Ehrung der IHK im Landkreis Esslingen Was preisgekrönte Azubis über das Vorurteil der faulen Jugend denken

Sven Barthle, Sarah Bauer, Anna Palmieri und Fabian Pfister (von links) haben ihre Abschlussprüfungen mit Bravour bestanden. Foto: R. Bulgrin

Viele Betriebe tun sich schwer, junges Personal zu finden. Häufig ist der Vorwurf zu hören, das liege an fehlender Motivation. Unter jungen Erwachsenen, die einen Preis für ihre Ausbildungsleistungen erhalten haben, sind die Meinungen dazu gespalten.

Stolz sei er auf jeden Fall, sagt Sven Barthle, kurz bevor er im Saal der Württembergischen Landesbühne in Esslingen seinen Preis entgegennehmen darf. Der 22-Jährige ist einer von 36 jungen Erwachsenen, die die Industrie- und Handelskammer (IHK) Esslingen-Nürtingen für ihre Spitzenleistungen in ihrer Ausbildung ausgezeichnet hat. Zwar wird der jüngeren Generation in Zeiten des Fachkräftemangels immer wieder nachgesagt, ihr fehle es heutzutage an Antrieb. Dass dieses Urteil aber zumindest nicht pauschal zutrifft, dafür sind die Geehrten der IHK der Beweis. „Wenn man weiß, was man machen will, dann geht das auch mit der Leistung“, sagt der inzwischen ausgelernte KfZ-Mechatroniker Barthle.

 

An dieser Klarheit mangele es allerdings häufig, gibt der 21-jährige Jason Reutter zu bedenken. An seiner weiterführenden Schule habe er beobachtet, dass viele seiner Altersgenossinnen und Altersgenossen nach dem Abschluss erst einmal nichts gemacht hätten. „Da könnte die Arbeitsmoral höher sein“, sagt Reutter, der den IHK-Preis für eine Ausbildung zum Fahrzeugführer bei der S-Bahn erhalten hat. Fabian Pfister, für sein Abschneiden bei den Prüfungen zum Elektroniker geehrt, stimmt Reutter zu. Am Vorwurf der fehlenden Leistungsbereitschaft „ist etwas dran, wenn ich mir meinen Lehrjahrgang anschaue.“ Der 20-Jährige kritisiert bei einigen aus seiner Altersgruppe „fehlendes Interesse und fehlendes Benehmen“.

Arbeitgeber in der Pflicht

Pfister räumt jedoch ein, dass nicht immer nur die Auszubildenden das Problem seien. Er bemängelt auch die teilweise fehlende Kompetenz der Lehrkräfte an den Berufsschulen. „Die haben die Inhalte oft nicht gut vermittelt.“ Der Eisenbahner Jason Reutter merkt außerdem an, dass bei ihm an der Friedrich-Ebert-Schule häufig Unterricht ausgefallen sei, weil es für kranke Lehrerinnen und Lehrer keine Vertretung gegeben habe. Angesichts des Fachkräftemangels nimmt er auch die Betriebe in die Pflicht, die Ausbildung attraktiver zu gestalten. Denn: „Viele in meinem Alter sind nicht mehr bereit, so viel Zeit wie einst in die Arbeit zu investieren.“

Anna Palmieri sieht das ähnlich: „Früher waren die Werte halt anders.“ Für die ausgebildete und preisgekrönte Floristin bedeutet das aber nicht, dass die Jugend heutzutage faul sei. Im Gegenteil: „Es gibt immer noch genug Menschen, die sich in der Ausbildung voll reinhängen. Und wenn ich mir den schulischen Bereich anschaue, dann sind es vielleicht sogar mehr als früher.“ Eine faire Bezahlung und faire Arbeitszeiten in der Ausbildung zu fordern, ist Palmieri zufolge völlig in Ordnung. Denn darin zeige sich die Wertschätzung für die Auszubildenden. Wenn die hoch ist, „dann ist man auch motivierter“, sagt die 28-jährige Palmieri, die inzwischen in Nürtingen Landschaftsplanung und Naturschutz studiert.

„Spitzenleistung in der Ausbildung“ lautete der Titel der IHK-Veranstaltung an der Württembergischen Landesbühne. Foto: Roberto /Bulgrin

Warum es sich für Unternehmen lohnen kann, sich intensiv um ihr junges Personal zu kümmern, zeigt das Beispiel Sarah Bauer. Die 21-Jährige arbeitet nach ihrem Abschluss weiterhin als Industriekauffrau bei ihrem Ausbildungsbetrieb, der Firma Festool in Wendlingen. „Ich habe mich dort gut unterstützt gefühlt und konnte bei Problemen immer nachfragen.“ Das sieht Bauer als einen der Gründe dafür, warum sie ihre Ausbildung mit IHK-Auszeichnung absolvieren konnte.

Kein neues Phänomen

Und was denken die Arbeitgeber über den Vorwurf der fehlenden Leistung? „Das hängt von den Anreizen ab, die man schafft“, sagt Julia Dörrer, Personalreferentin der Elektrotechnik-Firma Nägele. Das Unternehmen mit Sitz in Denkendorf gehört zwar nicht zur IHK, hat aber einen Ausbildungspreis der Handwerkskammer Stuttgart erhalten. Dörrer zufolge liegt das nicht zuletzt daran, dass Nägele seine Auszubildenden auch fordere. Sie sagt: „Wer nichts zugetraut bekommt, wird schnell als faul abgestempelt.“ Außerdem hält Dörrer das Umfeld im Betrieb für entscheidend. Der zwischenmenschliche Umgang spiele für die Motivation der jungen Erwachsenen oft sogar eine wichtigere Rolle als die Höhe des Gehalts.

IHK-Vizepräsident Alexander Kögel relativiert die Kritik an der vermeintlich unmotivierten Jugend: „Das hat man auch schon über meine Generation gesagt, als ich jung war.“ Für Kögel sind gestiegene Ansprüche an Arbeitgeber nachvollziehbar. Denn während es früher für jeden Ausbildungsplatz zahlreiche Bewerbungen gegeben habe, sei das Verhältnis heute umgekehrt. Kögel: „Die Betriebe müssen sich um die Azubis kümmern, die fliegen ihnen nicht zu.“

Offene Stellen, besondere Leistungen

Mangel
 Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze in Deutschland ist nach Angaben der Datenplattform Statista seit 2019 kontinuierlich gestiegen. 2023 lag sie bei 73 444. Demgegenüber standen im vergangenen Jahr 26 381 Bewerberinnen und Bewerber, die bis zum Stichtag am 30. September keine Ausbildungsstelle erhalten hatten.

Preise
 Die IHK-Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen zeichnet jährlich die besten Absolventinnen und Absolventen ihrer Aus- und Weiterbildungsprüfungen aus. Bei der Handwerkskammer der Region Stuttgart wurden im September Betriebe geehrt. In jedem der sechs Landkreise, die die Einrichtung abdeckt, erhielt ein Unternehmen einen Ausbildungspreis.

Weitere Themen