Ehrenrat des VfB Stuttgart „Uns fehlt ein Mann mit Charisma“

Hermann Ohlicher hofft auf eine Aufbruchstimmung unter den VfB-Fans. Foto: Pressefoto Baumann 21 Bilder
Hermann Ohlicher hofft auf eine Aufbruchstimmung unter den VfB-Fans. Foto: Pressefoto Baumann

Im StZ-Interview spricht das VfB-Stuttgart-Idol Hermann Ohlicher über die stürmischen Zeiten, die sein Verein gerade erlebt. Er selbst hat als Mitglied des Ehrenrats die VfB-Politik zuletzt aktiv mitgestaltet.

Sport: Thomas Haid (T.H.)
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Stuttgart – Als Mitglied des Ehrenrats hat Hermann Ohlicher (63) in den vergangenen Wochen die Clubpolitik beim VfB Stuttgart aktiv mitgestaltet. Jetzt fordert er eine Strukturreform.
Herr Ohlicher, beim VfB ist in den vergangenen Wochen ziemlich viel passiert. Zuerst ist der Präsident Gerd Mäuser zurückgetreten – und vor acht Tagen dann auch noch der Aufsichtsratschef Dieter Hundt. Wie bewerten Sie diese Entwicklungen?
Das ist ein deutliches Signal in Richtung Aufbruchstimmung. Ein solches Klima brauchen wir jetzt auch unbedingt im Verein und um den Verein herum. Aber wissen Sie, was ich gar nicht verstehen kann?

Nein.
Beide Personalien wurden seit längerer Zeit öffentlich vehement gefordert. Jetzt ist genau dieser Fall eingetreten – und nun wird teilweise geschrieben, dass bei uns das totale Chaos herrscht. Das passt doch hinten und vorne nicht zusammen.

Wie passt es dann besser zusammen?
So, dass alles in geordneten Bahnen läuft. Aber das lese ich selten. Wir sind voll handlungsfähig. In Joachim Schmidt wurde sofort ein neuer Aufsichtsratsvorsitzender gewählt – und demnächst wird unser Kandidat für das Präsidentenamt präsentiert.

Die Entscheidung soll zwischen zwei Wirtschaftsfachleuten fallen?
Dazu will ich nichts sagen, denn das ist Sache des Aufsichtsrats. So ist das in unserer Satzung geregelt. Daran halte ich mich.

Diesen Aufsichtsrat leitete Dieter Hundt insgesamt elf Jahre lang.
Und davor war er schon Chef des Freundeskreises. Er hat große Verdienste um den VfB. Das ist völlig unstrittig.

Aber?
Dass er polarisiert, steht ja auch fest. Entweder man ist für ihn oder gegen ihn. Dazwischen gibt es nichts. Und wenn der sportliche Erfolg ausbleibt, sind eben mehr Leute gegen ihn als für ihn. Denn dann wird alles hinterfragt – und es heißt schnell: Schuld an der Misere ist die angebliche Sparpolitik der Clubspitze.

Dass der VfB ein Führungsproblem hatte, war zuletzt aber klar ersichtlich.
Diese Personaldebatten müssen unverzüglich aufhören. Die Chance dafür ist jetzt da.

Dazu hat auch der Ehrenrat beigetragen, der sich zuletzt deutlich gegen Gerd Mäuser und Dieter Hundt positionierte.
Laut Satzung sind wir für das operative Geschäft zwar nicht zuständig, aber wenn wir befürchten müssen, dass der Verein beschädigt werden könnte, haben wir eine moralische Verpflichtung. Dann bringen wir uns in den Gremien ein. Deshalb haben wir seit Anfang April auch sehr viele Gespräche mit dem Vorstand und dem Aufsichtsrat geführt. Dass davon nichts nach außen gedrungen ist, macht uns stolz.

Heute können Sie aber sagen, was der Tenor dieser internen Gespräche war.
Der Tenor war das, was jetzt geschehen ist.

Viele Leute beim VfB hätten es gerne gesehen, wenn Sie sich als Präsident zur Verfügung gestellt hätten. Warum wollten Sie diesen Wunsch nicht erfüllen?
Erstens habe ich bei meinem Arbeitgeber Totto-Lotto einen Vertrag bis 2015 – und ich habe immer alle Verträge eingehalten. Zweitens hätte ich mein Leben umkrempeln müssen. Drittens fehlt mir für diese Aufgabe jetzt der Biss. Vor zehn Jahren hätte ich noch gesagt – geben Sie mir den Stuhl, ich mache das. Und viertens ist meine Frau erkrankt und benötigt im nächsten halben Jahr meine volle Unterstützung.

Was ist Ihrer Meinung nach das Wichtigste, was der neue Präsident mitbringen muss?
Zu all den Grundvoraussetzungen wie einem funktionierenden Netzwerk und einer Affinität zum Fußball und zur Region kommt in meinen Augen etwas hinzu. Was uns beim VfB seit einiger Zeit fehlt, ist ein Mann mit Charisma und einer positiven Ausstrahlung. Es wäre schön, wenn wir nun einen finden würden, der diese Tugenden besitzt und die Leute begeistern kann.

Diese Begeisterung soll dann im Idealfall auf den ganzen Verein überspringen?
Ich habe schon nach dem Pokalfinale am 1. Juni in Berlin gesagt, dass da jetzt ein Schwung entstanden ist, den wir unbedingt am Laufen halten müssen. Diesen Schwung spüre ich. Und ich hoffe, das führt dann auch dazu, dass wir eine Mitgliederversammlung erleben, die dem VfB würdig ist.

Zur Entspannung könnten auch die Transferaktivitäten beitragen, da der VfB bereits sieben Spieler verpflichtet hat – ein Verdienst des Managers Fredi Bobic?
Ich würde seinen Kollegen Jochen Schneider hinzunehmen. Die beiden arbeiten sehr gut zusammen. Alle Achtung! Das freut mich. Allerdings kann man vorher nie sagen, wie die Neuzugänge letztlich einschlagen werden. Eine Garantie gibt es nicht.

Wurden die richtigen Spieler geholt?
Ich denke schon. Was für mich entscheidend ist – wir brauchen wieder Leute, die auf dem Platz kreativ sind und die für Überraschungsmomente sorgen können. Und wir brauchen besser ausgeführte Standardsituationen. Und dann wäre es noch schön, wenn sich einige Spieler wie Gotoku Sakai, Martin Harnik und William Kvist weiterentwickeln würden, die in der letzten Saison etwas stehen geblieben sind.

Wenn die sportliche Rechnung aufgeht, würde das vermutlich auch dazu führen, dass der VfB wieder ein besseres Image bekommt und als Marke bewusster wahrgenommen wird.
Packen wir das Thema doch mal anders an und vergessen die letzten drei, vier Jahre einfach. Die Vergangenheit ist jetzt aufgearbeitet. Jetzt sollten wir in die Zukunft schauen. Nur das hilft uns weiter.

Was ist mit der Gegenwart?
Unsere B-Jugend ist gerade Meister geworden. Der Trainer Thomas Schneider hat mir gesagt, dass da ein paar richtige Talente dabei sind. Das ist noch wichtiger als der Titel. Vielleicht bringen wir demnächst ja mal wieder einen deutschen A-Nationalspieler hervor. Das muss unser Ziel sein.

Solche Spieler mussten zuletzt jedoch aus finanziellen Gründen bald verkauft werden.
Deshalb müssen wir unsere Strukturen ändern, eine moderne Unternehmensform finden und die Profiabteilung aus dem Gesamtverein ausgliedern – zwar nicht heute, aber morgen oder übermorgen.

Was wäre der Vorteil?
So könnten wir neue Geldquellen erschließen und Investoren bekommen. Darüber müssen wir zwingend nachdenken. Wir orientieren uns ja immer an den Großen in der Liga. Die haben diesen Schritt alle schon gemacht. Sie werden wissen, warum.

Warum?
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