Eichenhain in Stuttgart-Sillenbuch Warum es nach den Baumfällungen heiß herging

Von Caroline Holowiecki 

Im Oktober ist im Eichenhain in Stuttgart-Sillenbuch gerodet worden. Obwohl das im Sinne des Naturschutzes war, reißt die Kritik nicht ab. Warum wird die Debatte derart emotional geführt? Wir haben jemanden gefragt, der beide Seiten versteht.

Wegen der im Eichenhain gefällten Bäume organisierten Anwohner sogar einen Trauermarsch und stellten Grablichter auf. Foto: Caroline Holowiecki
Wegen der im Eichenhain gefällten Bäume organisierten Anwohner sogar einen Trauermarsch und stellten Grablichter auf. Foto: Caroline Holowiecki

Sillenbuch - Der Schnee liegt wie eine dicke Dämmschicht auf den Baumstämmen im Eichenhain, ruhig ist es aber trotz der weißen Decke nicht. Dass dort, im Naturschutzgebiet zwischen Riedenberg und Sillenbuch, im großen Stil Bäume gefällt und Sträucher entfernt wurden, lässt die Menschen nicht los – selbst wenn das bereits im Oktober war. In Leserbriefen an unsere Zeitung, bei Veranstaltungen, sogar mit einem Trauermarsch und Grablichtern haben die Menschen ausgedrückt, wie sehr sie den Eingriff des Amtes für Umweltschutz verurteilen. Die Riedenbergerin Brigitte Lindner etwa empört sich noch ein Vierteljahr später. In einem Leserbrief verweist sie auf die Bemühungen der Stadt New York gegen den Klimawandel, „wenn ich jetzt sehe, dass mindestens 60 Bäume, und die waren gesund, abgeholzt wurden, das Gestrüpp nicht mitgerechnet, dann blutet mir das Herz“.

Ist der Eichenhain ein Gesundbrunnen?

Hans-Peter Kleemann kennt solche Reaktionen. Der 66-Jährige ist der Vorsitzende der Nabu-Gruppe Stuttgart und der stellvertretende Landesvorsitzende. Bei ihm haben sich viele beschwert, und auch die Biologin Susanne Zhuber-Okrog berichtet von entsetzten Menschen, die sich an die Geschäftsstelle gewandt hätten. Kleemann weiß, was die Sillenbucher und Riedenberger umtreibt, immerhin hat er Jahrzehnte erst im einen, dann im anderen Stadtteil gelebt, außerdem war er von 2007 bis 2009 Mitglied des Bezirksbeirats. „Die Leute haben das Gefühl, der Eichenhain ist für sie ein Gesundbrunnen, daher befürchten sie Einbußen“, sagt er. Er sei für die Anwohner ihr Naherholungsgebiet, „viele Menschen sehen ihn als Teil ihres Lebensraums, wie ihren Garten“.

Heute lebt Kleemann in Schorndorf, aber überall gelte: „Bäume sind den Leuten besonders lieb.“ Der Baum sei als friedlicher Gigant Sinnbild für Ruhe und Beständigkeit. Im feinstaubgeplagten Stuttgart schwinge das Thema Luftqualität zudem mit. Allerdings werde oft mit zweierlei Maß gemessen. „Ich habe etwa 25 Jahre im Bezirk gelebt, und wenn ich überlege, wie viele große Bäume in der Siedlung gefallen sind, die produzieren denselben Sauerstoff.“ Die einseitige Sichtweise mache sich auch anderswo bemerkbar. Hunde ohne Leine oder das Radeln abseits des Hauptweges etwa sind verboten – aber täglich zu beobachten. „Ein Naturschutzgebiet sollte möglichst wenig von Menschen betreten werden“, sagt Kleemann, aber der Eichenhain gehöre zu den am intensivsten genutzten Naturschutzgebieten. Daher müssten im Umkehrschluss die Behörden auch mehr stützen und stutzen, um die Sicherheit zu gewährleisten. „Das sind wieder die Maßnahmen, die ungern gesehen werden, das ist ein großer Widerspruch in sich.“

Die Fällungen waren richtig und wichtig

Kleemann betont: Die Fällungen im Eichenhain waren richtig und wichtig. Zum einen, um den Eichen Platz für einen gesunden Wuchs zu geben. Zum anderen, um dem besonders insekten- und blütenreichen Magerrasen, der durch den Wildwuchs der Jahrzehnte stark zurückgedrängt worden war, wieder eine Chance zu geben. „Das ist einer der artenreichsten Lebensräume, und auf Stuttgarter Gemarkung ist er einzigartig“, sagt Zhuber-Okrog. Feld-Thymian, Glockenblumen, Enziane, Orchideen oder Graslilie gedeihen dort. Sie weiß aber: Während den Bäumen die Sympathien zufliegen, kann mit dem Begriff Magerrasen kaum einer etwas anfangen.

Hans-Peter Kleemann und Susanne Zhuber-Okrog Foto: Holowiecki

Auch Knut Krüger hat sich seine Meinung gebildet. Er ist der Vorsitzende des Vereins Freunde des Eichenhains und hat im November als FDP-Bezirksbeirat gefordert, dass sich jemand vor dem Gremium erklären möge. Der Einschnitt sei „zu radikal“ gewesen. „Da ist das Kind mit dem Bad ausgeschüttet worden“, findet er. Eine schriftliche Erklärung des Amtes für Umweltschutz, die er in der jüngsten Sitzung des Bezirksbeirats bekam, reichte ihm nicht. „Das ist alles schön und gut, aber das beruhigt die Leute nicht“, bemängelte er.

Zwei unglückliche Aspekte kamen zusammen

Die Nabu-Experten räumen ein, dass im Eichenhain zwei unglückliche Aspekte zusammenkamen. Zum einen sei dort derart lang nichts mehr gemacht worden, dass der Eingriff besonders massiv ausfallen musste. In Häppchen, glaubt Kleemann, wäre das kaum einem aufgefallen. Zum anderen liegen die Bäume immer noch da.

Auch der Riedenbergerin Lindner stößt auf, dass sie nach Monaten noch „die Wunden der Bäume anschauen muss“, sie spricht von einer „Schande“. Die Biologin Zhuber-Okrog hält dagegen, dass der Boden gefroren sein muss, um die Stämme mit schwerem Geräte rauszuholen, „das würde bei der momentanen Feuchtigkeit zu großen Zerstörungen führen“. Kleemann hofft, dass sich die Situation beruhigt, wenn die Stämme weg sind und alles wieder grün ist. Seine Erfahrung lehrt ihn: „Das verwächst sich.“

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