Es ist Montag. Die dritte Woche des novemberlichen Teil-Lockdowns ist angebrochen. Im Pflegezentrum Paulinenpark gab es in den vergangenen Tagen ein bestimmendes Thema für die 69 Bewohner und die Mitarbeiter: der Corona-Fall im dritten Stock und die erwarteten Befunde vom Gesundheitsamt Stuttgart. „Am vergangenen Donnerstag sind alle unsere Bewohner auf Corona getestet worden“, sagt Eberhard Frei. Das Corona-Mobil war da. Die Mitarbeiter werden seitdem täglich auf Antikörper getestet.
Seit fünf Jahren leitet Frei das Pflegeheim im Stuttgarter Westen unweit der Liederhalle. Zentraler als das Haus der Diak Altenhilfe kann ein Haus in einer Großstadt kaum liegen. Gegenüber liegt ein Supermarkt. Die Straßenbahn hält vor der Tür. Unter dem Haus befindet sich eine öffentliche Tiefgarage. Ihr Ausgang führt ins Foyer des Seniorenzentrums. Der Paulinenpark ist ein sehr offenes Haus. Und genau so soll es auch sein.
Sechs Wohngruppen leben auf drei Stockwerken zusammen. In normalen Zeiten besucht man sich gegenseitig, oder man kommt im Bistro Krempel im Erdgeschoss zu Veranstaltungen zusammen: Kino, Gymnastik, Quiz, Konzert. Aber die Zeiten sind nicht mehr normal, seit sich das Sars-CoV-2-Virus rasant verbreitet. Veranstaltungen finden jetzt nur noch stockwerkweise statt. Die 21 Männer und 48 Frauen, die hier leben, gehören zur sogenannten vulnerablen Bevölkerungsgruppe. Sie sind zwischen 59 und 104 Jahre alt und gelten als besonders seelisch und körperlich verwundbar. Die Politik will sie schützen. Aber letztlich ist dieses Schützen nun die Aufgabe von Eberhard Frei und seinem Team. Während des zweiten Teil-Lockdowns sollen die Heime offen bleiben, so das Versprechen der Politik.
„Wir haben viel Glück gehabt“
2020 ist wohl Freis anstrengendstes Jahr. Er hat das W-LAN installiert, um von März bis Juni zumindest virtuell die Beziehung seiner Bewohner zu deren Angehörigen nicht abbrechen zu lassen. Sogar Logopädiestunden gab es online. Frei hat Sponsoren für drei Tablets gefunden, ein Angehörigentelefon eingerichtet. Er ist so etwas wie ein Kapitän auf einem Schiff, von dem er nicht mit letzter Sicherheit sagen kann, dass er es auf Kurs halten kann. Er fährt auf Sicht.
Die Formulierung klingt mittlerweile abgedroschen. Doch beschreibt sie die Situation sehr gut. 1117 Pflegeheime gibt laut Statistischem Landesamt. Wer über ein Pflegeheim in Corona-Zeiten spricht, hat die Bilder im Kopf aus Wolfsburg, wo im Frühjahr 47 Heimbewohner starben. Es sind diese Zahlen, die mitschwingen, wenn man versucht, die Herausforderungen zu verstehen, vor denen Heimleiter und Personal stehen.
Dennoch hat Frei ohne zu zögern zugesagt, sein Heim journalistisch durch die Pandemie begleiten zu dürfen. „Jeden Abend, wenn ich nach Hause gehe, bin ich froh, dass wir keinen Corona-Fall haben“, hat er noch vor drei Wochen gesagt. Man brachte das Haus gut durch die ersten achteinhalb Monate der Pandemie. Niemand ist an Corona erkrankt. „Wir haben auch viel Glück gehabt“, sagt der 63-Jährige. Bis vor einer Woche.
Eine Bewohnerin hatte plötzlich Symptome. Es war Corona. Sie wird inzwischen im Krankenhaus versorgt, es geht ihr gut. Ihr Mann, der sie täglich besucht, ist negativ getestet worden. Aber der Physiotherapeut, der bei ihr war, hatte auch zu anderen Bewohnerinnen Kontakt. Vier sind jetzt in Quarantäne in ihren Zimmern. Es geht darum, mögliche Infektionsketten zu unterbrechen. Wer sie pflegt, muss sich vorher umziehen: Kittel, Schutzbrille, Handschuhe.
Zwei zusätzliche Krankmeldungen
Der Montag hat mit zwei Krankmeldungen zusätzlich zu den zwei schon länger kranken Pflegekräften begonnen. Die Hauswirtschaftsleiterin Katharina Lang muss in Windeseile Dienstpläne ändern – und auch tun, was laut Corona-Hygienekonzept eigentlich nicht sein sollte: Pflegekräfte zum Dienst auf zwei Stockwerken einteilen. In der Praxis muss der Mangel an Pflegekräften nun mal irgendwie ausgeglichen werden, alles andere würde die Versorgung der Bewohner unmöglich machen. Damit die Pflege weiter funktioniert, ist hundertprozentige Hygiene nötig. Hinter den 32 Stellen im Personalplan verbergen sich im Paulinenpark viel mehr Köpfe: Genau 74 Beschäftigte aus 25 Ländern. Nur mit Teilzeitkräften lässt sich im Dienstplan entsprechend jonglieren.
Und dann passiert es halt doch, dass ein Pfleger am Wochenende aus Pflichtbewusstsein trotz verdächtiger Symptome zur Arbeit kommt, erst einmal, dann relativ spät zum zweiten Mal getestet wird. Zum Glück negativ. Im Team analysieren sie im Nachhinein die Fehlerkette, die ein Infektionsgeschehen hätte in Gang setzen können. Gerade noch einmal Glück gehabt.
„Sind die Ergebnisse schon da?“, fragt die Frau mit dem weißen Kurzhaarschnitt an diesem Montagvormittag. Sie ist 82 Jahre alt. Zu Jahresanfang ist sie nach einem Schlaganfall eingezogen. Sie sitzt im Rollstuhl in der Wohnküche, wo sich das Gemeinschaftsleben der Wohngruppe Hölderlin abspielt. Hausgemeinschaftskonzept heißt das. Frühstück ab 8 Uhr, Mittagessen um 12.15 Uhr, Kaffee ab 14 Uhr, Abendessen um 17.30 Uhr.
Die Alltagsbegleiterin fragt, was sie aus der Zeitung vorlesen soll. Die sechs Zuhörer antworten einstimmig: „Corona“. Das Thema beschäftige die Bewohner sehr, sagt Eberhard Frei. Doch sie wirken nicht besonders angespannt oder ängstlich. „Ich fühle mich hier sicherer als draußen“, sagt eine Bewohnerin. Vieles, was man draußen erledigen muss, machen hier andere für sie.
„Ich muss noch ein bisschen leben“
Der 79-jährige Rolf Kittel ist als Letzter zum Frühstück gekommen. Seine Hüftoperation will er aufschieben, bis das alles vorbei ist. Aber man werde wohl auch künftig mit dem Virus weiterleben müssen, meint er.
Es ist seine Zeitung, aus der jetzt vorgelesen wird. In der Meldung geht es um die Kulturförderung in Corona-Zeiten. Die Alltagsbegleiterin erzählt außerdem, wie die kleinen Läden ums Überleben kämpfen, weil ja gerade niemand Lust auf einen Innenstadtbummel habe. „Hoffentlich müssen nicht schon wieder die Schulen und Kitas schließen“, sagt die Frau mit den kurzen Haaren. Sie hofft auf das Ende der Pandemie. „Ich muss noch ein bisschen leben. Ich will ja schließlich wissen, was aus meinen Enkelkindern wird.“ Ihr ältester Enkel ist jetzt 14 Jahre alt.
Eduard Neumann ist 104. Er sagt: „Vor was soll ich Angst haben? Ich kann es ja doch nicht ändern.“ Seine Frau und seine Freunde leben nicht mehr. Besuch bekommt er von seiner ehemaligen Nachbarin. Wie alle Besucher muss sie jedes Mal ihre Hände desinfizieren und einen Fragebogen zu ihrem Gesundheitszustand ausfüllen.
Auf mehr als 4000 Antikörper-Schnelltests können der Paulinenpark und das Haus Bethanien, die beide zur Diak Altenhilfe gehören, zurückgreifen. Sie haben sich eigenständig damit eingedeckt. „Aber wir testen nicht ohne Anlass“, sagt Eberhard Frei. Um die 15 bis 20 Besucher täglich zu testen, müsste er eigentlich eine Pflegefachkraft an den Eingang abstellen. Doch das gibt die Personalsituation nicht her. „Ein Restrisiko bleibt immer“, sagt er nüchtern.
Um 13.49 Uhr kommt die Nachricht, dass auch die letzten zwei noch ausstehenden Testergebnisse negativ ausgefallen sind. Die Bewohner im dritten Stock können ihre Zimmer wieder verlassen. Der Geburtstagsbesuch kann jetzt kommen. Aber alle wissen: Das ist nur eine Momentaufnahme.