Die Sportgymnastinnen des TV Hochdorf haben in Coronazeiten den sportlichen Umbruch gewagt und im Showtanzen eine Leidenschaft entdeckt. Durch das enorme Engagement des Trainergespanns hat es das Team nun sogar in das Bundesfinale geschafft.

Fast so synchron, als würden sie von einem Computer gesteuert, laufen die 25 Mädchen in eine Ecke der Hochdorfer Breitwiesenhalle und bleiben dort stehen. Einige knien zu Boden, andere bücken sich nach vorne oder bleiben aufrecht. Alle haben aber die gleiche Blickrichtung, und zwar zum Boden. Gleichzeitig strecken sie ihre Arme senkrecht in die Höhe. Das soll einen Vulkan darstellen, erklärt Trainerin Lena Draffehn. Dann folgt das Highlight der Darbietung: Der Ausbruch, die Eruption, mit glühender, zum Himmel spritzender Lava. Sie wird von einer jungen Tunerin verkörpert, die von ihren Kameradinnen hoch in die Luft geworfen wird.

Vom Besuch der Presse an haben die Tänzerinnen der neu gegründeten Showtanz-Formation des TV Hochdorf „Highvillage Showdance“ nur noch wenige Tage Zeit, um die Abläufe zu proben. Dann kämpfen die jungen Frauen beim Bundesfinale um den deutschen Meistertitel. Showtanz, das ist eine spezielle Tanzdisziplin, in der es darum geht, eine Geschichte zu erzählen. Eine Mischung aus Tanzen, Akrobatik, Cheerleading und Turnen, so beschreiben Draffehn und ihre beiden Trainerkolleginnen Julia Bühler und Lotta Fischer ihr Projekt. Zusammen mit Lisa Marie Puric haben die drei Ehrenamtlichen einen sportlichen Umbruch geschafft. Sie formten aus einer Sportgymnastikgruppe, die aus etwa 30 jungen Athletinnen besteht, eine erfolgreiche Showtanz-Formation. Seit Monaten opfern die jungen Frauen beinahe jede freie Minute ihrer Freizeit für dieses Projekt. Mit wie viel Leidenschaft und Ehrgeiz die Gruppe bei der Sache ist, zeigen die jüngsten Resultate: Vor kurzem gewannen die Hochdorferinnen die Landesmeisterschaft. Nun haben sie sich für das Bundesfinale qualifiziert. Wegen ihres Einsatzes ist das Trainerteam deshalb für den Ehrenamtspreis von Kreissparkasse und EZ nominiert.

Motivation im Keller

Grund für den Wandel war die Coronapandemie. Als von einem Tag auf den anderen das klassische Training nicht mehr möglich war, überlegten sich die Hochdorferinnen, wie sie den Trainingsbetrieb am Laufen halten können: Durch Online-Training. Zuhause vor dem Bildschirm. Teilweise hätten sie sich jeden Tag getroffen, um gemeinsam virtuell Sport zu treiben. Als dann die Regeln etwas gelockert wurden, war auch Partnerakrobatik und Training in kleinen Gruppen möglich. Doch es war einfach nicht das Gleiche. „Das war schrecklich“, erinnert sich Draffehn. „Wir haben auch versucht, Gymnastik zuhause zu machen, aber das hat nicht so gut funktioniert“, sagt die 27-Jährige.

Im Januar 2021 waren Motivation und Stimmung bei den Gymnastinnen dann an einem Tiefpunkt, erzählt die 21 Jahre alte Julia Bühler. „Wir hatten keine Lust mehr, weil es sich so gezogen hat.“ Sie und ihre drei Mitstreiterinnen befürchteten, dass die Gruppe den Spaß an der Sportgymnastik verlieren würde. Deshalb musste sich etwas ändern, sie suchten nach einer Alternative. „Wir haben gesagt, wir brauchen irgendwas Neues, das alle motiviert. Etwas, an das wir glauben und auf das wir hinarbeiten können“, sagt Draffehn.

Tänzerinnen belohnen sich selbst

Dann erinnerten sie sich an das Showtanzen, das sie wenige Jahre zuvor ausprobiert, sich dann aber wieder auf die Wettkampfakrobatik besonnen hatten. „Wir hatten total Lust in Richtung Showwettkämpfe zu gehen“, sagt Bühler. Dieser akrobatische Sport ist deutlich kreativer als die Wettkampfgymnastik, erklären die Hochdorferinnen.

Sie gründeten das „Highvillage Showteam“, der Begriff stammt von der englischen Eins-zu-eins-Übersetzung des Gemeindenamens Hochdorf. Um ihre Marke zu etablieren, entwarfen die jungen Frauen ein Logo, bedruckten T-Shirts und sorgten für einen Internetauftritt. Außerdem legte sich die Gruppe passende Kostüme zu. Aufwendig sei vor allem die Koordination der Gruppen gewesen, erzählen die Trainerinnen. Die Choreografien und Bewegungsabläufe mussten sie sich mühevoll erarbeiten. Im Internet holten sie sich Inspiration, denn der Showtanz weicht teils stark von ihrer ursprünglichen Sportart ab. „Das erfordert ein Umdenken“, sagt Draffehn. „Und Mut. Denn man muss vor den Kindern eingestehen, dass man viele Übungen selbst nicht kann.“

Doch die Mühe zahlt sich aus. Das neue Konzept sorgte nicht nur dafür, dass die Mädchen zusammenblieben, es begeisterte sie regelrecht. Aus eigenem Antrieb brachten sie Ideen ein und eigneten sich neue Fähigkeiten an. „Die Gruppe brennt für den Showtanz“, erklärt Bühler. Jede Einzelne könne ihre individuellen Stärken einbringen. Und das wurde mit der Teilnahme beim Bundesfinale belohnt. Im Schwarzwald schafften es die Hochdorferinnen letztendlich nicht in die Top-Acht, doch das Trainerteam ist „topzufrieden“, sagt Draffehn. Sie seien nun extrem motiviert, im kommenden Jahr ein noch besseres Ergebnis zu erzielen.

Ehrenamtspreis 2022

Initiatoren
Der Ehrenamtspreis „Starke Helfer“ wird seit vielen Jahren von der Stiftung der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen in Zusammenarbeit mit der Eßlinger Zeitung ausgeschrieben. Mit der Auszeichnung soll das ehrenamtliche Engagement gefördert werden. Die Preisträgerinnen und Preisträger werden von einer Jury aus Vertretern der Kreissparkasse und der EZ-Redaktion ermittelt.

Preisträger
Die Stiftung der Kreissparkasse stellt Preisgeld in Höhe von 20 000 Euro zur Verfügung. Die Gewinner werden zu einer Abschlussveranstaltung im Herbst eingeladen, sofern die Pandemie das zulässt.

Erfolge
Das „Highvillage Showteam“ hat bei seinen ersten württembergischen Landesmeisterschaften gleich den Meistertitel geholt. Damit qualifizierten sich die Mädchen für das Bundesfinale.