Ein Ballett über Anne Franks Leben Eines Tages war sie nicht mehr da

Von Andrea Kachelriess 

Darf ein Choreograf Anne Frank zum Tanzen bringen? Am Badischen Staatstheater in Karlsruhe geht der junge Choreograf Reginaldo Oliveira das Wagnis ein und holt sich Rückendeckung bei aktuellen Konflikten.

Aufmüpfiger Teenager im Hinterhaus: Bruna Andrade (knieend)als Anne Frank Foto: Klenk
Aufmüpfiger Teenager im Hinterhaus: Bruna Andrade (knieend)als Anne Frank Foto: Klenk

Karlsruhe - Es ist nicht leicht, das auf der Ballettbühne abzubilden, was ein totalitäres Regime mit Menschen macht. Wenn es um Unfreiheit und die Mechanismen von Unterdrückung geht, scheint Tanz nicht das geeignete Ausdrucksmittel. Denn freie Bewegung durch Raum und Zeit, die Grundkonstanten von Tanz, sind da eigentlich tabu. So legte John Crankos Ballett „Die Befragung“, das 1967 die Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses in einen kafkaesken Ort verwandelte, eher Nerven blank, als Körper virtuos zu bewegen. Und auch Demis Volpi setzte dem Tanz in „Krabat“, seinem 2013 uraufgeführten Hit für das Stuttgarter Ballett, klare Grenzen: In der Mühle des Meisters, dem Ort von Terror und Angst, wird geknechtet und pariert; draußen ist der Tanz Symbol der Freiheit.

Reginaldo Oliveira, Gruppentänzer des Badischen Staatsballetts und von dessen Direktorin Birgit Keil geförderter Choreograf, stand bei seinem ersten abendfüllenden Stück für die eigene Kompanie offensichtlich vor ähnlichen Fragestellungen. Und so ist „Anne Frank“, am Samstag im Großen Haus des Badischen Staatstheaters uraufgeführt, über weite Strecken ein Nicht-Ballett. Dann ist es die Musik, die das Drama voranbringt, auch wenn sie vom Band kommt; entsprechend haben Oliveira und seine Dramaturgin Silke Meier die Kompositionen von Lera Auerbach, Max Richter, Alfred Schnittke und Dimitri Schostakowitsch gewählt und montiert.

Vor allem aber gelingen der wandelbaren Bühne von Sebastian Hannak und den zeitgetreuen Kostümen von Judith Adam große Bilder und feine Stimmungen, leider nicht immer frei von Klischees. Drei weiße Drei­ecke sind erst Projektionsfläche für die Tagebuchseiten der Anne Frank, dann öffnen sie sich auf Straße, Strand und Schule, um von einer Kindheit im niederländischen Exil zu erzählen. Über Eck zusammengeschoben, deuten sie die Enge des Verstecks in der Amsterdamer Prinsengracht an, wo sich die Franks mit der Familie van Pels und Fritz Pfeffer fünfzig Quadratmeter teilen. Wenn Oliveira auf den Spuren von Anne Franks Biografie von Verfolgung und Flucht, von Nazi-Terror und Willkür erzählt, wenn sich sein Ballett bis an den Ort ihres Sterbens im Konzentrationslager Bergen-Belsen vorwagt, dann verstummt der Tanz vor dem Unsagbaren. Schon zuvor hatte er sein Vokabular stark eingeschränkt, Bewegungen stachen wie Stachel in den Raum, statt zu fließen, die Körper der Frauen verhärteten sich. Dann marschieren die Nazi-Schergen auf, durch schwarze Masken zur zeitlosen Bedrohung stilisiert, und lassen die Absätze knallen; manchmal gehen sie in elegantem Bogen zu Boden und bewegen sich wie Gewürm, das Millionen den Tod brachte. Für sie sterben Anne Frank und ihre Schwester Margot symbolisch – und da bietet Oliveira in Romeo-und-Julia-Manier fast zu viel Aufbäumen. „Eines Tages waren sie einfach nicht mehr da“, gab eine Leidensgenossin der Frank-Schwestern später zu Protokoll.

Dass Anne Frank auf der Karlsruher Bühne auch ohne virtuose Tanzszenen mit Nachdruck präsent ist, liegt am frechen Charme, den ihr Bruna Andrade gibt. Sie ist fröhliche Strandnixe, quirlige Schülerin, später im Versteck aufmüpfiger Teenager. Oliveira hat ihr Flavio Salamanka als personifiziertes Tagebuch, das Anne Frank ja Kitty nannte, zur Seite gestellt. Wenn Kitty an ihrem zwölften Geburtstag ins Leben der Anne Frank tritt, wäre eigentlich der Moment für einen Pas de deux da; auch später im engen Versteck hätte der Tanz Mittel sein können für die schwärmerische Anne, sich mit Pablo Dos Santos in der Rolle des Peter van Pels wegzuträumen. Dass Oliveira diese und auch andere Gelegenheiten verstreichen lässt, wirft die Frage auf, ob ihm das Projekt nicht doch zu groß war.

Rückendeckung für einen tänzerisch eher dürftigen Abend holt sich der Brasilianer bei der aktuellen Flüchtlingskrise. Als die Franks aus Deutschland fliehen und als Anne stirbt, zieht im Hintergrund ein Strom von Menschen vorbei, der aktuelle Bilder von den Grenzen Europas aufgreift. Auch im Bahnwaggon, in dem Anne und die anderen Entdeckten Auge in Auge mit dem Publikum ins Verderben fahren, wird ihr Schicksal beispielhaft für Verfolgung. Bleibt die Frage, ob eine brav nacherzählte Biografie das Mittel der Wahl ist oder ob sich Angst, Verfolgung und zerstörte Hoffnungen nicht mit abstrakteren Bildern bewegender begreifen lassen.

Wieder am 27. April, 6. und 22. Mai sowie an weiteren Terminen bis zum 19. Juli