkmalpflege“, sagt die CDU-Politikerin in ihrer Laudatio.

Dotiert ist der von der Wüstenrot-Stiftung gesponserte Hauptpreis mit 8000 Euro. Mehr wert als der nackte Geldbetrag ist freilich die Anerkennung für den archäologischen Ritterschlag. „Die Ehrenamtlichen setzen in der Denkmalpflege viel Zeit, Energie und Kreativität ein. Sie schützen die Spuren unserer Vergangenheit, sie vermitteln unsere Denkmale der Öffentlichkeit und bewahren diese für zukünftige Generationen“, drückt es Ministerin Nicole Razavi aus. Professor Claus Wolf, Präsident des beim Stuttgarter Regierungspräsidium angesiedelten Landesamts für Denkmalpflege, sieht die Auszeichnung auch als Ansporn für die Beschäftigung mit der Historie: „Es würde mich sehr freuen, wenn im Land weitere, neue Mitstreiterinnen und Mitstreiter gewonnen werden könnten“, sagte er am Dienstag.

Schale aus dem Keltengrab hat im Kofferraum gerade noch Platz

Neben dem Schorndorfer Roland Buggle wurde am Dienstag der „Nellenburger Kreis“ ausgezeichnet. Die Untersparte des Hegau-Geschichtsvereins kümmert sich um Burgen und historische Gemäuer rund um den Bodensee und erhält 4000 Euro für seine Arbeit. Ein Sonderpreis in Höhe von 5000 Euro geht an den Verein für Pfahlbau- und Heimatkunde in Unteruhldingen am Bodensee. Alle Preisträger erhielten neben einer Urkunde auch eine Nachbildung der Goldschale aus dem keltischen Fürstengrab von Eberdingen-Hochdorf im Kreis Ludwigsburg.

Die dürfte bei der Heimfahrt ins Remstal gerade noch Platz gefunden haben. Denn was bei Roland Buggle alles im Kofferraum liegt, hat eine Kollegin geschildert, als der Mann mit dem Faible für die Mundart bereits 2017 mit dem Kulturlandschaftspreis ausgezeichnet worden ist „Für seine Exkursionen hat er seinen Kleinwagen bis zum Rand vollgepackt – mit allerlei Gerätschaften zur Vermessung, darunter eine Laser-Wasserwaage, Maßbänder in 30 und 50 Meter Länge, Fluchtstäbe und reflektierende Rohlinge für Autokennzeichen.“

Bei zentnerschweren Grenzsteinen ist Erfindergeist gefragt

Letztere werden an die Stäbe geklemmt und dazu genutzt, um im unebenen Gelände und auch auf größere Distanzen den kleinen roten Punkt des Lasers ausmachen zu können. Außerdem hat Roland Buggle einen speziellen Zement, eine Akkubohrmaschine und Edelstahlstifte zum Reparieren der Steine im Gepäck – sowie alte Rollladengurte zum Aufrichten der schweren Zeitzeugen. „Manche Grenzsteine wiegen bis zu einen Zentner, und ich war ja allein hier“, erklärte der Tüftler seine spezielle Ausstattung. Der Archäologie-Preis, man kann es wohl ahnen, ist bei Roland Buggle durch harte Arbeit verdient.

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