Ehrung für Ehrenamtlerin Ahrtal, Corona, Gasexplosion - „Messe mich nicht an Auszeichnungen“

Jana Schulte engagiert sich ehrenamtlich beim THW und ist dafür jüngst mit dem Bevölkerungsschutz-Ehrenzeichen des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet worden. Foto: Lichtgut/Philip Mallmann

Ohne Ehrenamtliche läuft nichts. Gerade im Bevölkerungsschutz. Jana Schulte aus Stuttgart ist ganz besonders engagiert - und dafür jetzt geehrt worden.

Kriminalität, Sicherheit und Justiz: Jürgen Bock (jbo)

Es sieht ein bisschen unaufgeräumt aus in der Fahrzeughalle des Stuttgarter Ortsverbandes des Technischen Hilfswerks (THW). Zwischen schweren Lkw, Booten und anderen Einsatzfahrzeugen steht jede Menge Material auf dem Boden. Kabel, Pumpen, Scheinwerfer, Schläuche - Jana Schulte hebt entschuldigend die Hände. „Wir hatten gerade unsere jährliche Materialprüfung“, sagt sie. Sämtliche Gerätschaften müssen wochenlang aus den Fahrzeugen geräumt und dann auf Herz und Nieren untersucht werden. Im Einsatzfall muss schließlich alles funktionieren, davon hängen Leben ab.

 

Viel Arbeit. Vor der sich Jana Schulte nicht drückt. Seit 22 Jahren engagiert sie sich ehrenamtlich beim THW in Stuttgart. „Wie das so ist: Freunde, die schon dabei waren, haben mich mitgenommen. Ich kam mit und dann nicht mehr weg“, erzählt die 39-Jährige. Schon in der Jugendgruppe habe ihr gefallen, dass es beim THW kein typisches Mädchending sei, so wie man sich das zumindest früher noch vorgestellt habe: „Es war laut und dreckig, das hat mir wahnsinnig Spaß gemacht.“ Den Leuten beim THW sei egal gewesen, ob da ein Mädchen oder ein Junge komme. „Ich habe mich immer dessen völlig ungeachtet entwickeln können.“

Und das hat sie wahrlich getan. Lkw-Führerschein, Atemschutzgeräteträgerin, Gruppenführerin, Ausbilderin. Inzwischen ist sie auch Expertin für CBRN, also für chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahren. Fähigkeiten, die in der heutigen Zeit plötzlich sehr gefragt sind. Da kommt man auch innerhalb Deutschlands rum. Zuletzt ist sie für mehrere Tage in der THW-Bundeszentrale in Bonn gewesen.

Jana Schulte hat zahlreiche Krisen als Einsatzkraft begleitet. Sie war bei der Flut im Ahrtal, bei der Flüchtlingsunterbringung eingesetzt, bei der Corona-Pandemie. Bei der Ahrtal-Katastrophe kam der Anruf morgens um fünf Uhr. „Wir wussten erst gar nichts, haben während der Fahrt versucht, herauszukriegen, was wir da machen sollen“, erinnert sie sich nachdenklich. Zu ihren Aufgaben hat dort dann auch die Nachsorge für die Einsatzkräfte gehört, deren Familien teils selbst schwer betroffen waren.

Am meisten belasten heimatnahe Einsätze

Am meisten belastet fühle man sich durch die heimatnahen Einsätze, erzählt die 39-Jährige. Bei der Gasexplosion in der Stuttgarter Köllestraße war sie als Gruppenführerin vor Ort. Trümmer abtragen, Mannschaften koordinieren, nach Vermissten suchen. Kein leichter Job, zumal ehrenamtlich. Da muss auch der Arbeitgeber mitspielen. Schulte arbeitet als verantwortliche Elektrofachkraft und Energiemanagementbeauftragte bei einem Maschinenbauer. Immer wieder muss sie für Einsätze freigestellt werden. „Ich hatte da immer Glück. Mein Chef hat mal gesagt, es gebe manchmal eben wichtigere Dinge.“

Das langjährige Engagement der 39-Jährigen ist außergewöhnlich. Das muss auch jemandem aus ihrem Umfeld aufgefallen sein. Denn vor einiger Zeit erhielt sie Post aus dem Innenministerium. Eine Einladung. Sie solle mit dem Bevölkerungsschutz-Ehrenzeichen des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet werden, las sie da. „Ich habe bei uns im THW rumgefragt, weiß aber bis heute nicht, wer mich vorgeschlagen hat“, sagt Jana Schulte und schmunzelt.

Jana Schulte bei der Verleihung des Bevölkerungsschutz-Ehrenzeichens mit Kollegen neben dem damaligen Innenminister Thomas Strobl. Foto: Innenministerium Baden-Württemberg

Die Ehrung gemeinsam mit 21 anderen Einsatzkräften im Neuen Schloss vor einigen Wochen war dann „der Wahnsinn“. Aus der Hand des damaligen Innenministers Thomas Strobl erhielt sie die Auszeichnung mit Urkunde und Medaille. „Auf die vielen hauptamtlichen und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer ist Verlass. Sie sind da, wenn es darauf ankommt – zu jeder Tages- und Nachtzeit. Damit sind sie die Garanten der Freiheit in unserem Land“, sagte er.

Schulte habe sich „insbesondere durch ihre Tätigkeit als Gruppenführerin, Zugführerin und Ausbilderin für Atemschutzgeräteträgerinnen und -träger einen Namen gemacht. Daneben hat sie zahlreiche Ausbildungen und Lehrgänge durchgeführt und sich an der Entwicklung von Ausbildungsprogrammen beteiligt“, so das Innenministerium. Ihr Engagement reiche weit über die Grenzen des Stuttgarter Ortsverbandes hinaus. Schulte habe „vorbildliche Führungsqualitäten: Sie ist interessiert, zugewandt und charakterlich bestens geeignet. Sie gilt als Vertrauensperson und ist allseits anerkannt.“

1000 Stunden absolviert die Ehrenamtlerin im Jahr

Die derart mit Lob Überhäufte gibt sich bescheiden. „Ich messe mich und das, was ich mache, nicht an irgendwelchen Auszeichnungen“, sagt sie. „Extrem wertschätzend“ sei die Veranstaltung aber dennoch gewesen, es habe viele Gratulationen gegeben, auch bei der Arbeit. Es sei außerdem beeindruckend gewesen, was die anderen Geehrten alles geleistet hätten. „Da saßen viele hochdekorierte Menschen, die wahnsinnig viel Spannendes gemacht haben. Das war für mich eine neue Erfahrung, da rauscht einem ein ganzer Zug durch den Kopf“, sagt sie lachend. Und noch etwas wird ihr im Gedächtnis bleiben: der Duft des „Riesenblumenstraußes“.

Ihr Partner konnte bei der Ehrung nicht dabei sein - aus einem guten Grund. Er ist ebenfalls THWler und war bei einem Ausbildungstermin, auf den er lange gewartet hatte. „Er hat viel Verständnis für meine Abwesenheiten - und das muss ich umgekehrt auch haben“, sagt Jana Schulte. Vermutlich funktioniert das nur so. Denn Schulte investiert pro Jahr 700 bis 900, manchmal gar 1000 Stunden in ihr Ehrenamt beim THW. „Ich wüsste gar nicht, was ich sonst mit meiner Zeit anfangen würde. Für den Musikverein fehlt mir das Talent“, sagt sie und lacht. Beim THW gebe es immer etwas zu tun - und man könne selbst bestimmen, wie umfangreich man sich engagiere.

Jetzt warten erst einmal die Aufräumarbeiten nach der Materialprüfung. Alles, was rausgeräumt wurde, muss wieder in die Fahrzeuge zurück. Jana Schulte ist selbstverständlich auch hier dabei.

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