Reinhard und Dorothea Sulies sind von Berlin in den tiefsten Schwarzwald gezogen. Das Paar im Rentenalter hat dort eine ehemalige Flößer-Schänke zu einem gemütlichen Gasthaus umgebaut.
Ein schmuddelig grauer Wintertag im verwunschenen Heubachtal. Unter freiem Himmel ist es an diesem Vormittag mitten im Schwarzwald recht ungemütlich. Es nieselt, die Luft ist kühl. In den Bäumen rund um den Auerhahn hängen Nebelschwaden. Auf der schmalen Straße, die sich von Schiltach fünf Kilometer weit hinauf bis zu der anno 1755 erstmals eröffneten Flößer-Wirtschaft schlängelt, ist nichts los. Nur der Heubach macht ein bisschen Radau, fließt gurgelnd hinunter ins Tal, wo er am Ortsrand von Schiltach in die Kinzig mündet. Wer hier Anfang Februar unterwegs ist, hat seine Ruhe und trifft kaum auf andere Menschen. Was für ein Kontrastprogramm zu Berlin!
Dorothea und Reinhard Sulies haben vor zwei Jahrzehnten den Auerhahn gekauft, die Gaststätte dann peu à peu saniert und mit viel Liebe zum Detail umgebaut. Das Ehepaar aus Berlin hat die pulsierende Großstadt eingetauscht gegen die Stille im Schwarzwald. Der Mathematiker und Physiker war Schulleiter, ist jetzt 71 Jahre alt und hat bis zu seinem Umzug in die baden-württembergische Provinz immer nur in Berlin gelebt. Seine Frau ist 67 Jahre alt und stammt aus einem kleinen Ort im Westerwald. Die Physiotherapeutin hatte sich als junge Frau bewusst für das Leben in der Großstadt entschieden. Beide haben damals in Berlin zusätzlich zu ihren festen Jobs professionell gesungen, unter anderem mit den Berliner Philharmonikern. Über die Musik haben sie sich auch kennengelernt.
Dummes Zeug?
Sie hatte nie darüber nachgedacht, Berlin je wieder zu verlassen. Aber er hatte immer wieder davon geredet: Eines Tages werde er in den Schwarzwald ziehen, den er von vielen Wanderurlauben kannte. Von diesem Plan erzählte er allen und jedem. Dummes Zeug, dachte sie damals. Doch weit gefehlt.
Irgendwann, erzählen die Eheleute, hätten sie zumindest mal damit begonnen, den Schwarzwald gemeinsam zu bereisen. Und schließlich hatte der Reinhard seine Dorothea doch so weit: Nach einem Solo-Urlaub im verregneten Schwarzwald hat sie ihr Okay gegeben. Die Übereinkunft sah damals vor, ein Haus in Alleinlage zu suchen, das nicht unter Denkmalschutz steht, das an einem Hang liegt, eine eigene Quelle hat und eine Auffahrt – damit man auf den ersten Blick aus dem Fenster sehen kann, wer da zu Besuch kommt. Keine leichte Aufgabe. Man könnte auch sagen: So eine Immobilie gibt’s doch gar nicht. Viel „überteuerter Schrott“ sei ihnen angeboten worden, sagt Reinhard Sulies. Die Makler hätten mit Blick auf solche Gebäude aber erklärt: Wird irgendwann trotzdem gekauft. „Aber sicher nicht von uns“, hat er ihnen geantwortet.
Als sie zum ersten Mal den Auerhahn gesehen haben, war schnell klar: Das ist es! Grandios! Die Gaststätte war verpachtet. Gut so. Die Sulies wollten nämlich eigentlich noch einige Jahre in Berlin bleiben und Geld verdienen – er als Rektor, sie mit der eigenen Physio-Praxis. Dann aber kündigten die Pächter – und die Hauptstädter hatten ein Problem. Ein uraltes, renovierungsbedürftiges Haus im Schwarzwald, das viel Geld frisst, aber keine Einnahmen mehr bringt. Sie haben den radikalen Schnitt gewagt: den Schulleiter-Job gekündigt, die Praxis und das Haus in Berlin verkauft. Ein Neustart im Ländle. Und was für einer!
Der Auerhahn hat eine lange Tradition als Gaststätte Foto: Tschepe
Die Sulies hatten sich nun also ihren Traum verwirklicht: ein imposantes Gebäude, seit mehr als 250 Jahren als Gasthaus genutzt. Der Auerhahn war einst eine einfache Stube für die Bergknappen des benachbarten Silberbergwerks und für die Flößer, die das im Wald geschlagene Holz auf dem Heubach in Richtung Kinzigtal transportierten. In den 1960er Jahren war die Wirtschaft letztmals umgebaut worden, zu den Gästen zählten damals in erster Linie Wanderer und Urlauber. Auf den Tisch kam einfache Hausmannskost zu kleinen Preisen.
Funktioniert das auch im Wald?
Mit dem Einzug der Berliner sollte diese Gastro-Geschichte also für immer enden. Das geht doch nicht – mit diesen Worten lässt sich die damalige Reaktion der Einheimischen zusammenfassen. Die Sulies hatten rasch Kontakte geknüpft. Vorübergehend nahmen sie eine Nachbarsfamilie auf, die nach einem Hausbrand obdachlos geworden waren. Der Auerhahn müsse eine Wirtschaft bleiben, so die Botschaft auch dieser Leute.
Und so kam die Idee mit dem Privat-Restaurant. „Ich hatte nie etwas mit Gastronomie zu tun“, sagt Dorothea Sulies, „ich habe nur gerne gegessen und gekocht.“ Ein paarmal sei sie in Berlin in einem Privatrestaurant gewesen, wo nicht á la carte gekocht wird, sondern nur das, was die Gäste sich wünschen. Ob so etwas auch im Wald funktioniert? Das Experiment ging vom ersten Tag an auf. Der Auerhahn kann für zwei bis 20 Personen gebucht werden. Werbung, sagt Reinhard Sulies, hätten sie nie gemacht. Alles laufe über Mund-zu-Mund-Propaganda.
Die Gaststube Foto: Tschepe
Viele Gäste kommen regelmäßig aus Nah und Fern in den Auerhahn. Sie wissen, bei Dorothea und Reinhard Sulies lässt sich fast so speisen wie in der Sterne-Gastronomie. Und der Wein ist vergleichsweise günstig. Sie ist eine begnadete Köchin, die auf den Märkten in der Umgebung frische, regionale Produkte einkauft und viele Kräuter im eigenen Garten und im Gewächshaus anbaut. Er ist der perfekte Gastgeber, „obwohl ich nie gedacht hätte, dass es mir Spaß macht, mit Leuten zu reden, die ich nicht kenne“.
Von Anfang Mai bis Anfang Oktober ist der Auerhahn an den Wochenenden und Feiertagen zudem eine Vesperstube, auf deren Karte allerdings nicht Pommes und Rote Wurst stehen, sondern frisch geräucherte Forellen und Flammkuchen. Diese Vesperstube geht in diesem Mai ins letzte, das 20. Jahr, dann ist Schluss. Das Privatrestaurant wollen die beiden noch länger betreiben.
Es ist früher Nachmittag geworden an diesem nass-kühlen Wintertag. Der Kaminofen hat die Gaststube mollig warm aufgeheizt. Dorothea Sulies verschwindet für kurze Zeit in ihrer Küche – und tischt bald ein kleines, feines Mittagessen auf: Salat aus jungem Spinat, Urmöhren und geröstete Pinienkerne, selbst gemachte Dattel-Curry- sowie Forellen-Creme, dazu ein gerade aus dem Ofen geholtes Brot und frisch gezapftes, kühles Wasser aus der eigenen Quelle.
War der Umzug ein Kulturschock? Gab oder gibt es Probleme mit den Menschen hier, die ja doch etwas anders ticken als Großstädter? Heimweh nach Berlin? Dreimal nein! In Berlin seien sie oft anderthalb Stunden unterwegs gewesen, wenn sie ein Konzert besuchen wollten. Vom Auerhahn aus fahren die beiden Freunde der schönen Künste jetzt regelmäßig ins Festspielhaus Baden-Baden. Das dauert auch nicht länger, und geboten werde auch dort „Weltklasse“.
„Im Schwarzwald gehen die Menschen nett miteinander um“
Viele Schwarzwälder seien freundlicher als die Menschen in Berlin, sagt Dorthea Sulies. Sie habe schnell neue Freunde gefunden beim Pilates, im benachbarten Schenkenzeller Freibad, beim Blutspenden, im Secondhandshop in Schiltach. „Im Schwarzwald“, sagt sie, „gehen die Menschen nett miteinander um.“ Das sei im „hektischen Berlin“ oft anders. Seine Frau, sagt Reinhard Sulies sei „die Außenbeauftragte“ des Auerhahns, er der Hausmeister, der auch keinen Urlaub mehr brauche. Trotzdem geht es im März nach Südamerika, ihr zuliebe.
Die Hauptstadt besuchen die Sulies nur noch einmal im Jahr – wegen des großen Kulturprogramms, der vielen Restaurants und um alte Freunde wieder zu sehen. „Wenn ich dann zurück in den Schwarzwald komme, freue ich mich immer wie Bolle“, sagt er.
Der Umzug habe Aufregung ins Leben gebracht. Bereut hätten sie den Entschluss noch keinen Tag. Das neue Daheim von Dorothea und Reinhard Sulies ist ihr Traum(gast)haus im stillen Tal. Und wenn sie hier mitten in der Nacht, bei offenem Fenster und voller Lautstärke „Carmina Burana“ hören, stört das keine Menschenseele.