Die Politik muss noch warten auf ihn. Wie er in seinem Haus im Schwarzwald auf dem Sessel federt, zuweilen die Worte zügelt und mit Mimik auf eine Pointe zusteuert, um diese mit exaktem Timing rauszuhauen – da wird rasch klar: Dieser Mann ist Meister im Gehirnjogging und liebt die Bühne so sehr, dass er auch im eigenen Wohnzimmer nicht anders kann, als seine Stärke auszuspielen. Es gibt viele Gründe, warum Schwaben ihn lieben. Ein wichtiger Grund ist, dass Schultheiß wahre Größe mit Bescheidenheit zu verbinden weiß. Oft wurde er unterschätzt, niemals ist er Sendern hinterhergerannt – und ging am Ende doch meist als Sieger hervor.
„Als Großvater bin ich Spätentwickler“
Im Hause des Schauspielerpaars wird viel gelacht. Neuerdings ist Kinderlachen hinzugekommen. „Als Großvater“, sagt der Hausherr, „bin ich Spätentwickler.“ Sohn Götz Schultheiß, ein Journalist, ist im vergangenen Herbst mit 63 Jahren Vater von Zwillingsmädchen geworden. Drei Generationen leben nun im Haus in Wildberg. „Je älter man wird, desto wichtiger wird das Wesentliche“, findet die Hausherrin. „Net mehr“ als „schöne Momente mit der Familie“ wünscht sie sich. Ihrem Walter fehlten Bühne und Publikum mehr als ihr. Dieser winkt ab. „Was weg ist, ist weg“, sagt er. Lesungen gibt er mit seiner Frau immer noch.
„Rhabarber oder Schoko?“, fragt Trudel Wulle beim Kuchenverteilen. „Ka mrs essa?“ Und ob! So sehr, dass jeder zwei- oder gar dreifach zugreift. Was übrig bleibt, sollen wir mitnehmen, nur nicht den Rhabarber, der sei „missrata“. So einen lässt eine Schwäbin nicht raus. Dabei schmeckt alles sehr gut.
Schultheiß holt Alben, in denen Fotos, Programmhefte und Kritiken aus sieben Jahrzehnten aufbewahrt sind. Wir blättern in einem prall gefüllten Künstlerleben. Es reicht von der „Hochzeitsnacht im Paradies“, einem seiner ersten Theaterstücke, bis zum Film „Global Player“, in dem er mit 88 Jahren seine erste Kinohauptrolle spielte und viel Lob dafür bekam. Ob es ihn stolz macht, Dokumente des Erfolgs anzuschauen? „Wieso sollte ich stolz sein?“, fragt der gebürtige Tübinger zurück, „ich hab nur meine Arbeit getan – das machen viele in ihrem Bereich.“
Am Samstag feiert Schultheiß auch den 69. Hochzeitstag
Sein „Bereich“ ist das Schwäbische. Einst hörte er es ungern, wenn man ihn „Volksschauspieler“ nannte. Klingt dieses Wort nicht nach „Schwobaseggel“? Im Alter sind ihm Bezeichnungen nicht mehr so wichtig. Seine Trudel sieht’s positiv: „,Volksschauspieler‘ ist eine Auszeichnung! Der Begriff bedeutet, das Volk mag ihn.“ Die beiden sind eins, wie man es nur selten erlebt. Die Art, wie sie miteinander umgehen, berührt. Ihr herzliches Zusammenspiel in einem langen Leben hat 1947 auf der Bühne begonnen. Am Samstag feiern sie den 69. Hochzeitstag.
Ein Gespräch mit Schultheiß ist ein Slalom von einem Kalauer zum nächsten. Ein geborener Monarchist sei er, erfährt man, „ich kam per Kaiserschnitt zur Welt.“ Seine Frau sei die Allerbeste, fährt er fort: „Ich kann sie jedem empfehlen.“ Das klingt lustig und unbeschwert – sein Leben war es nicht immer. Vielleicht ist die Pointenliebe sein Schutz vor zu tiefen Blicken ins Private.
Walter Schultheiß gehört zu einer Generation, die an der Kriegsfront gelitten und danach das Land aufgebaut hat. In dieser Generation lichten sich die Reihen. Seine Jugendfreundin, die Tochter des Verlegers der „Tübinger Chronik“, lebt nicht mehr. Sie war Jüdin und plötzlich verschwunden. Der Vater von Walter Schultheiß, Kraftfahrer im Dienste des Zeitungschefs, war ein Gegner der Nazis und erklärte aus Sorge dem Sohn, die Verlegerfamilie sei nach Afrika gezogen.
Fährt Hamlet nackt auf dem Motorrad auf die Bühne?
Als Kind hat Schultheiß „Faust“ mit Puppen gespielt. Mit 18 Jahren musste er nach Russland. Eine Woche vor Kriegsende traf ihn eine Kugel. Der vom Bauchschuss abgemagerte Mime erzählte 1947 vor einem hungernden Publikum in Stuttgart so bildhaft „das Märchen von den dicken, fetten Pfannkuchen“, dass seine Trudel diese Passage noch heute nachspielen kann. Beim ersten Rendezvous fragte er: „Kannschd kocha?“
Ernste Rollen waren’s, für die der junge Schultheiß brannte. Bestimmt mehr davon hätte er gespielt, wäre er nicht mit den Straßenkehrern zum Publikumsliebling geworden. Mit Werner Veidt bildete er zwei Jahrzehnte lang ein sauberes Erfolgsduo.
Zum Wendepunkt seiner Karriere ist in den 1970ern der ZDF-Film „Pannenhilfe“ geworden. TV-Autor Felix Huby war begeistert. Unbedingt wollte er für ihn schreiben. Er tat dies über Jahre! Als Köberle, Eugen, in „Oh Gott, Herr Pfarrer“ und im „König von Bärenbach“ hat Schultheiß das Schwabenbild erweitert. Die schwäbische Seele wird in seiner Person verständlich. Er plädiert für eine tolerante Gesellschaft, in der sich die Starken um die Schwachen kümmern. Nicht nur in seinen Rollen waren ihm stets die „kleinen Leute“ näher als der Club VIP und Wichtig. Wenn er ins Theater geht, dann lieber in eine Komödie. „Beim Schauspiel musst du heute Angst haben, dass Hamlet nackt auf dem Motorrad reinfährt“, sagt er.
„Ich freue mich über Anrufe an meinem 100. Geburtstag“
Am Samstag, bittet er, sollte man ihn besser nicht anrufen. Da müsse er sich um seine Gäste kümmern, mit denen er ins Restaurant geht. „Ich freu mich“, sagt Schultheiß, „dann über Anrufe an meinem 100. Geburtstag.“ Über das Alter, in dem die Leut sterben, sei er längst hinaus. Da könne man unbeschwerter sein und werde immer dankbarer.
Ob er Angst vor dem Sterben hat? Es ist klar, dass Schultheiß auch diese Frage mit einer Pointe beantwortet: „Nein, nicht, ich muss ja nicht unbedingt dabei sein.“