Ehrengäste in Korntal-Münchingen Goldenes Buch aktiviert und digitalisiert: „So was gehört nicht ins Archiv“

Der Stadtarchivar Andreas Walter übergibt das Goldene Buch an den Bürgermeister Alexander Noak, der nach 50 Jahren den ersten Eintrag vornimmt. Das Bild rechts zeigt den ersten Eintrag im Gästebuch „Korntal zum Gedenken“ im Jahr 1926. Foto: Stadt Korntal-Münchingen

Voller Persönlichkeiten und nun auch online durchzublättern: das Goldene Buch von Korntal-Münchingen. Der Stadtarchivar Andreas Walter holte es aus dem Dornröschenschlaf.

Leonberg: Stefanie Köhler (koe)

Das Goldene Buch ganz im Verborgenen? Andreas Walter schüttelt beim Gedanken daran den Kopf. Als er in Korntal-Münchingen seinen Job als Stadtarchivar antrat, konnte er nicht glauben, dass das Buch, in dem sich Ehrengäste während ihres Besuchs verewigen, im Archiv liegt. Statt im Büro des Bürgermeisters, der es zu gegebener Zeit aus der Schublade zieht. „Das Goldene Buch war gerade angefangen und hatte jede Menge leere Seiten“, erinnert sich Andreas Walter an den Moment, als er es entdeckte. „Ich habe nur gedacht: Das muss hier raus. So was gehört nicht ins Archiv.“

 

Es sei ein Fehler gewesen, dort das Buch 1974 aufzunehmen, meint Andreas Walter, der zugleich von einem Zwiespalt spricht: Denn was im Archiv landet, darf nicht mehr raus. „Die Akte ist dann geschlossen.“ Unwiderruflich. Der Archivar hat an dieser Stelle zu beurteilen, ob er ein Dokument aufbewahrt oder nicht.

„Das lasse ich mir nicht gefallen“ – Goldenes Buch kehrt zurück

Doch was ist mit einem Objekt wie dem gut vier Zentimeter dicken Goldenen Buch, 42 mal 34 Zentimeter groß? Andreas Walter hat eine klare Meinung zur Archivierung. „Das lasse ich mir nicht gefallen.“ Für sein Vorgehen, es zurück in die Öffentlichkeit zu holen, habe er viel Lob bekommen. Für Andreas Walter trägt ein Goldenes Buch zur Identifikation bei. „Außerdem sind wir als Stadt so groß und selbstständig, dass wir eines nutzen können“, sagt er und lacht. Viele Kommunen haben ein Goldenes Buch.

Das von Korntal-Münchingen war fast ein halbes Jahrhundert lang im Dornröschenschlaf, ehe Andreas Walter dafür sorgte, dass „ein Stück Geschichte seine Fortschreibung erfährt“. Der Bürgermeister Alexander Noak (parteilos) hat sich im Juli 2024 eingetragen. Es folgten Persönlichkeiten wie der Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne), die Württemberger Weinprinzessin Ines Pfeiffer, die Festredner zum 50-Jahr-Jubiläum Korntal-Münchingens als Stadt, der CDU-Politiker Günther Oettinger und Noaks Vorgänger Joachim Wolf.

Der Landrat Ulrich Hartmann schreibt am 20. Dezember 1974 im Goldenen Buch von Korntal-Münchingen den vorerst letzten Eintrag für die kommenden 50 Jahre. Neben ihm steht der damalige Bürgermeister Werner Thrum. Foto: Stadt Korntal-Münchingen

Und mehr noch: Das Goldene Buch lässt sich jetzt als Blätterkatalog online anschauen. Seine Kolleginnen von der Digitalisierung hätten die Tradition in die Moderne geführt, so Walter. Unklar bleibt, warum unter dem Bürgermeister Peter Stritzelberger 2001 ein schlichtes Gästebuch angeschafft wurde, das sein Nachfolger Wolf bis 2018 verwendete. Diese Seiten kleben nun im Goldenen Buch. Martin Winterkorn und Gerlinde Kretschmann gesellen sich damit zu Gerhard Schröder und Erwin Teufel.

Bereits 1926 legte die Gemeinde Korntal das Gästebuch „Korntal zum Gedenken“ an. Es überdauerte die NS-Zeit und die ersten Nachkriegsjahre. 1958 wurde Korntal zur Stadt erhoben – und das Gästebuch endete.

1974 erfolgt in Korntal-Münchingen der vorerst letzte Eintrag ins Goldene Buch

Im September 1961 wurde das Korntaler Rathaus eingeweiht. Ein Buch mit Glamour musste her, schließlich kündigte sich auch Prominenz an. Der Stadtrat Siegfried Ebert überreichte beim Festakt dem Bürgermeister Werner Thrum ein Goldenes Buch. Der Kallenberger Buchbindermeister Eugen Schempp hatte es im Auftrag des Handels- und Gewerbevereins angefertigt. Das Buch sollte einen Beitrag zur Chronik Korntals leisten – und so füllten sich über die Jahre die Seiten mit Unterschriften von Besuchern der Stadt: Persönlichkeiten aus Bonn und Stuttgart, Delegationen von Schulen aus Frankreich und England.

Den vorerst letzten Eintrag nahm der Ludwigsburger Landrat Ulrich Hartmann im Dezember 1974 vor, als Bürgermeister Thrum seine Entlassungsurkunde erhielt. Noch bei der Zeremonie gab er das Goldene Buch dem Archivar Herbert Lorenz zur Verwahrung. Wieso er das tat und die zu Korntal-Münchingen fusionierte Stadt das Goldene Buch nicht weiter verwendete, lasse sich nicht mehr nachvollziehen. „Man hatte wohl andere Sorgen“, vermutet Andreas Walter.

Bundespräsident oder Bundeskanzler – Wünsche fürs Goldenen Buch

Die Stadt entscheidet selbst, wer sich ins Goldene Buch eintragen darf. Dafür gibt es keine Vorgabe. Über welchen Gast sich der Archivar persönlich freuen würde? „Der Bundespräsident oder Bundeskanzler wären eine große Ehre“, sagt Walter. Man müsse aber realistisch bleiben: Beide kommen vermutlich nie nach Korntal-Münchingen.

Der Physiker Ernst Messerschmid war 1985 sieben Tage lang im All. Im Rahmen der Mission D1 reiste er an Bord des Space Shuttles Challenger. Es war der neunte und letzte erfolgreiche Flug der Challenger, bevor die Raumfähre 1986 beim Start explodierte. Foto: Simon Granville

Dafür vielleicht ein Astronaut auf dem Weg nach oder von Weil der Stadt: In der Keplerstadt gibt es außer dem Goldenen Buch seit 2021 die bundesweit erste Raumfahrt-Allee auf dem Marktplatz. Mit einem persönlichen Schild würdigt Weil der Stadt die Raumfahrer, die schon auf Kepler-Ellipsen die Erde umrundet haben.

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