Beginnen wir mit einer Ungeheuerlichkeit: Nicht für jede Mutter und jeden Vater ist es eine Offenbarung, auf dem Spielplatz zu sitzen, Schaukeln zu schubsen, Löcher in den Sand zu bohren oder das freie Spiel der Kleinen zu beobachten. In ihrem klugen Buch „Das Unwohlsein der modernen Mutter“ schreibt es Mareice Kaiser so: „Spielplätze sind die Hölle, ich habe mich nie einsamer gefühlt und war nie dankbarer für mein Smartphone. Ich sitze so viel lieber an einer Bar als an einem Spielplatz.“ Man sollte das vorwegschicken, weil sich in der Diskussion über Eltern am Smartphone das ganze Dilemma moderner Elternschaft spiegelt – und es auch um die Frage geht: Wie egoistisch darf ich als Mutter und Vater sein?
Erziehungsratgeber, Forscher, sogar die Politik haben Eltern am Smartphone in den letzten Jahren als Problem identifiziert. „Heute schon mit Ihrem Kind gesprochen?“ prangte vor ein paar Jahren als vorwurfsvoller Slogan auf Plakaten, die unter anderem das Sozialministerium finanzierte. Zu sehen waren Männer und Frauen auf Spielplätzen und am Essenstisch, die in ihre Handtelefone glotzen, während Babys hilfesuchend die Ärmchen nach ihnen recken. Die Polizei meldete schon Fälle, in denen Smombies (ein Zwitterwort aus Smartphone und Zombies) mit Kinderwagen fast überfahren wurden, und auch „Die Sendung mit der Maus“ griff das Thema mit einem ironisch erhobenen Zeigefinger auf. In dem animierten Lied „Swipe, swipe Elternzeit“ sangen Kinder: „Mama streichelt ihr Gerät, weil sie total drauf steht. Wischi, Waschi, Touchy, Touchy – und immer up to date. Von wegen up to date, das ist sie nie und nimmer. Sie hat ja keinen Schimmer, was bei uns so geht.“
Forscher beobachteten 89 Mütter
Klar, für Kinder ist es frustrierend, wenn dieses Käschtle offenbar interessanter ist als sie, wenn Mama öfter mit dem Zeigefinger übers kalte Display wischt, als ihnen das Köpfchen zu streicheln. Von der miesen Vorbildfunktion in Sachen Medienkonsum mal ganz abgesehen. 2019 beobachteten Forscher aus Tübingen und Hohenheim 89 Mütter auf Spielplätzen und stellten fest: Jene, die längere Zeit ihr Smartphone nutzten, verhielten sich weniger einfühlsam gegenüber ihren Kindern als andere.
Dass diese Spielplatzmütter – wo waren eigentlich die Väter? – schlechte Eltern sind, wollten die Forscher daraus nicht schließen. Sie fanden auch heraus, dass die befragten Frauen keine Youtube-Videos guckten oder bei Instagram Zeit totschlugen. Sie schrieben Einkaufslisten, organisierten Kinderarzttermine oder tauschten sich mit Freunden und Verwandten aus. Anders gesagt: Das Smartphone war für sie auch ein Mittel zur Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Alltagspflichten – und eine Art Tor zur Welt.
Das Smartphone als Mittel der Selbstfürsorge
Zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit hätten Eltern kaum noch Zeit am Stück für sich, schreibt Teresa Bücker in „Alle_Zeit“. Kaum Freiräume, sich mit Menschen zu unterhalten, die keine Kinder sind, in denen sie Artikel lesen, sich um sich selbst kümmern können. Lediglich „Zeitkonfetti“ blieb ihnen dafür. Ein paar Minuten zwischen Kitastart und Büroankunft, zwischen Abendessen und Vorlesen. Oder eben, wenn sie den Buggy schieben, auf der Spielplatzbank sitzen.
Vielleicht muss man das Smartphone in diesen kurzen Zeitabschnitten also als Mittel zur Selbstfürsorge verstehen, als Mini-Ersatz für entgangene Abende mit Freunden und Nachmittage auf dem Sofa mit Buch. Die Tübinger Forscher schrieben: „Das Smartphone gibt Eltern Flexibilität und Autonomie zurück und bietet Kontakt zu Gleichaltrigen in einem sehr isolierten Alltag.“
Was bedeutet das alles für das Thema Eltern und Smartphone? Im Grunde nur ein bisschen mehr Nachdenken auf allen Seiten. Auf jener der Eltern, die sich gut überlegen sollten, wie oft sie das Handy entsperren. Auf jener der Mahner, die nicht jeden Smombie als Sinnbild einer digitalverseuchten Zeit sehen müssen. Manchmal ist das einfach nur eine Mutter auf dem Spielplatz, die lieber in einer Bar wäre – aber trotzdem dasitzt.