Ein Badener in Friesland Vom Ländle ans Meer: „Wie man ins Watt hinein ruft, so schallt es heraus“

, aktualisiert am 30.09.2025 - 13:25 Uhr
Rimmler am Westerhever Strand, im Hintergrund der bekannte Leuchtturm Foto: Martin Tschepe

Martin Rimmler aus Karlsruhe war lange beim Nationalpark Schwarzwald beschäftigt. Jetzt arbeitet er beim Nationalpark Wattenmeer und mahnt, die Natur Natur sein zu lassen.

Rems-Murr/ Ludwigsburg: Martin Tschepe (art)

Ein strahlend schöner Spätsommertag an der nordfriesischen Westküste. Der Himmel satt blau. Der Wind bläst nur leicht aus Südwest. Martin Rimmler hat vor gut einer viertel Stunde Feierabend gemacht und ist von seinem Arbeitsplatz bei der Nationalparkverwaltung Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer in Tönning an die Küste nach Westerhever gefahren.

 

Westerhever ist der Ort mit einem der bekanntesten Leuchttürme der Republik. „Wie das Land, so das Jever“, heißt es in einem populären Werbespot, der den „herben, ursprünglichen Charakter vom Friesland und seinem Bier“ preist. Das mag stimmen, wenngleich Jever 100 Kilometer Luftlinie vom Leuchtturm entfernt liegt.

Acht Jahre arbeitete Rimmler beim Nationalpark Schwarzwald

Martin Rimmler kommt gerne hierher. In der rauen Natur fühlt sich der 1982 in Karlsruhe geborene Mann wohl. Bei Sonnenschein, bei Wind und Wetter, immer. Nach seinem Geoökologie-Studium hat der Badener rund acht Jahre lang beim Nationalpark Schwarzwald gearbeitet. Er war verantwortlich für den Bereich Partnerschaften, hat Betriebe gesucht und gefunden, die sich einsetzten für die Idee des Nationalparks – und im Gegenzug für ihr Engagement als sogenannte Partner des Parks mit einem Label für sich und ihren Betrieb werben durften.

Was hat den eingefleischten Badener bewogen, ausgerechnet nach Friesland zu ziehen, in den nördlichsten Landkreis Deutschlands? Hatte er genug vom dichten dunklen Wald? Nein, er habe sich rundum wohl gefühlt im damals neu ausgewiesen Nationalpark, der anfangs alles andere als unumstritten war. Es ist immer noch eine tolle Gegend für mich“, sagt er. „Ich wollte ja eigentlich auch gar nicht weg von diesem Flecken Erde.“

Nationalpark Wattenmeer: Ein Leben direkt am Meer

Rimmlers neues Zuhause Foto: Martin Tschepe

Er habe sich vor gut zwei Jahren nicht nach einem neuen Job umgeschaut. Eine Kollegin zeigte ihm en passant eine Annonce, die alles ins Rollen brachte. In Tönning, so war in der Ausschreibung zu lesen, suchte man jemand mit genau seinem Profil.

„Den Gedanken fand ich sehr reizvoll.“ Bei dem deutlich größeren und älteren Nationalpark Wattenmeer ist ein ganzes Team mit dem sogenannten Partnernetzwerk betraut. Zudem habe ihn die Perspektive getriggert, direkt am Meer zu leben. Er bewarb sich einfach mal – und wurde genommen.

Martin Rimmler macht hier eine ganz ähnliche Arbeit wie im Süden. Er sucht und betreut Partner für den Nationalpark. Gefragt nach der Hauptaufgaben eines Nationalparks in Deutschland antwortet er, ohne eine Sekunde nachzudenken: „Natur Natur sein lassen!“ Dieses Ziel sei leider „nicht so fest in uns Menschen verankert“. Seit Jahrtausenden greife der Mensch ein, baue Häuser, Wege, Straßen, bepflanze riesige Gegenden, halte Tiere und und und. Sehr viel von dem, was aussieht wie naturbelassene Wälder, sagt Rimmler, seien Forste – meist auch noch mit großen Maschinen bewirtschaftet.

Wanderungen von Amrum nach Föhr

Im Nationalpark Schwarzwald gilt „Natur Natur sein lassen“ bereits für den Großteil des Waldes. Niemand greift ein, er kann machen, was er will. Genauso sei das im Wattenmeer. Vorrang haben Flora und Fauna. „Wir Menschen sind nur zu Gast da.“ Vieles soll möglichst unberührt bleiben. Es gibt Ausnahmen: Führer mit Genehmigung dürfen ihre Gäste bei Niedrigwasser in bestimmten Bereichen durchs Watt leiten. Sogar von Insel zu Insel wird gewandert, etwa von Amrum nach Föhr. Fischer dürfen ihre Netze auswerfen, Surfer an festgelegten Stellen mit ihren Brettern übers Meer gleiten.

Rimmler kommt viel rum in Schleswig-Holstein. Kürzlich war er auf Sylt. Der Insel Sylt Tourismus-Service (ISTS), größter touristischer Dienstleister auf der mondänen Insel, wurde jetzt offiziell als Partner des Nationalparks anerkannt. Die Zahl der Betriebe, die mittlerweile zum Netzwerk gehören, nähert sich der 200. Der ISTS ist nun wie alle anderen Partner verpflichtet, sich für den Schutz des UNESCO-Weltnaturerbes Wattenmeer und für nachhaltigen Tourismus einzusetzen. Für das Ressourcen schonende Arbeiten und für enge Kooperation mit den Sylter Naturschutzorganisationen. Wer die Einzigartigkeit dieses Ökosystems verstehe, der sei bereit und auch in der Lage, das Wattenmeer zu schützen, davon ist Rimmler überzeugt. „Nachhaltigkeit“, sagt er, „ist kein Trend, sondern eine Notwendigkeit“.

Die Natur und die Höhlen der Alb faszinierten ihn schon als Kind

Schon seine Mutter sei sehr naturverbunden gewesen, erzählt er. Die Eltern machten mit dem Buben viele Wanderausflüge in Karlsruhe und Umgebung. Er erinnert sich auch gut an einen Ausflug in die Bärenhöhle auf der Schwäbisch Alb. „Danach wollte ich unbedingt Höhlenforscher werden, mein erster Berufswunsch.“ Als Schüler nahm Martin in den Sommerferien meistens an Zeltlagern teil. Unter freiem Himmel schlafen, im Wald sein und an Seen: das sei für ihn als Teenager das Größte gewesen.

Nach dem Zivildienst mit behinderten Menschen in Israel ging es nach Marburg. Das Chemie-Studium war dann doch nichts für ihn. „Ich saß immer in Räumen, entweder im Hörsaal oder im Labor, und hab mit giftigen Substanzen hantiert.“ Nach einem Semester folgte der Wechsel nach Bayreuth: Geoökologie, ein interdisziplinärer Studiengang, der sich mit den Wechselwirkungen von biologischen, geologischen und chemisch-physikalischen Prozessen befasst. Genau das richtige für den Naturburschen.

Bei einem Umwelt-Ingenieurbüro startete er in den Beruf. Bald schon war wieder dieser Gedanke im Kopf, wie damals im Chemie-Studium: „Ich muss raus!“ Ranger in einem Nationalpark, das wäre es! Ein Ranger wurde damals zwar nicht gesucht, wohl aber jemand für die Regionale Entwicklung des noch jungen Nationalparks Schwarzwald. Rimmler bewarb sich, bekam die Stelle und war happy. Er saß zwar weiterhin oft im Büro. „Aber wenn ich das Haus verlassen habe, stand ich mitten im Wald.“

Nationalparks bieten Lebensraum für viele

Beim Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, der vor 40 Jahren gegründet wurde, ist vieles eine Nummer größer als im Schwarzwald. Allein die Abteilung Kommunikation und Nationalpark-Partner, für die Rimmler arbeitet, hat 15 Stellen. Auch bei der Nationalpark-Fläche kann der Schwarzwald nicht mithalten. Im Vergleich zur Gesamtfläche der Bundesrepublik seien aber alle 16 Nationalparks Deutschlands zusammen immer noch winzig, sagt Rimmler. „Die Menschen sollten zumindest auf diesen wenigen Quadratkilometern die Natur möglichst unberührt belassen.“

Die Nationalparks bieten Lebensraum für viele, teils seltene und bedrohte Arten. Wenn zu viele Arten aussterben, sagt Rimmler, gerate alles in Gefahr: die Lebensgrundlage der Menschheit. Einer seiner Professoren habe die Natur mal mit einem Flugzeug verglichen: So ein hochmoderner Flieger verfüge über zig Sicherungssysteme. Wenn aber zu viele dieser Systeme ausfallen, komme es unweigerlich zum Absturz.

Ziel der Nationalparks: Die Natur Natur sein lassen

Die Menschheit könne ohne die ein oder andere Art leben. „Wenn zu viele Arten verschwinden, wird es aber irgendwann gefährlich – selbst für die Menschen mit ihrer modernen Medizin“, sagt Martin Rimmler. „Wir müssen zumindest ein paar Flächen der Natur überlassen.“ Und genau das sei das Ziel der Nationalparks in Baden-Württemberg, in Schleswig-Holstein sowie in allen anderen Bundesländern.

Wie hat sich das Südlicht im hohen Norden eingelebt? Kommt Martin Rimmler klar mit den Nordfriesen, denen nachgesagt wird, sie seien ziemlich verschlossen und wortkarg? Es heißt ja, wer hier zur Begrüßung „moin, moin“ sage anstatt nur „moin“, gelte schon als Schnacker – also als hoffnungslose Plaudertasche. Er komme prima zurecht, sagt Rimmler. Dass er nun am Meer leben darf, genieße er jeden Tag aufs Neue. Die Spaziergänge am Strand – „jedes Mal ein erhabenes Gefühl“. Nur ein paar Kilometer Fahrt mit dem Rad oder mit der Bahn und er könne im Meer schwimmen. Kajak fahren, das ist sogar direkt vor der Haustür auf der Eider möglich. „Wie toll ist das denn.“

Und auch über die Menschen in Norddeutschland könne er nur Gutes sagen. Wie überall komme es wohl auch in Friesland vor allem darauf an, wie man sich als Neuankömmling aufführt. Wie man ins Watt hinein ruft, so schallt es heraus.

Natürlich vermisse er seine Heimat und Süddeutschland manchmal. Er habe immer sehr gerne im Schwarzwald gelebt und gearbeitet, sagt Martin Rimmler. „Aber wenn ich zu Besuch bei der Verwandtschaft bin, denke ich auch schnell wieder ans Meer.“ Womöglich wäre ein gelegentlicher Wechsel zwischen beiden Welten eines Tages mal eine Option für den Nationalpark-Mann. Er wäre nicht der erste Baden-Württemberger, der zeitweise im hohen Norden lebt und dann wieder weit im Süden.

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