Eric Gauthier, Chef der Gauthier Dance Kompanie, ist mit Leib und Seele Tänzer – und sozial engagiert. Deshalb ist er Juror für die Preisverleihung zum Stuttgarter des Jahres.

Lokales: Ralf Gunkel (gun)

Stuttgart - Wie glücklich kann man sein, so einen Job zu haben? Wir leben alle, weil wir jeden Tag tanzen. Unsere Arbeit ist pure Leidenschaft. Und dafür bekommen wir auch noch Geld.“ Eric Gauthier, der Chef der Gauthier Dance Kompanie, lässt keinen Zweifel aufkommen: Der 36-jährige gebürtige Kanadier ist dankbar für die Möglichkeiten, die er bekommen und genutzt hat, und er ist stolz auf seinen Erfolg. Seit der Gründung der Kompanie vor sechs Jahren hat sich die Zahl der Tänzer mehr als verdoppelt, und der Etat hat sich verdreifacht.

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„Erfolg ist etwas Tolles“, sagt Gauthier, „als Belohnung für die harte Arbeit.“ Aber viel wichtiger sei es, was man mit dem Erfolg anfängt. „Jetzt sind wir bekannt, jetzt können wir noch mehr helfen.“ Und schon ist Gauthier bei seinem Lieblingsprojekt. Es heißt „Gauthier Dance Mobil“. Und das funktioniert so: Gauthier fährt allein oder mit Teilen seines Ensembles in ein Jugendzentrum, ein Altenheim oder in ein Krankenhaus. Dort treten die Künstler unentgeltlich auf. Fast immer lösen sie große Begeisterung aus, und fast immer bleibt es nicht bei einem ehrenamtlichen Gastspiel. Gauthier: „Das war immer mein Traum, dass wir nicht nur auf den großen Bühnen tanzen, sondern auch für Menschen, die sonst nie in ein Theater kommen.“

Gauthier spendet seine Energie, nicht sein Geld

Eric Gauthier spendet kein Geld. Das kann er auch nicht. Er kann von seinem Verdienst gut leben, „aber ich bin nicht reich. Ich spende Energie.“ Wenn er viel Geld hätte, würde er es in die medizinische Forschung stecken, sagt er, um Krebs, Alzheimer oder Parkinson zu bekämpfen. Das ist kein Zufall. Sein Vater Serge Gauthier arbeitet an der Universität von Montreal in der Alzheimer-Forschung.

Entspannt sitzt der preisgekrönte Tänzer auf dem schwarzen Ledersofa in seinem Arbeitszimmer in der Probebühne am Löwentor, die Beine übereinandergeschlagen. Im Hintergrund sind ein Klavier und die Instruktionen des Ballettmeisters zu hören. Konzentriert, akribisch und diszipliniert folgen die Tänzer den Anweisungen, sich selbst ständig in dem wandgroßen Spiegel kontrollierend. „Das machen wir jeden Tag, sechs Tage in der Woche, seit wir Kinder sind“, sagt Gauthier, der im Alter von neun Jahren seine Liebe zum Ballett entdeckt hat. „Erst wenn du aufhörst zu tanzen, ist das Training vorbei.“

Der Ballettstar hat früher viel Unterstützung bekommen

Die Geschichte der Gauthier Dance Kompanie ist eine Geschichte des Erfolges. Nach der Ausbildung beim kanadischen Nationalballett kam Gauthier 1996 mit Reid Anderson nach Stuttgart, der damals Intendant des Stuttgarter Balletts wurde. 2002 wurde er Solist, 2005 gab er sein Debüt als Choreograf, 2007 gründete er mit  Hilfe des Theaterhausleiters Werner Schretzmeier die Gauthier Dance Kompanie. „Werner hat mich immer gefördert.“

Mittlerweile ist die Truppe international bekannt und aktiv. Neben Auftritten zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober vor Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck trat Gauthier Dance vor großem Publikum in Südkorea auf; und es gab einen umjubelten Auftritt während des Cro-Konzertes Anfang Oktober in der Schleyerhalle.

Gauthiers Frau arbeitete auf einer Krebsstation

Eric Gauthier ist seit fünf Jahren mit seiner Frau Laura verheiratet. Seit zehn Jahren sind sie ein Paar. Sie haben zwei Kinder im Alter von acht Monaten und drei Jahren und wohnen im Heusteigviertel. „Ich habe lernen müssen, Nein zu sagen. Mein Leben ist anstrengender geworden mit den Kindern.“ Seine Frau geht ihrem gelernten Beruf als Sozialpädagogin derzeit nicht nach, sondern kümmert sich um die beiden Söhne. Davor hat sie im Robert-Bosch-Krankenhaus auf der Krebsstation gearbeitet. Wieder ein Grund, der Gauthiers soziales Engagement erklärt.

Der Chef der Kompanie atmet tief durch, nimmt einen Schluck Wasser aus der Kunststoffflasche. „Oft kann ich gar nicht glauben, dass diese Menschen nur wegen meiner Arbeit hier sind, wegen unserer Tanzkompanie. Das ist ein Traum.“ Gauthiers Truppe ist ein Welt-Ensemble. Sie kommen aus Brasilien, Frankreich, Kolumbien, Deutschland, Dänemark, Belgien und Spanien. „Das ist eine sehr bunte Truppe“, sagt Gauthier, lacht und wiederholt, was er immer gern sagt: „Jeder Tänzer ist wie ein Gewürz.“

Manchmal muss das Soziale auch zurückstehen

Eric Gauthier spürt durchaus den Druck der Verantwortung. „Ich muss mir immer etwas Neues einfallen lassen. Das Neue kommt nicht zu mir. Ich muss es machen.“ Zwar sind alle Tänzer Mitarbeiter des Theaterhauses, aber die Kompanie ist in ihren Entscheidungen weitgehend unabhängig. Gauthier legt fest, welchen Auftritt er macht und welchen nicht. Da geht es oftmals knallhart ums Geld. „Manchmal kassieren wir für einen Auftritt 15 000 Euro. Dann muss das Soziale auch mal zurückstehen.“

Während der siebenwöchigen Sommerpause erholt sich Gauthier mit seiner Familie auf Sylt, fliegt zu seinen Eltern nach Kanada und besucht die Familie seiner Frau am Bodensee. „Da versuche ich abzuschalten“, sagt er. „Aber es ist nicht so einfach, das Laptop zu und das Smartphone ausgeschaltet zu lassen. Bisher habe ich das nach ein paar Tagen aber immer geschafft.“

Fußballerisch ist Gauthier eher Dortmunder als Stuttgarter

Stuttgart ist zur Heimat von Eric Gauthier geworden. Er hat in den vergangenen Jahren diverse Angebote als Ballettchef abgelehnt. „Ich habe nicht einfach Nein gesagt, sondern ich habe gesagt, dass es noch nicht der richtige Zeitpunkt ist“, sagt er. „Stuttgart ist perfekt. Die Leute mögen mich. Wenn ich durch den Breuninger laufe, werde ich erkannt. Das ist schön. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal die Kraft hätte, von null etwas ganz Neues aufzubauen. Das kostet viel Kraft.“

Eric Gauthier ist Fußballfan. Er mag die Spieler des VfB, die er teilweise persönlich kennt. Aber dennoch: sein Lieblingsverein ist der BVB. „Dortmund ist für mich Gauthier Dance, und Bayern ist das Staatstheater. Die einen haben die Energie, die anderen das Geld. Und dieser BVB-Trainer Jürgen Klopp – das ist ein Tiger.“

Paten gesucht

Das Besondere am Stuttgarter des Jahres ist, dass sich die Gewinner nicht selbst bewerben können, sondern von sogenannten Paten vorgeschlagen werden müssen. Schreiben Sie uns Ihren Vorschlag. Begründen Sie kurz, warum diese Person für Sie der Stuttgarter des Jahres ist, und hinterlassen Sie uns Ihre vollständigen Kontaktdaten.

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Auf dem Postwege an: Stuttgarter Zeitung, Ralf Gunkel, Plieninger Straße 150, 70567 Stuttgart, per mail an: stuttgarter-des-jahres@stz.zgs.de