Ehrenfilmpreis für Walter Sittler „Wer Comedy macht, ist beim Film raus“

Walter Sittler in der Krimireihe „Der Kommissar und das Meer“ Foto: dpa

Walter Sittler bekommt bei der Filmschau Baden-Württemberg den Ehrenfilmpreis. Im Gespräch blickt er zurück auf eine ereignisreiche Karriere und sein Engagement gegen Stuttgart 21.

Stuttgart - Vom Theater ins Fernsehen und zurück auf die Bühne: Der Stuttgarter Schauspieler Walter Sittler hat sich immer wieder neu erfunden. Aktuell spielt er zusammen mit Mariele Millowitsch „Alte Liebe“.

 

Herr Sittler, wie fühlt sich das an, wenn man einen Ehrenpreis bekommt?

Natürlich denkt man: Jetzt hast du deinen Ehrenpreis, jetzt ist gut. Aber so ist das natürlich nicht gemeint. Ich war auch überrascht, weil ich gar nicht dachte, dass ich in Stuttgart einen Preis bekommen könnte nach den Ereignissen der letzten acht Jahre. Zum Glück ist das Filmbüro unabhängig, und dass ich mich für etwas engagiert habe, ohne auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein, war wohl ein Kriterium.

Sie spielen auf Ihre exponierte Rolle im Widerstand gegen Stuttgart 21 an. Waren Sie erstaunt über die Härte der Auseinandersetzung?

Ja, denn es ging ja nicht um religiöse Dinge oder um moralisch-ethische Fragen wie die Ehe für alle. Es ging um ein technisches Gebäude, und die harschen Reaktionen kamen, als den Politikern, die unbeirrbar dafür waren, die Argumente ausgingen. Dieter Hildebrandt hätte gesagt: Das ist die Angst der bedrohten Macht, dann hauen sie mit Knüppeln. Man hat uns als zum Beispiel als arbeitslose Berufsdemonstranten denunziert und als Lügner, weil wir gesagt haben, dass das acht Milliarden kostet – was nun der aktuelle Stand ist. Wer bin ich schon? Bin ich staatsgefährdend? Manchmal schien es mir so. Es sind Freundschaften zerbrochen, Familien. Da muss man doch fragen: Steht das dafür?

Bis dahin waren sie ein Sympathieträger. Hat es Sie überrascht, wie schnell das kippt?

Die Sympathie hatte ja nichts mit mir als Person zu tun, sie galt dem Fernsehmann in seinen Rollen. Diese Art von Sympathie kann dann sehr schnell weg sein. Filmpreise bekommt man nicht, weil man so toller Mensch ist – manch toller Künstler ist menschlich völlig schwierig.

Würden Sie es heute trotzdem wieder tun?

Auf jeden Fall, aber besser: Strikt bei den Fakten bleiben, sie ständig öffentlich wiederholen und nicht drauf hoffen, dass die Vernunft gewinnt. Das war unser Irrtum.

Wofür würden Sie heute auf die Straße gehen?

Gegen die ungleiche Vermögensverteilung, die schlimmer wird. Viele Leute werden abgehängt, und werden aus Not und Wut und Verzweiflung zur Beute radikaler Ansichten, die ihnen nichts bringen. In den USA zum Beispiel fällt den Leuten im Rust Belt jetzt auf, dass sie unter Trump keinen Cent mehr in der Tasche haben. Ein Konzernlenker soll ruhig sehr gut verdienen, aber ich kann nicht akzeptieren, wenn gleichzeitig Leiharbeiter engagiert werden, denen ihr Gehalt nicht zum Leben reicht. Da geht es um Respekt vor der Arbeit anderer und um Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Sie machen Leseabende mit Texten von Erich Kästner, Dieter Hildebrandt und Roger Willemsen, lauter Männer mit klarer Haltung – das ist kein Zufall, oder?

Das kam zum Teil auf mich zu, auch wegen S21. Dieter Hildebrandts Witwe wollte nach seinem Tod, dass ich sein letztes Buch einlese, sie hat gesagt: „Weil er wusste, was ihr da treibt, und das hat ihm gefallen.“ Ich hätte ihn gerne persönlich getroffen und darüber gesprochen.

Angefangen haben Sie am Theater, zuerst in Mannheim, dann in Stuttgart...

Ich hatte das große Glück, dass ich in Ruhe alle Anfängerfehler machen und in meinen Beruf hineinfinden konnte. Ich war anfangs voller Emphase und total intensiv, bis mir klar wurde: Bei einer Tragödie muss nicht ich heulen, sondern die Zuschauer. Das Theater kann die Menschen zu sich selbst verführen, wenn sie sich identifizieren können und ihre Emotionen in Aufruhr geraten.

Sie haben dann viel deutsche Fernsehunterhaltung von innen gesehen, sind sogar einmal auf dem „Traumschiff“ mitgefahren...

Die Unterscheidung zwischen Unterhaltung und sogenannter ernster Kultur ist ein Fluch. Die Unterhaltung wird belächelt, als könne das jeder, aber das stimmt nicht: Es gibt gute und schlechte Unterhaltung und nichts dazwischen. Viele Filmemacher wollen außergewöhnliche Geschichten mit außergewöhnlichen Menschen und vergessen, dass sie auch normale Charaktere brauchen als Anker in die Realität und für die Identifikation. Und dann: Sobald einer droht, ein Star zu werden, wird gleich nach Negativem gesucht. Wir in Deutschland tun uns schwer, ja zu sagen, wir mögen das Neinsagen. Jasagen ist auch viel schwieriger, man wird angreifbar, wenn man sich zu Etwas bekennt. Das trifft auch Politiker.

Sie haben mit Mariele Millowitsch 110 Folgen der Krankenhaus-Sitcom „Nikola“ gedreht – was war daran so besonders?

Es gibt ja ernste Arztserien wie „Die Schwarzwaldklinik“, bei der Klausjürgen Wussow irgendwann glaubte, er wäre wirklich Arzt. Bei uns war das Krankenhaus nur die Folie für die Komödie. Das Pilotbuch war das beste Comedybuch, dass ich bis dahin gelesen. Der Chefarzt fachlich unangreifbar, zugleich eitel bis unter die Haarspitzen und verliebt in die Krankenschwester, was er nie zugeben würde. Sie wiederum eine alleinerziehende, starke Frau, die emotional beweglich ist und weiß, dass sie nie zusammenkommen werden, er aber eigentlich der Richtige für sie ist. Als ehemaliger OP-Pfleger kann ich sagen: Das war noch gar nichts, der Chefarzt kam damals kurz vor Gott. Krankenschwestern haben Nikola geguckt, weil sie sich wiedererkannt haben und Mariele für sie ein Vorbild war, mal zu sagen: Jetzt reicht’s!

Mit Mariele Millowitsch sind Sie nun wieder auf Lesereise mit „Alte Liebe“. Was verbindet Sie beide?

Wir haben uns im Mai 1994 getroffen für die Serie „Girl Friends“ und haben uns sofort verstanden. Die „Alte Liebe“ hat meine Tochter Jenny eingerichtet, die eine Theaterfrau geworden ist, Regisseurin und Autorin. Wir haben die Vorstellung dann unter ihrer Regie geprobt. Mit Mariele geht das wunderbar, sie ist auch eine, die nicht rechthaben muss, sondern zuhört und konstruktiv arbeitet.

In den USA landen Darsteller aus erfolgreichen Serien oft beim Film. Haben Sie Angebote bekommen?

Wenn du in Deutschland Comedy machst, kommst in den Film kaum mehr rein. Es gibt Ausnahmen wie Hape Kerkeling, aber normalerweise ist man raus – man gilt als Fernsehnase, und das ist abwertend gemeint.

Stimmt es, dass Sie ein „Tatort“-Kommissar hätten werden können?

Es gab die Anfrage und natürlich hätte ich es gern gemacht, aber zum Glück ist das nichts geworden. Spätestens 2010 hätten die mich entlassen müssen – unvorstellbar, dass zu der Zeit beim SWR ein S21-Gegner Kommissar ist. Stattdessen bin ich im ZDF Kommissar auf Gotland und bin damit sehr froh. Es kommen die richtigen Sachen zur richtigen Zeit. Insofern ist alles gut so, wie es ist.

Seit vielen Jahren unterstützen Sie Ihre Frau Sigrid Klausmann, die in Dokumentarfilmprojekten wie „Lisette und ihre Kinder“ und „Nicht ohne uns!“ den Gedanken und Gefühlen von Kindern und Jugendlichen sehr nahe kommt. Was ist ihr Geheimnis?

Sie ist ja auch Pädagogin durch und durch, und ich bewundere, wie sie Kinder ganz mühelos in den Mittelpunkt stellt. Sie will wissen, was sie denken und fühlen. Sie sucht nicht Antworten, die sie haben will, sondern Antworten, die die Kinder geben. „199 kleine Helden“, unser Projekt über Kinder in aller Welt mit dem Kinofilm „Nicht ohne uns!“, war schwierig, weil es zwei Konkurrenzprojekte gab. Nun ist aber unseres in den Schulen und gewinnt Preise, zuletzt in Teheran. Weil bei uns die Kinder im Zentrum stehen. Wenn man Kinder gängelt und mit Erwartungen überfrachtet, ist es schwer für sie. Wenn Kinder sich ernstgenommen fühlen und merken, dass sie etwas können, werden sie stark – sie werden dann, was sie eigentlich schon sind, und nicht, was wir glauben, was sie werden sollen.

Walter Sittler und die Filmschau Baden-Württemberg

Schauspieler Geboren 1952 in Chicago als Sohn deutscher Eltern, kommt Walter Sittler er mit seiner Familie 1958 nach Deutschland. Er studiert an der Falckenberg-Schule für Schauspiel in München. Von 1981 an spielt er am Mannheimer Nationaltheater, 1988 wechselt er ans Staatstheater Stuttgart. Mitte der 90er Jahre wird er an der Seite von Mariele Millowitsch durch die Serien „Girl Friends“ und „Nikola“ bekannt. Seit Mitte der 2000er-Jahre gibt er Soloprogramme mit Texten von Autoren wie Erich Kästner, Dieter Hildebrandt und Roger Willemsen.

Bühne An diesem Dienstag um 20 Uhr spielen Walter Sittler und Mariele Millowitsch im Theaterhaus ihr aktuelles Programm „Alte Liebe“ nach Elke Heidenreich.

Festival Die Filmschau Baden-Württemberg findet vom 5. bis zum 9. 12 im Metropol-Kino statt. Eröffnet wird sie an diesem Mittwoch um 19.30 Uhr mit der Verleihung des Ehrenfilmpreises an Walter Sittler und mit der Tragikomödie „Kill me today, tomorrow I’m sick“. Der Regisseur Joachim Schroeder und der Darsteller Sigi Zimmerschied werden anwesend sein.

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