Eidechsen-Umsiedlung Beobachten, abwarten – und schnell zupacken

Von Claudia Barner 

Insgesamt 24 erwachsene Zauneidechsen und ihr Nachwuchs müssen wegen eines geplanten Neubaugebiets in Waldenbuch (Landkreis Böblingen) umgesiedelt werden. Das Expertenteam braucht für diese Aufgabe einen guten Blick und Fingerspitzengefühl.

Der Nürtinger Professor Christian Küpfer (links) und sein Mitarbeiter Marius Arnold haben ein Reptil im Blick.Foto: Claudia Barner Foto:  
Der Nürtinger Professor Christian Küpfer (links) und sein Mitarbeiter Marius Arnold haben ein Reptil im Blick. Foto: Claudia Barner

Waldenbuch - Der Umzugsservice ist schon da. Doch nach Kunden, die auf gepackten Kisten sitzen, sucht man hier vergebens. Die Klientel ist scheu und hält am liebsten Abstand. 24 erwachsene Zauneidechsen sowie deren zahlenmäßig nicht erfasste Kinderschar müssen vom 1,2 Hektar großen Gelände des Waldenbucher Neubaugebiets Liebenau VII in ein Ersatzhabitat umgesiedelt werden. Anstelle von Verpackungskünsten und Muskelkraft sind hier also vor allem Fingerspitzengefühl und Geduld gefragt. Ein kleines Team rund um den Nürtinger Professor Christian Küpfer hat die Aufgabe übernommen, den Ortswechsel für die flinken Tierchen so angenehm wie möglich zu gestalten.

Der Laie entdeckt die Tiere schwerlich

Seit einer halben Stunde kniet Christian Küpfer regungslos auf dem gerodeten Gelände am Südhang über dem Aichtal. Sein Blick fixiert ein kleines Loch im Boden. „Schauen Sie genau hin, dann können Sie sie sehen“, sagt er mit gedämpfter Stimme und deutet auf eine Stelle im Gras. Da müsste sie sitzen, die braun-grün gemusterte Zauneidechse. Doch dem Laien fehlt die Erfahrung. Außer grünen Halmen und brauner Erde kann er nichts entdecken.

Die Experten vom Wolfschlugener Büro Stadt-Land-Fluss hingegen wissen genau, worauf es ankommt. Ihr Auftrag: die geschützten und vom Aussterben bedrohten Tiere rechtzeitig vor Baubeginn in Sicherheit zu bringen. Seit 10 Uhr am Morgen ist der Wissenschaftler mit drei Mitarbeitern auf dem Gelände unterwegs. „Zauneidechsen sind wechselwarme Tiere. Sie brauchen eine Weile, bis sie auf Temperatur kommen, und sind deshalb in den Morgenstunden weniger agil. Diese Chance müssen wir nutzen“, erklärt Christian Küpfer.

Das neue Domizil ist gleich in der Nachbarschaft

In großen Schleifen laufen die Landschaftsplaner die Wiese ab. „Wenn etwas über den Boden huscht oder wir ein Loch in der Erde entdecken, dann schauen wir genauer hin“, erklärt der Fachmann. Die Eidechse wird aufgespürt und sanft vom Erdloch wegdirigiert. Dann erfolgt der Zugriff: Eine schnelle Handbewegung, und das Tier ist im Sack.

Für den schonenden Transport nutzen die feinfühligen Umzugsbegleiter kleine Jutebeutel, die mit Gras gepolstert sind. Damit geht es zum neuen Domizil gleich in der Nachbarschaft. Fünf Gehminuten weiter oben am Hang ist eine neue Heimat für die Zauneidechsen entstanden. Ziegen und Schafe haben das Areal beweidet, die alten Brombeerbüsche wurden abgeholzt und die Obstbäume geschnitten. Jetzt treibt die Aussaat für die bunte Blumenwiese, die Insekten anlocken soll. Rechts und links eines kleinen Trampelpfades hat Christian Küpfer drei Habitat-Inseln mit verzweigten Holzhaufen und Sandinseln geschaffen, in denen die Tiere heimisch werden sollen.

„Es war mir wichtig, dass hier etwas entsteht, das sich in die Landschaft einfügt, einen Mehrwert für die Menschen hat und leicht bewirtschaftet werden kann“, betont er. Noch sind die Habitate eingezäunt. Doch im nächsten Frühjahr soll die schwarze Folie wieder verschwinden. So lange dauert es erfahrungsgemäß, bis die Tiere in ihrem neuen Zuhause angekommen sind.

Es gehöre immer auch ein bisschen Glück dazu

Doch erst einmal ist der Wissenschaftler noch eine Weile als Umzugshelfer gefragt. „Es kann sein, dass wir bis in den Juni hinein mit der Umsiedlung beschäftigt sind“, sagt er. Es gibt Tage, da lässt sich keines der wendigen Reptilien blicken. An anderen können Christian Küpfer und seine Helfer bis zu 14 Tiere einsammeln. „Es gehört immer auch ein wenig Glück dazu“, verrät der Experte, der in Waldenbuch bereits seine zehnte Umsiedlungsmaßnahme leitet.

Eingestellt wird die Suche, wenn an drei Tagen hintereinander keine Eidechse mehr gefunden wird. Dann erst kann mit den Erschließungsarbeiten im Waldenbucher Neubaugebiet begonnen werden. „Wir sind momentan in der Planungsphase für den Straßenbau“, erzählt die Amtsleiterin Katharina Jacob. Mitte Mai ist die Ausschreibung geplant. Und wenn alle Reptilien umgezogen sind, erobern im Sommer dann Raupen, Lader und Bagger das Gelände.




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