Ehrenamtliches Engagement in Ludwigsburg Der Bürgerverein als Forum des Ortes

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Die Barockstadt hat keine Ortschaftsräte. Da sich die Stadtteilausschüsse nur selten treffen, füllen ehrenamtliche Organisationen die Lücke. Das Beispiel Neckarweihingen zeigt, wie so durchaus erfolgreich Kommunalpolitik gemacht wird.

Aktiv für  ihren Ortsteil: Werner Hartwig, Roland Schmierer, Anne Merath und Claudia Böhm (von links). Foto: factum/Granville
Aktiv für ihren Ortsteil: Werner Hartwig, Roland Schmierer, Anne Merath und Claudia Böhm (von links). Foto: factum/Granville

Ludwigsburg - Da stehen sie und können nicht anders. Der Lehrer Roland Schmierer (57), die ehemalige Nachhilfelehrerin Anne Merath (85), die Angestellte Claudia Böhm (53) und der Bauingenieur Werner Hartwig (77). Vier von 7000 Neckarweihingern, die im Vorstand des Bürgervereins sind. Manche seit der Gründung vor 25 Jahren. Sie sind die Lobby für den Stadtteil, Ersatz für einen fehlenden Ortschaftsrat, Protagonisten einer ehemals selbstständigen Gemeinde.

„Wir haben 150 Mitglieder, und unser Wort hat Gewicht“, sagt Roland Schmierer. Er und seine drei Mitstreiter stehen vor dem Neckarweihinger Rathaus neben den Figuren des unvollendeten Roggenlupfer-Brunnens, der hier eigentlich stehen sollte. Ein Politikum und Zankapfel zwischen Stadt und Stadtteil. Wie auch das Rathaus – das der ehemalige Oberbürgermeister Hans Jochen Henke 1995 schon schließen wollte – und scheiterte.

Bürgervereine wie den in Neckarweihingen gibt es in vielen Stadtteilen Ludwigsburgs. Nicht nur in den ehemals selbstständigen, auch in der Innenstadt, wie in der Unteren Stadt. Sie füllen die kommunalpolitische Lücke, die durch den Verzicht auf eine Ortschaftsverfassung in der Barockstadt entstanden ist.

Die Bürgervereine organisieren auch Proteste und Aktionen

Die Stadtteilausschüsse, in denen Parteivertreter entsprechend den Mehrheitsverhältnissen nach der Gemeinderatswahl entsandt werden, tagen oft nur zwei Mal im Jahr und haben lediglich beratenden Charakter. Die Bürgervereine treffen sich hingegen teilweise jede Woche, organisieren lautstark Proteste und Aktionen, und haben durchaus ein Machtpotenzial innerhalb der Stadt.

Neckarweihingen ist dafür ein gutes Beispiel. Diese Geschichte könnte aber genauso gut in der Oststadt oder Hoheneck spielen. Der schöne Stadtteil entlang des Neckars wurde 1974 nach heftigen Streitigkeiten wegen der Kommunalreform eingemeindet, zehn Jahre lang gab es noch einen Ortsvorsteher und einen Ortschaftsrat. 1984 endete diese Phase der örtlichen Selbstbestimmung. Wiederum zehn Jahre später wurde der Bürgerverein ins Leben gerufen. Der hatte gleich ein großes Thema: Die Erhaltung des Rathauses.

Der heimliche Ortsvorsteher

Anne Merath und Roland Schmierer waren damals schon dabei, sie erinnern sich gut. „Das war eine riesige Aktion, wir haben Stände gemacht und Unterschriften gesammelt“, erzählt Merath, die mit 85 Jahren die älteste aktive Mitstreiterin ist. Man hat sich mit Poppenweiler zusammengeschlossen, auch Hoheneck hatte längst kein Rathaus mehr – der Ort wurde schon 1912 Ludwigsburg zugeschlagen.

Der Widerstand hatte Erfolg, das Rathaus blieb. Heute beherbergt es ein Bürgerbüro, die Bibliothek und den Polizeiposten, doch das Erdgeschoss steht seit Jahren leer. „Eigentlich sollte dort der Jugendtreff einziehen“, sagt Roland Schmierer, der mit einem gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet ist. Manche sehen in ihm gar einen heimlichen Ortsvorsteher.

Das würde der Pädagoge aber niemals von sich selbst behaupten. Doch er hat schon viele Kämpfe für „seinen“ Stadtteil ausgefochten. Als etwa geplant war, die Friedrich-von-Keller-Schule abzureißen und über einem Supermarkt neu zu bauen. Dazu gab es 2013 sogar einen Bürgerentscheid. „Wir hatten nur zwei Seiten auf Papier gedruckt, die Stadt zehn in Farbe“, sagt Schmierer und schmunzelt. Doch zwei Drittel votierten schließlich gegen die Schließung des alten Gebäudes des bekannten Architekten Behnisch.

Auch für den Roggenlupfer-Brunnen wird gekämpft

Heute kämpft der Bürgerverein für ein Ortsmuseum, für eine Entlastung der Hauptstraße – und für den Roggenlupfer-Brunnen vor dem Rathaus. Der Name bezieht sich auf den Spitznamen der Neckarweihinger, die offenbar mit mehr Sonne gesegnet waren und den Roggen früher reif hatten. Die Firma Leopold hat drei Figuren für den Brunnen auf dem Rathausvorplatz gespendet, der Verein 10 000 Euro Spenden gesammelt. Doch die Stadt will den Brunnen erst bauen, wenn die Zukunft des Rathauses klar ist. Eine Lokalposse.

Das sind die Themen, die den Ort bewegen. Wie das weiße Reh, dessen Werdegang Roland Schmierer sorgfältig dokumentiert. „Es geht auch um Identität“, sagt der 57-Jährige. Denn das ist letztlich der innere Antrieb, der tiefere Sinn der Bürgervereine: Den Ort zusammen zu halten, Gemeinschaft zu organisieren und ein Stück Eigenständigkeit zu erhalten.

So sind sie auch ein Korrektiv zur Machtkonzentration im Ludwigsburger Rathaus. Roland Schmierer ist sich sicher: „Protest lohnt sich. Aber auch, für etwas zu kämpfen, dass wir uns wünschen.“

Bürgervereine in Ludwigsburg

Stadtteile
Der Bürgerverein Pflugfelden/Weststadt wurde 1979 gegründet,Vorsitzender ist Hans Ulrich Jordan. Der Oßweiler Bürgerverein unter Marcus Kohler wurde 2015 zum 1200-Jahr-Jubiläum ins Leben gerufen. In Hoheneck existiert ein Verein seit 1928, Vorsitzender ist Gunther Schaible. Poppenweiler ist inaktiv.

Innenstadt Hier gibt es den Oststadtverein mit 200 Mitgliedern unter Monika Schittenhelm, den Bürgerverein Untere Stadt 1893, den wohl ältesten in Ludwigsburg, Vorsitzender ist Wolfgang Müller. Zudem existiert die Arbeitsgemeinschaft Campus Innenstadt.




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