Ehrenamtspreis Stuttgarter des Jahres Mit den Spürnasen im Gelände

Von  

Matthias Becker ist ein „Stuttgarter des Jahres“, denn als Leiter der DRK-Rettungshundestaffel schlägt sich auf der Suche nach vermissten Personen so manche Nacht um die Ohren.

Pakuna (links) und Lotte im Arbeitsdress: Etliche vermisste Menschen haben sie zusammen mit Matthias Becker schon aufgefunden. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Pakuna (links) und Lotte im Arbeitsdress: Etliche vermisste Menschen haben sie zusammen mit Matthias Becker schon aufgefunden. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Wenn mitten in der Nacht Matthias Beckers Mobiltelefon klingelt, herrscht Freude bei Lotte und Pakuna. Die beiden Hovawart-Hündinnen wittern einen Auftrag, und das ist das Größte für sie: raus ins Gelände zusammen mit dem Suchtrupp der DRK-Rettungshundestaffel. Lotte ist mit ihren knapp 13 Jahren zwar in Rente, aber bei jedem Training ist sie noch dabei. Pakuna ist zweieinhalb und hat bei der Suche nach vermissten Menschen inzwischen Lottes Aufgabe übernommen.

Einsatz bei Nacht

Matthias Becker und seine Frau Gisela haben mit ihrem ehrenamtlichen Engagement in der Rettungshundestaffel ihre Liebe zu den Tieren mit einer Aufgabe verbunden, die Leben retten kann. Und deshalb wurde Matthias Becker von der Jury zum Stuttgarter des Jahres gekürt. 2019 wurde die Staffel 16-mal von der Polizei alarmiert, zehnmal war Becker selbst im betreffenden Suchgebiet, sechs vermisste Personen konnten so gefunden werden.

„Ich bin 24 Stunden einsatzbereit“, sagt Becker. Der Bus der Rettungshundestaffel steht immer vor dem Haus. Theoretisch kann er auch tagsüber für seine ­ehrenamtliche Aufgabe alarmiert werden. Dann muss der Gärtnermeister alles stehen und liegen lassen. „Ich lasse zwar meistens nur noch graben“, sagt er lachend, denn er hat in dem großen Betrieb, in dem er tätig ist, einen Bürojob. Es kommt jedoch fast nie vor, dass er den Schreibtisch für einen Einsatz verlassen muss, denn die Spürnasen mit ihren Menschen werden praktisch immer nachts gerufen. „Eine Vermisstenmeldung geht meistens spätnachmittags bei der Polizei ein,“ sagt Becker. „Wenn jemand abends nicht heimkommt, werden die Angehörigen unruhig.“ Bleibt die Polizei erfolglos, klingelt bei Becker das Handy.

Menschen in Panik riechen charakteristisch

Dann rücken sie aus. Eine Staffel besteht aus 20 Leuten und im besten Fall neun geprüften Hunden. Mensch und Tier durchkämmen gemeinsam Meter für Meter das Gelände, in dem die vermisste Person vermutet wird. Die Hunde haben – je nach Aufgabe – unterschiedliche Ausbildungen und Prüfungen absolviert. Soll ein Vierbeiner einen bestimmten Menschen suchen, wird er mit einem Kleidungsstück des Vermissten auf dessen Geruch abgerichtet. Das sind die sogenannten Mantrailer. Sie haben ihre Aufgabe vorzugsweise in der Stadt. Und dann gibt es die Flächensuchhunde, die ohne Leine im Gelände schnüffeln. Sie spüren den menschlichen Geruch als solchen auf und suchen nicht nach einer bestimmten Person. Tatsächlich scheidet jeder, der unter Stress steht oder Angst hat, Buttersäure aus. Die Supernasen auf vier Beinen wittern eine solche Duftmarke über weite Distanzen.

Bellen bis Hilfe naht

Beckers Hovawarts sind Flächensuchhunde und zusätzlich als Verbellerinnen ausgebildet. Wenn sie eine Witterung aufgenommen haben, gehen sie dieser im Gelände nach. Zur Sicherheit tragen sie ein GPS-Halsband. Wenn Pakuna – und früher Lotte – eine Person aufstöbert hat, bleibt sie bellend bei ihr, bis Becker da ist. „Im Prinzip kann jeder Hund dafür ausgebildet werden. Wir haben auch welche dabei, die in Rumänien auf der Straße gelebt hatten oder von anderswo aus dem Tierschutz kommen.“ Ob sich das Tier wirklich eignet, stellt sich erst im Lauf des Trainings heraus.

Dankbarkeit spornt an

Lotte kam als Welpe zu Matthias, und Gisela Becker ging mit ihr und den damals noch kleinen Kindern auf den Übungsplatz. „Für mich hatte das keinen Zweck,“ sagt sie bestimmt. „Wenn man so viel Zeit investiert, sollte etwas Sinnvolles dabei herauskommen.“ Ihr Mann Matthias hätte sich damals auch nicht träumen lassen, dass er einmal Leiter der Hundestaffel sein würde.

Und was treibt ihn an, zweimal in der Woche mit den Tieren zu trainieren und sich manche Nacht um die Ohren zu schlagen? „Es ist toll, wie viel Dankbarkeit einem entgegengebracht wird, wenn wir einen vermissten Menschen suchen – egal wie der Einsatz verlaufen ist“, sagt er. „Und es ist schön zu sehen, mit welcher Freude die Hunde dabei sind. Die leben für diese Aufgabe.“

Im Winter hat er noch ein weiteres Ehrenamt: Mit dem Kältebus des DRK fährt er die Treffpunkte der Obdachlosen an und bringt heißen Tee, Isomatten und Decken. „So ein Einsatz dauert von 22 bis zwei Uhr. Um fünf muss ich wieder aufstehen.“ Aber darüber beklagt sich der 57-Jährige nicht.




Unsere Empfehlung für Sie