Eiermann-Campus in Stuttgart-Vaihingen Bezirksbeirat will keinen Garden Campus

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Die Vaihinger Lokalpolitiker sind überzeugt, dass eine weitere Bebauung des ehemaligen IBM-Geländes im Westen Vaihingens dem Stadtbezirk generell schadet.

Der Siegerentwurf sieht einen zentralen Platz mit einem See vor. Foto: Steidle Architekten und Realgrün Landschaftsarchitekten
Der Siegerentwurf sieht einen zentralen Platz mit einem See vor. Foto: Steidle Architekten und Realgrün Landschaftsarchitekten

Vaihingen - Der Bezirksbeirat bleibt seiner Linie treu. Das Gremium will nicht, dass auf dem ehemaligen IBM-Gelände gebaut wird. Die Lokalpolitiker befürchten vor allem, dass der Verkehr im Stadtbezirk dann kollabiert. Auch aus ökologischen Gründen sei das Projekt schlecht für Vaihingen. Denn um bauen zu können, muss Wald abgeholzt werden. Zudem würden die neuen Gebäude und vor allem das nun geplante Hochhaus die Frischluftschneise beeinträchtigen. Daran ändere auch der Siegerentwurf nichts, fasste Gerhard Wick (SÖS/Linke-plus) zusammen. „Der Bezirksbeirat hält eine über das derzeitige Maß der Bebauung hinausgehende Aufsiedlung des Gebiets für unverträglich“, formulierte Wick einen Antrag. Die Mitglieder des Gremiums nahmen diesen bei vier Enthaltungen an.

Gut zwei Stunden hatte das Gremium zuvor über den sogenannten Garden Campus diskutiert. Markus Pärssinen von Seyler + Pärssinen war in die Sitzung gekommen, um den bisherigen Verlauf des Projekts und den Siegerentwurf vorzustellen. Er ist einer der beiden Geschäftsführer des Büros Seyler und Pärssinen Projektpartner, das für das Bebauungsplanverfahren zu ständig ist. Michael Hausiel vom Amt für Stadtplanung und Stadterneuerung ergänzte den Vortrag aus Sicht der Verwaltung.

Der Siegerentwurf hat eine hohe Qualität

Einig waren sich alle, dass der vom Büro Steidle Architekten und Realgrün Landschaftsarchitekten vorgelegte Siegerentwurf eine hohe Qualität hat. Selbst von den Bezirksbeiräten wurde das nicht geleugnet. Die Architekten gehen offensiv mit dem Thema Lärm um. Eine 560 Meter lange Glaswand und das ebenso lange Schleifenhaus schirmen das Innere des Gebiets gegen die hohen Geräuschpegel von der Autobahn ab. Gleichzeitig kann im Schleifenhaus gewohnt werden.

Im Süden und Osten des Geländes gruppieren sich Wohn- und Geschäftshäuser um Innenhöfe. In der Mitte gibt es einen großen Platz und einen See. Zudem sieht der Entwurf ein 50 Meter hohes Hochhaus an zentraler Stelle vor. Ansonsten haben die Häuser fünf bis sechs Geschosse. Der Wohnanteil soll bei 73 Prozent, der Gewerbeanteil bei 23 Prozent liegen. Vier Prozent der Flächen sind für soziale Infrastruktur vorgesehen, also zum Beispiel für eine Schule, Kindergärten und eine Bibliothek. Pärssinen rechnet mit etwa 3500 Einwohnern und 2000 Arbeitsplätzen.

Viele Fragen müssen noch geklärt werden

Der Umwelt- und Technikausschuss will sich im ersten Quartal 2017 noch einmal mit der Frage beschäftigen, was es für ein funktionsfähiges Quartier braucht. Anschließend soll der Siegerentwurf als Grundlage für das weitere Bebauungsplanverfahren herangezogen werden. Dabei seien noch viele Fragen zu klären, sagte Hausiel. So geht es zum Beispiel um den Abstand zur Autobahn. Laut Gesetz müssen es mindestens 40 Meter sein. Auch zwischen dem Schleifenhaus und den von dem Stararchitekten Egon Eiermann geschaffenen und unter Denkmalschutz stehenden Pavillons sind bestimmte Abstände einzuhalten. Darüber hinaus muss der Investor ein Lärmschutz-, Erschließungs- und Mobilitätskonzept vorlegen.

Den Bezirksbeirat beschäftigen ganz ähnliche Fragen. „Das Projekt steht und fällt mit dem Verkehrskonzept“, sagte Eyüp Ölcer (Freie Wähler) und ergänzte: „Das Gebiet darf nicht auf Kosten der Anwohner der Gründgensstraße angebunden werden.“ Auch Linus Fuchs (SPD) fragte: „Wie kommen die Leute in das Quartier rein und raus?“ Zudem verwies er darauf, dass jeder abgeholzte Quadratmeter Wald eins zu eins ersetzt werden müsse. „Wo soll das geschehen?“, fragte Fuchs.

CDU im Bezirksbeirat:

Christa Tast (Grüne) fragte Hausiel: „Wie weit sind sie mit dem städtebaulichen Vertrag? Die vielen Untergesellschaften waren für uns von Anfang an ein großes Fragezeichen. Uns geht es nicht darum, was drumherum passiert, uns geht es um den Erhalt der Eiermänner.“ Dahinter steckt die Befürchtung, dass die Gerch-Gruppe als Investor mit ihren vielen Untergesellschaften am Ende nur baut, was für sie rentabel ist, und die denkmalgeschützten Eiermann-Gebäude nicht wieder zu neuem Leben erweckt.

Wolfgang Georgii bezweifelte ganz generell, dass ein funktionsfähiges Quartier möglich ist. „Der Standort ist nicht gut“, sagte der CDU-Bezirksbeirat. „Wir haben das Gelände Daimler und der Uni angedient. Keiner wollte es haben. Vaihingen ist mit Arbeitsplätzen gut versorgt. Die Wohnungen kosten mindestens 15 Euro auf den Quadratmeter und sind damit recht teuer. Wir haben gute Chancen auf dem IBM-Gelände eine Ruine zu bekommen“, sagte Georgii und bekam dafür Applaus.

Kritik an der Bürgerbeteiligung

Pärssinen verteidigte den Entwurf. „Ein Bürostandort hätte nicht funktioniert“, gab er Georgii Recht und ergänzte: „Darum sind Dreiviertel der Flächen für Wohnungen geplant. Wir glauben, dass das funktioniert.“ Beim Thema Mobilität sprach er von einem Pooling-Konzept. „Wir wollen weg vom Individualverkehr“, sagte Pärssinen. Es solle einen Pool geben mit Elektrofahrzeugen, Fahrrädern und kleinen Shuttlebussen. Sein Unternehmen habe bereits ein erstes Gespräch mit einem Automobilkonzern geführt. „Das könnte ein Pilotprojekt werden.“ Die Bezirksbeiräte waren dennoch nicht überzeugt. Sie kritisierten auch die Bürgerbeteiligung, die Pärssinen zuvor als „vollständig transparent“ und „einmalig“ gelobt hatte. „Das war keine Bürgerbeteiligung“, sagte Axel Weber (CDU). Die grundsätzliche Frage, ob die Bürger diese Bebauung überhaupt wollen, sei gar nicht gestellt worden. Kristin Wedekind (Grüne) verwies darauf, dass der Bezirksbeirat das Projekt von Anfang an abgelehnt habe. Wicks Antrag, dem die Bezirksbeiräte mit breiter Mehrheit folgten, war da nur konsequent.

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