Ein Aichtaler hilft in Afrika Damit niemand fliehen muss

Eckart Winter besucht seine Schützlinge in Gambia. Foto: privat
Eckart Winter besucht seine Schützlinge in Gambia. Foto: privat

Alle Welt redet über die Flüchtlinge, die es nach Deutschland schaffen. Eckart Winter will, dass Menschen erst gar nicht fliehen müssen. Er hilft vor Ort.

Region: Verena Mayer (ena)
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Aichtal/Banjal - Wenn sich nicht bald was tut, dann weiß Eckart Winter nicht, wie er weitermachen soll. Kommt er nicht zu mehr Geld, kann er nicht mehr helfen. Und wenn er nicht mehr helfen kann, dann geraten in 6000 Kilometer Entfernung sehr wahrscheinlich die Leben von 15 Jugendlichen aus der Bahn, die ohnehin nicht besonders gerade verläuft.

Eckart Winter sitzt auf seiner Terrasse in Aichtal. Vor ihm scharen sich Bienen, die Pollen suchen. Hinter ihm stapeln sich Kartons, die er endlich ausräumen sollte. Der 53-Jährige ist er vor Kurzem in das Häuschen gezogen. Und über ihm türmen sich diese blöden Geldsorgen, die immer größer werden. Seit eineinhalb Jahren unterstützt Eckart Winter junge Menschen in Gambia. Ganz klein hat er angefangen. Mit 50 Euro für zwei Säcke Reis. Doch sein Einsatz hat sich rasch vervielfacht. Inzwischen hat Winter mehr als 10 000 Euro für seine ganz persönliche Form der Entwicklungshilfe ausgegeben. Nicht eingerechnet die 15 Prozent Gebühren, die ihn jede Überweisung kostet. Nun muss Winter, der noch nicht lange wieder eine Anstellung als Kirchenmusiker hat, sagen: „Ich habe die Grenze meiner finanziellen Leistungsfähigkeit überschritten.“

Wenn Eckart Winter auf seiner Terrasse von Gambia erzählt, dann klingt das erst einmal nach paradiesischer Erholung. Die weißen Strände, die farbenfrohen Pflanzen, die exotischen Tiere. Allerdings dauert es nicht lange, und das, was Eckart Winter berichtet, erweist sich als hochpolitisch. Aus Gambia stammt ein erklecklicher Teil der Mittelmeermigranten. Von den 22 050 Menschen, die in der ersten Hälfte dieses Jahres in Baden-Württemberg einen Erstantrag auf Asyl stellten, kamen neun Prozent aus dem kleinsten Staat Afrikas. Zum Vergleich: aus dem Bürgerkriegsland Syrien kamen 13 Prozent. In der Statistik belegte Gambia Rang vier. Eckart Winter sagt: „Ich versuche, dazu beizutragen, dass junge Gambier ihre Zukunft in ihrem eigenen Land sehen.“

Chatverkehr mit Ebrima

Winters Zukunftsprogramm beginnt im Januar 2014 bei Facebook. In seinem virtuellen Postfach findet er die Freundschaftsanfrage eines jungen Mannes. Winter nimmt sie an. Er kann nicht sagen, warum. Irgendwie glaubt er zu spüren, dass sich aus dem Kontakt etwas Besonderes ergeben könnte. Der Kontakt heißt Ebrima, ist 19 Jahre und lebt in Gambia. Ein Chatverkehr beginnt. Wer bist du? Wie geht es dir? Was machst du? Kennenlerntalk eben.

Nicht lange, dann berichtet Ebrima, dass sein Vater gestorben sei und er sich mit der Mutter und den vier Geschwistern durchzuschlagen versuche. Und eine weitere kurze Weile später schreibt Ebrima: „Wir haben nichts mehr zu essen!“ Eckart Winter wundert sich. Klar kennt er die Bilder von spindeldürren Männern und Frauen und Kindern mit aufgedunsenen Bäuchen. Aber das ist doch wo anders in Afrika, Sahelzone oder so. Nicht dort, wo es Internet und Facebook gibt. Heute sagt Eckart Winter: „Die ganze Realität von Afrika habe ich mir bis dahin nicht vorgestellt.“ Heute weiß er, dass Gambia zu den ärmsten Ländern der Welt zählt. Die Vereinten Nationen führen das Land an 172. Stelle ihrer 187 Plätze fassenden Entwicklungsrangliste. Mehr als 60 Prozent der 1,8 Millionen Einwohner leben unterhalb der Armutsgrenze. Der einzig nennenswerte Wirtschaftssektor ist der Tourismus. Doch seit man bei Westafrika sofort an Ebola denkt, bleiben auch die Urlauber aus.

Eckart Winter beschließt zu helfen. Er schickt Ebrima Geld. 400 Euro insgesamt. Der Junge soll Essen für seine Familie kaufen und zur Schule gehen. Als Eckart Winter herausfindet, dass der junge Mann in Wahrheit nicht zur Schule geht, bricht er den Kontakt ab.




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