Ehrenpräsident des VfB Stuttgart Erwin Staudts große Sorge – „Mit diesem Kader steigt der VfB ab“

Erwin Staudt war von 2003 bis 2011 Präsident des VfB Stuttgart. Foto: dpa/Marijan Murat

Erwin Staudt macht sich große Sorgen um die sportliche Zukunft des VfB Stuttgart. Der Ehrenpräsident kritisiert die Trainersuche – und fordert Verstärkungen in der Winterpause.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Erwin Staudt ist nicht nur Ehrenpräsident des VfB, er hat auch seinem einstigen Mitarbeiter Alexander Wehrle zur Rückkehr nach Stuttgart geraten. Nun stellt Staudt seinem Verein in der Trainersuche eine schlechte Note aus – und ist besorgt über die sportliche Talfahrt.

 

Herr Staudt, wo haben Sie das 0:5 des VfB in Dortmund gesehen – im Stadion?

Nein, daheim vor dem Fernseher.

Mit welchen Gedanken?

(seufzt) Ich hatte natürlich schon Erwartungen, ein Punkt wäre ein großer Erfolg gewesen. Davon waren wir weit entfernt.

Woran hat es gelegen?

Alles, was mich in den Spielen gegen Bochum und Bielefeld begeistert hat, war weg. Ich habe keine Laufbereitschaft gesehen, keine Leidenschaft gespürt. Das hat mich enttäuscht.

Gibt es eine Erklärung?

Das Stadion in Dortmund ist europaweit eine Sensation, war ausverkauft. Ich war überzeugt, dass die Mannschaft sich auf dem Platz zerreißt. Wenn das nicht passiert, dann stimmt im Kopf etwas nicht.

Und trotzdem wurde unmittelbar danach verkündet, mit Interimstrainer Michael Wimmer zumindest bis zur Winterpause weiterzumachen.

Das hat mich überrascht, einerseits. Andererseits kann ich es nachvollziehen – weil gewisse Schritte, die im Vorfeld hätten passieren müssen, nicht gemacht worden sind.

Wie meinen Sie das?

Wer einen Trainer entlässt, muss den Nachfolger aus dem Hut zaubern können.

„Es braucht schnell eine Entscheidung“

Anders ausgedrückt: Der VfB gibt bei der Trainersuche kein gutes Bild ab.

Diese Aussage ist absolut richtig.

Woran hapert es?

Das weiß ich nicht. Ich sehe nur, dass niemand da ist und es deshalb einen Überbrückungstrainer gibt.

Könnte die Antwort sein, dass sich die Verantwortlichen beim VfB gegenseitig blockieren?

Das sehe ich nicht so.

Sondern?

Solche Personalentscheidungen müssen von der Sportabteilung vorbereitet werden.

Zugleich ist aber auch die Zukunft von Sportdirektor Sven Mislintat noch offen.

Damit müssen sich Vorstand und Aufsichtsrat beschäftigen. Offensichtlich geht das allerdings nicht im Hau-ruck-Verfahren, sondern benötigt seine Zeit. Das ist sicher einer der Gründe für die missliche Situation.

Wo ist der Ausweg?

Es braucht jetzt möglichst schnell die Entscheidung, mit welcher Führungsmannschaft der VfB die Zukunft angehen will.

Ist Sven Mislintat weiterhin der richtige Sportdirektor für den VfB?

Ich möchte das nicht eindeutig beantworten.

Warum nicht?

Weil es letztlich eine Entscheidung des Vorstandsvorsitzenden Alexander Wehrle und des Aufsichtsratschefs Claus Vogt ist. Ich sage nur: Sportliche Abteilungen werden immer an den Ergebnissen gemessen, die sie liefern, am Tabellenstand, an der Zusammenstellung des Kaders und an der Perspektive, die man gemeinsam entwickelt.

Sie haben neulich gesagt, dass es keine Dissonanzen zwischen Wehrle und Mislintat gibt. Gilt das weiter?

So nehme ich es von außen wahr. In der Frage der Berater, die Wehrle geholt hat ...

... worüber Mislintat nicht informiert war ...

... gibt es keinen Sprengstoff mehr.

Lob für Sami Khedira

Aber bei anderen Themen?

Wahrscheinlich in der Beurteilung der aktuellen Situation. Und vor allem bei dem Punkt, welche Pläne auf den Tisch gelegt werden, um aus dieser Situation rauszukommen.

Alexander Wehrle ist zu der Zeit, als Sie Präsident waren, Ihre rechte Hand gewesen. Haben Sie ihm geraten, den Vorstandsvorsitz beim VfB zu übernehmen?

Das kann ich uneingeschränkt bejahen.

Hat er die Entscheidung schon bereut?

Nein, hat er nicht. Es war auch die richtige Entscheidung.

Alexander Wehrle hat in Sami Khedira, Philipp Lahm und Christian Gentner drei prominente Berater verpflichtet. Wie sehen Sie diesen Schritt von ihm?

Wer sich mit einer Situation konfrontiert sieht wie der VfB – mit einem neuen Vorstandschef sowie Zweifeln an der Kaderzusammenstellung und der zukünftigen Ausrichtung –, braucht fachliche Ratgeber, die auch von außen kommen dürfen.

Vor allem Khedira bringt sich ein, er ist Teil der Trainerfindungskommission.

Ihn verfolge ich schon, seit er beim VfB in der Jugend gespielt hat. Sein Aufstieg fiel voll in meine Zeit. Was ich immer an ihm bewundert habe, ist nicht nur, dass er ein herausragender Fußballer war, sondern dass er ein guter Kopf ist. Er besitzt Führungsfähigkeiten und strategisches Geschick. Es ist absolut richtig von Alex Wehrle, sich von Sami Khedira eine Zweitmeinung darüber einzuholen, was die sportliche Abteilung liefert.

Wäre Sami Khedira auch ein Mann, der beim VfB eine Aufgabe im Management übernehmen könnte?

Das traue ich ihm absolut zu.

Kritik am VfB-Kader

Wesentlich weniger aktiv ist Philipp Lahm.

Ist doch klar: Philipp Lahm hat seine Aufgabe als Jungunternehmer, sein Lebensmittelpunkt ist 250 Kilometer vom Wasen entfernt. Er hat eine andere Rolle als Sami Khedira, der sehr nahe dran ist.

Zurück zum Sport. Wie groß sind Ihre Sorgen beim Blick auf die Tabelle?

Sehr groß, wie schon in der vergangenen Saison, als wir Ähnliches erlebt haben. Ich habe kaum ein Spiel gesehen – auch nicht daheim –, in dem ich das Gefühl hatte, dass wir dominant sind und das Terrain beherrschen.

Woran liegt das?

Im Fußball ist es doch einfach: Man muss als Zuschauer spüren, dass unten auf dem Platz elf Leute sind, die mit Leidenschaft auftreten und nicht nur mit Gedanken an ihre Arbeitsverträge, die erfüllt werden müssen.

Folglich ist aus Ihrer Sicht das Team nicht richtig zusammengestellt.

An unserem Kader zweifle ja nicht nur ich. Dass wir viele gute Kicker haben, sehe ich. Aber was mir fehlt, sind Erfahrung, Führungskraft, Teamgeist und Leidenschaft.

Das wird nicht von heute auf morgen zu ändern sein.

Und trotzdem müssen wir daran arbeiten, die Situation schleunigst zu verbessern, sonst droht uns Fürchterliches.

Was gilt es zu tun?

Das ist ein Thema für die Führung. Aber klar ist: Der Verein muss in der Winterpause etwas unternehmen, denn mit diesem Kader steigt der VfB ab. Und ein dritter Abstieg nach 2016 und 2019 wäre furchtbar für uns.

Ist Joachim Löw ein realistischer Gedanke?

Parallel läuft die Trainersuche. Welcher der drei Kandidaten Jess Thorup, Alfred Schreuder und Michael Wimmer wäre denn für Sie die optimale Lösung?

(atmet tief durch) Bei allen Namen, die ich bisher gehört habe, würde ich keine Freudensprünge machen.

Der frühere VfB- und Bundestrainer Joachim Löw liebäugelt mit der Rückkehr auf die Bank. Würde er passen?

Ich kann mir eine Rückkehr von ihm in die Bundesliga nur ganz schwer vorstellen. Andererseits ist Jogi menschlich und fachlich immer eine super Lösung.

Auch für den VfB?

Natürlich! Und nichts auf dieser Welt ist unrealistisch.

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